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Teppichdesign Couture zum Drauftreten

 ·  Vom Textilhandel hatte er „die Schnauze voll“: Jan Kath wurde nur durch Zufall zum erfolgreichen Teppichdesigner. Er entwirft Stücke jenseits des Mainstream. Handgemachte Teppiche, die eigentlich zu schade für den Boden sind.

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Die Baumstämme, achtlos auf rohem Estrich gestapelt, hat Jan Kath sehnsüchtig erwartet. „Macht es Ihnen etwas aus, wenn wir mal schnell hineinsehen?“, fragt er.

„Darunter sind Teppiche meiner neuen Kollektion.“ Schnell entpuppt sich die braune Rinde als grobes Sackleinen, das mit einigen großzügigen Stichen weißen Garns zusammengenäht wurde. Auf dem Stoff ist die Herkunft vermerkt: Katmandu. Mit Schere und Messer werden die klobigen Rollen zunächst gehäutet, wird das Innere nach außen geholt, dann im Showroom ausgebreitet und fachmännisch von allen Seiten begutachtet.

„Das ist ,Bud‘“, sagt Jan Kath und geht in die Knie. Vor ihm liegt ein exakt fünf mal acht Meter großes Blütenmeer aus tibetischer Hochlandwolle und chinesischer Seide. „Bud“, in einem hellen Sandton gehalten, ist Teil seiner „Classic“-Kollektion. Die vierzig Quadratmeter edelster Knüpfarbeit sind natürlich nicht für ein gewöhnliches deutsches Wohnzimmer bestimmt. Die maßgefertigte Auslegeware wird wohl einen Palast in Saudi-Arabien bereichern. Genauer mag sich Jan Kath dazu nicht äußern, Auskünfte über Kunden gibt er grundsätzlich nicht. „Diskretion“, sagt er, „ist oberstes Gebot.“

Das wird „Furore machen“

Aus dem nächsten Baumstamm schält der 36 Jahre alte Teppichdesigner ein Stück Wüstenlandschaft. Man meint, die flimmernde Hitze unter den Füßen zu spüren, so naturgetreu wirken die 25 Quadratmeter „Gobi“ (was ein Scheich, der sowieso die größten Sandwüsten der Welt vor der Haustür hat, mit einem Stück mongolischer Steppenwüste in seinen Gemächern will, sei dahingestellt). Zum Schluss wird „Verona Air“ ausgepackt, ein ganz neuer Entwurf von Jan Kath, den er geknüpft selbst noch nie gesehen hat.

„Verona“ ist eine ältere Arbeit, in dieser Version nähert sich der Betrachter dem einer alten veronesischen Seidentapete nachempfundenen floralen Muster wie aus sehr großer Höhe. Der Blick fällt – scheinbar – auf eine dichte Wolkendecke, die nur an einigen Stellen aufreißt und das Dekor darunter freilegt. Kaths Idee war es, eine „Satellitenaufnahme“ nachzuempfinden, eine Art Google-Earth-Teppich. „Ich bin mir sicher“, sagt Kath, „das ,Verona Air‘ im nächsten Jahr Furore machen wird.“

Fehler mit System

Bewusst hat er die Reihen der sich ursprünglich perfekt wiederholenden Rapporte, wie sie ein norditalienischer Meister vorgegeben hat, zerstört. Auslöschen, ausradieren, tilgen: Schon länger experimentiert er mit Entwürfen für Teppiche, die fehlerhaft wirken sollen, die von Säure oder Motten angefressen zu sein scheinen.

Zum Beispiel „Vintage Roma“: In das herrliche, in Blau und Schwarz gehaltene Seidentapetenmuster hat er regelrecht Löcher einarbeiten lassen, die Teppichränder sehen aus wie von Mäusen angenagt. Die Kollektion heißt „Boro – erase the classics“, er nennt sie „ein wenig morbide“.

Handgeknüpftes braucht Geduld

Kaths Teppiche sind in einer kaum sonst noch zu findenden Perfektion in Nepal handgeknüpft worden. Er verwendet ausschließlich handversponnene und handkardierte (gekämmte) tibetische Hochlandwolle sowie feinste Seide aus China, hinzukommt von Hand aufgearbeitete Brennnesselfaser. Zwischen sechzig und 500 Knoten pro Quadratinch (2,54 mal 2,54 Zentimeter) sind möglich, doch nicht nur die Knüpfeinstellung ist variabel: Größe, Farbe (an die 1200 verschiedene) und Design lassen sich jeweils modifizieren.

Ob die Böden einer Yacht, einer Fünf-Sterne-Hotelsuite oder gleich Dutzende Flagshipstores eines bedeutenden Pariser Modehauses – wer sich einige Monate geduldet, bekommt das Gewünschte maßangefertigt geliefert.

Keine Kinderarbeit, gute Arbeitsbedingungen

Dafür arbeiten inzwischen 1200 Tibeter und Nepalesen für Jan Kath in Katmandu, und das in drei Schichten 24 Stunden lang an jedem Tag. Das Wachstum seines Unternehmes liegt bei 25 bis 30 Prozent im Jahr. Er nennt es „noch natürlich“, mehr sei aber nicht zu verkraften.

