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Teresa Heinz Kerry Unbeherrscht und widerborstig

 ·  Teresa Heinz Kerry wäre eine „ziemlich außerordentliche First Lady", versichert der Präsidentschaftskandidat der Demokraten - worin ihm selbst seine ärgsten Gegner recht geben.

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Der Parteitag der amerikanischen Demokraten in Boston hatte noch nicht offiziell begonnen, da beging Teresa Heinz Kerry einen Fehltritt, wie ihn manche Wahlkampfmanager ihres Mannes, John Kerry, insgeheim schon seit Monaten befürchtet hatten. Erbost über einen konservativen Journalisten, dessen Berichterstattung ihr schon seit langem mißfällt, fauchte Teresa Heinz Kerry, der unliebsame Medienvertreter möge sich seine Fragen „in den Hintern schieben".

Auch wenn diese Bemerkung im amerikanischen Original ("shove it") nicht ganz so vulgär wie in der deutschen Übersetzung klingt, handelte es sich doch um eine verbale Entgleisung, die gut in das Bild von der unbeherrschten Millionenerbin zu passen scheint, das konservative amerikanische Medien von der Frau des demokratischen Präsidentschaftskandidaten zeichnen, die an Stelle der eher sanften Laura Bush ins Weiße Haus einziehen will. Zusätzliche Schadenfreude bereitete den Anhängern Bushs noch, daß der Attacke ein Empfang vorausgegangen war, auf dem Teresa Heinz Kerry für einen besseren Umgangston plädiert und mehr Würde und Anstand im politischen Geschäft gefordert hatte.

Im Ausland geboren

Ihrer zuweilen ruppigen Art zum Trotz ist die Frau John Kerrys und Witwe des Ketchup-Millionärs John Heinz gleichwohl auf Harmonie bedacht: Sie schwört auf fernöstliche Meditation, schmückt die Wände ihres Hauses im Washingtoner Stadtviertel Georgetown mit den Gemälden holländischer Meister und gibt Millionen von Dollar für Umweltschutz, Gesundheitsvorsorge und Projekte der Entwicklungshilfe aus. Sollte Teresa Heinz Kerry die nächste amerikanische First Lady werden, bekäme das Weiße Haus auch wieder mehr internationalen Flair - oder "exotischen" Flair, wie zweifelnd jene bemerken, die es mehr mit den gegenwärtigen texanischen Bewohnern halten.

Die kosmopolitische Millionärin, die in Moçambique aufwuchs, in Genf eine Dolmetscherschule besuchte und als Übersetzerin bei den Vereinten Nationen arbeitete, wäre jedenfalls erst die zweite im Ausland geborene First Lady nach der gebürtigen Engländerin Louisa Adams, deren Mann John Quincy Adams von 1825 bis 1829 regierte. Im Gegensatz zu den meisten Einwanderern hat Teresa Heinz Kerry freilich schon das Geld und den Einfluß, von dem die Neuankömmlinge noch träumen, zu denen sie im Wahlkampf über "Amerika als Land der Möglichkeiten und Hoffnungen" spricht. Die soziale Kluft zu ihren Zuhörern überbrückt die Tochter eines portugiesischen Arztes durch lebhafte Schilderungen ihrer Kindheit und Jugend in Afrika. Während sie den Vater zu Krankenbesuchen in die Dörfer Moçambiques begleitete, lernte Teresa, die sich selbst nie um Geld sorgen mußte, Armut und Elend kennen. Später, während der Ausbildung in Johannesburg, zog sie zu Protesten gegen die Apartheitpolitik auf die Straße.

Keine Liebe auf den ersten Blick

Jetzt, im Wahlkampf, greift die für ihre unverblümte Art bekannte Teresa Heinz Kerry mit scharfen Worten die Regierung Bush an. "Zynisch", "machiavellistisch" und "spalterisch" sei deren Politik. Während ihrer Rede auf dem Parteitag in Boston verzichtete sie freilich auf derartige Vorwürfe und gab sich statt dessen als patriotische Überbringerin einer Botschaft der Hoffnung, des Aufbruchs und der Erneuerung. Als Immigrantin, die in einer Diktatur gelebt habe, wisse sie, wie "besonders" Amerika und wie kostbar das "heilige" Gut der Freiheit sei, versicherte sie ihrer jubelnden Zuhörerschar. Amerika habe der Welt gezeigt, wie weit man es mit Pioniergeist bringen könne. Ihr Mann werde den Amerikanern das verlorene Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten wiedergeben und ein "hoffnungsvolles" und "glänzendes" Amerika führen, nach dem sich die Menschen überall im Land sehnten.

Vor Jahren, als ihr erster Mann, der republikanische Senator John Heinz, der 1991 bei einem Flugzeugabsturz ums Leben kam, mit einer Bewerbung für das Präsidentenamt geliebäugelt hatte, hatte sie derartige Ambitionen noch energisch zurückgewiesen: Nur über ihre Leiche werde das geschehen. Mit der gleichen Leidenschaft, mit der sie damals gegen die Kandidatur plädierte, unterstützt sie nun den Wahlkampf von John Kerry. "Neun Tage die Woche", scherzt sie. "Denn in meinem Alter habe ich kein Recht mehr, egoistisch zu sein." Teresa Heinz Kerry, Mutter von drei Söhnen, ist 65 Jahre alt, fünf Jahre älter als der geschiedene Kerry, der Vater von zwei Töchtern ist. Erstmals begegnet sind sich der Politiker aus Massachusetts und die damalige Frau Heinz 1990 auf den Stufen des Kapitols, wo Senator John Heinz die beiden einander vorstellte. Zwei Jahre später traf Kerry die attraktive, mittlerweile verwitwete Teresa Heinz auf dem Umweltgipfel von Rio wieder. 1995 feierte das Paar Hochzeit. Es sei nicht Liebe auf den ersten Blick gewesen, sagt Teresa Heinz Kerry. Dazu seien sie beide schon zu alt gewesen.

Freimütige Meinungsäußerung

Teresa Heinz Kerry, die in ihrem Privatflugzeug "The Flying Squirrel" ("das Flughörnchen") von lateinamerikanischen Landarbeitern an der amerikanischen Westküste zu Damenclubs in ostamerikanischen Großstädten jettet, spricht im Wahlkampf über die gesamte Palette politischer Themen. Herzensangelegenheit sind für sie aber Umweltschutz, Gesundheit, Bildung und die Gleichberechtigung von Frauen. Diese Themen stellte sie denn auch in den Mittelpunkt ihrer Rede auf dem Bostoner Parteitag. Sie hoffe, daß irgendwann der Tag kommen werde, an dem Frauen, die wie sie selbst freimütig ihre Meinung sagten, nicht mehr als eigensinnig und besserwisserisch gälten, sondern, ebenso wie Männer, als klug und gut informiert anerkannt würden.

Die meiste Redezeit widmete sie jedoch der Werbung für die Politik ihres Mannes. John Kerry werde dafür sorgen, daß jede Familie in Amerika Zugang zu bezahlbarer Gesundheitsfürsorge und die Möglichkeit guter Bildung haben werde. Außerdem werde er seine Wirtschaftspolitik mit einer Umweltschutzpolitik verbinden, die eine Umkehr beim globalen Klimawandel und bei anderen Bedrohungen für die Erde einleiten werde. Die von Teresa Heinz Kerry geführten Heinz-Stiftungen vergeben jährlich Millionen von Dollar für Umweltschutzprojekte und für Programme zur Förderung der Gesundheit und der Bildung von Frauen und Kindern.

Fachleute für Umwelt und Gesundheit bescheinigen der Philanthropin anerkennend, mit Sachverstand über krebserregende Verbindungen und umweltfreundliche Energietechnologien zu sprechen. Während einiger Wahlkampfauftritte hatte Teresa Heinz Kerry, die behauptet, auch "als Krankenpflegerin im Busch glücklich werden zu können", außerdem zahlreiche praktische Tips für das körperliche und seelische Wohlbefinden parat. Sie empfahl Thai-Massagen, grünen Tee und Tomaten aus organischem Anbau; sie warnte vor hautschädigenden Sonnencremes und riet zu Kaninchenfleisch für die Kinderernährung.

Mehr Schaden als Nutzen?

Die eigenwillige Millionärin machte schon zu Beginn des Wahlkampfs einige Strategieplaner in Kerrys Team nervös. Ein Interview, das sie im vergangenen Jahr der Zeitung "Washington Post" gegeben hatte, ließ die Wahlkampfstrategen befürchten, daß die Frau, die fünf Sprachen spricht, im Wahlkampf nicht den richtigen Ton treffen und dem Präsidentschaftskandidaten eher schaden als nutzen würde. So scheute sich Teresa Heinz Kerry nicht, während des damaligen Interviews einen Streit mit John Kerry vom Zaun zu brechen, ihn durch schwärmerische Reminiszenzen an ihren verstorbenen Mann zu demütigen und Kerry in rüder Weise wegen seiner Albträume zu foppen, die den Vietnam-Veteranen aufgrund seiner Kriegserfahrungen plagen.

Seit dem Interview beobachten die amerikanischen Medien mit inquisitorischer Genauigkeit, ob Teresa Heinz Kerry ihrem Mann die hingebungsvolle Zuneigung zuteil werden läßt, die Amerika von seinen First Ladies und den Frauen der Präsidentschaftskandidaten erwartet. Nicht immer kann sie den Ansprüchen gerecht werden. Ein Foto von einer Wahlkampffeier gab zu tagelangen Spekulationen darüber Anlaß, ob Teresa Heinz Kerry dem herzhaften Kuß ausweichen wollte, den der Präsidentschaftskandidat ihr in Siegerlaune auf die Wange drückte. Außerdem wird ihr vorgehalten, bei den Wahlkampfreden ihres Mannes häufig zerstreut zu gucken und zuweilen sogar besorgt oder gelangweilt dreinzuschauen. Ihre Gegner aus dem konservativen Lager finden selbst an den Schals, die sie über ihre Chanel-Anzüge drapiert, und an ihrem Haar etwas auszusetzen; viel zu wild und unordentlich sei die Lockenfrisur.

Vorsichtiger geworden

Teresa Heinz Kerry schüttelt unfreundliche Kommentare scheinbar gleichmütig ab. "Ich nehme sie nicht ernst", sagt sie. Betont gelassen reagierte sie auch auf die zahlreichen Berichte und neugierigen Fragen zu ihrer deftigen Bemerkung gegenüber dem Journalisten: "Ich äußere nun einmal offen meine Meinung." Aber sie ist doch vorsichtiger geworden, vor allem, wenn es um ihr Privatleben geht, über das sie früher freimütig Auskunft gab, mochte es dabei um ehevertragliche Vereinbarungen mit Kerry oder um kosmetische Behandlungen mit dem Antifaltenmittel Botox gehen.

Für ihre unbekümmerte Geradlinigkeit, die gegen die zuweilen hölzerne Distanziertheit ihres Mannes noch klarer hervorsticht, werden ihr die Prädikate "erfrischend" und "authentisch" verliehen. "Sie hat keine Angst zu sagen, was sie denkt", äußerten ihre Bewunderinnen auf dem Bostoner Parteitag. Manchen Wahlkampfstrategen geht die schnörkellose Offenheit freilich zu weit. So waren sie gar nicht erfreut darüber, als Teresa Heinz Kerry, die bis zum Vorwahlkampf aus Anhänglichkeit an ihren ersten Mann eingetragenes Mitglied der Republikaner blieb, in der frühen Phase des Rennens um die Präsidentschaft erklärte, den Namen Kerry habe sie nur aus "politischen Gründen" angenommen, "da es sonst Fragen und Gerede gibt".

Keine politischen Ambitionen

Auch mit ihrer Kritik an den Amerikanern, die doch für Kerry stimmen sollen, war sie anfangs nicht zimperlich. Sie stellten "altmodische" Erwartungen an die First Lady. Wie eine "moderne Leibeigene" solle sich die Frau des Präsidenten verhalten. Teresa Heinz Kerry will ihre Stiftungsarbeit jedenfalls vom Weißen Haus aus fortsetzen, wenn ihr Mann die Wahl gewinnt. Politische Ambitionen, wie sie Hillary Clinton gehegt habe, verbinde sie nicht mit der Rolle der First Lady. Doch nimmt man in Washington an, daß die Umwelt- und die Gesundheitspolitik eines Präsidenten John Kerry gewiß den Einfluß seiner Frau erkennen lassen werden. Teresa Heinz Kerry beteuert derweil, sie betrachte es als ihre Aufgabe, für das Wohlergehen ihres Mannes zu sorgen. Damit er "stark und glücklich" bleibe und so regiere, "daß die Amerikaner weiterhin stolz auf sich sein können", sagte sie in einem Interview - zur Enttäuschung jener, die sie auf die Rolle der aufrührerischen und widerborstigen Grande Dame festlegen wollen.

John Kerry nimmt die Debatten über seine Frau scheinbar gelassen hin. "Teresa ist und bleibt Teresa", sagt er. Und das sei gut so. Ihre Art, sich zu äußern, findet der Präsidentschaftskandidat auch nach dem Zwischenfall mit dem Journalisten "angemessen". Seine Frau sei "intelligent, witzig und unglaublich fürsorglich". Außerdem sei sie "absolut sexy", auf "europäische Weise", denn sie könne mit den Augen sprechen. Teresa wäre eine "ziemlich außerordentliche First Lady", versichert Kerry - worin ihm selbst seine ärgsten Gegner recht geben.

Die reiche Erbin schwört auf fernöstliche Meditation, schmückt die Wände ihres Hauses mit den Gemälden holländischer Meister und gibt Millionen von Dollar für Umweltschutz, Gesundheitsvorsorge und Projekte der Entwicklungshilfe aus.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29.07.2004, Nr. 174 / Seite 7
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