Umgerechnet produziert er derzeit 15 000 Quadratmeter Teppiche jährlich – und das streng kontrolliert. Seine Ware trägt das Fairtrade-Label „STEP“, das heißt unter anderem, die Arbeitsbedingungen und Löhne sind gerecht, es gibt keine missbräuchliche Kinderarbeit, und das Herstellungsverfahren ist umweltverträglich.

Eigentlich keine Lust auf Textilwesen

Jan Kath ist einen weiten Weg gegangen, dabei schien seine Karriere vorgezeichnet. Schon sein Großvater Hermann Kath hatte im namhaften Berliner Teppichhaus Bursch als Geschäftsführer gearbeitet, nach dem Krieg gründete er das Einrichtungshaus Keil & Kath in Bochum, das sich auf Orientteppiche spezialsierte und später von Jans Eltern weitergeführt wurde. Der Sohn indes hatte nach seiner Ausbildung zum Einzelhandelskaufmann im Textilwesen zunächst „die Schnauze voll“, wie er sagt.

Er packte einen Rucksack und machte sich auf nach Indien und in den Himalaja. Irgendwann erreichte er Kathmandu. Das Ende seiner Reise schien gekommen zu sein, ihm war das Geld ausgegangen. Zufällig traf er einen alten Geschäftsfreund seiner Familie, der der Teppichherstellung überdrüssig war und Jan Kath kurzerhand seinen Posten anbot.

Fortan kümmerte sich der Junior um das Knüpfhandwerk in der nepalesischen Hauptstadt, baute einige Manufakturen auf, beaufsichtigte sie, ging zwischendurch in die Mongolei nach Ulan Bator, wo er seine Frau kennenlernte, und verbesserte insgesamt sein zuvor erlerntes Basiswissen. Denn Jan Kath hatte schon als Kind seinen Vater Martin in den Orient begleitet.

Lieber Qualität statt Masse

Der „Tibet-Boom“ der frühen Neunziger habe ihn dann verleitet, vor gut zwölf Jahren eine Fabrik in Katmandu zu übernehmen. Es war eine Goldgrube, parallel zu seinem frühen Erfolg wurde derweil der elterliche Betrieb in Bochum liquidiert. Der Orientteppich war längst zur billigen Massenware geworden, die in fast jedem Möbelhaus zu haben war.

Auch Jan Kath produzierte anfangs Mainstream, wie er sagt. „Irgendwann musste ich mich entscheiden: Will ich Masse machen oder Qualität nach oben hin.“ Er wandte sich schließlich wieder den althergebrachten Materialien und Techniken zu, der „Couture am Boden“. Ihm zupass kamen die jahrelang gepflegten Kontakte seiner Eltern, die inzwischen im Unternehmen ihres Sohns mitarbeiten. Gemeinsam machte sich Familie Kath daran, den einstigen guten Ruf des Orientteppichs, des handgeknüpften Bodenbelags überhaupt, wiederherzustellen.

Techno-Teppiche

Jan Kath ist kein gelernter Designer. Er wird aber, wie er stolz erzählt, sogar schon kopiert. Mit Dimo Feldmann, der aus der Techno-Szene kommt, entwickelt er einmal im Jahr in völliger Abgeschiedenheit neue Teppichmuster. „Man kann unsere Arbeit mit dem Komponieren elektronischer Musik vergleichen: Wir fügen Spuren hinzu, lassen andere weg.“ Kath lässt sich nicht nur von alten italienischen Wandbespannungen inspirieren: Das Muster eines Hugo-Boss-Anzugs regte ihn zum Teppich „Bean“ an, aus einem von einem Teppichknüpfer in Katmandu bunt bemalten Stück Holz wurde „Kaju“.

Produziert wird inzwischen an zwei großen Hauptstandorten in Katmandu, aber auch in Marokko. Denn Jan Kath will den Berberteppich, der einst vor allem von Le Corbusier in Europa eingeführt wurde, ebenfalls wieder zum Qualitätsprodukt machen. Und so knüpfen ehemalige Nomadenfrauen exklusiv für die Jan Kath Design GmbH. Das Besondere an der „Le Maroc Blanc“-Kollektion: Kath kann seine weißen Berber in Größen anbieten, wie sie auf den Knüpfstühlen der umherziehenden Maghrebiner nicht möglich waren.

Gewaschen wird in der Schweiz

Mindestens 400 bis 500 Euro pro Quadratmeter kostet ein Kath-Teppich, je nach Knotenzahl und Material können es leicht 1200 Euro werden. Ein weiteres Qualitätsmerkmal: Alle Arbeiten von Jan Kath machen auf ihrer Reise nach Bochum Station im Dorf Speicher bei Zürich. Dort werden nur die besten Teppiche der Welt nach der Geheimrezeptur des Schweizers Hans Peter Knecht gewaschen. Nach der Endabnahme im Ruhrgebiet kann der Designer dann garantieren, dass ein echter Kath mindestens ein neues Jahrhundert erlebt.

Jan Kath stellt noch bis zum 26. Oktober auf der internationalen Designmesse „Interieur 08“ im belgischen Kortrijk aus. Teppiche von Jan Kath gibt es unter anderen bei Nyhues in Berlin, Münster und Osnabrück sowie in den Einrichtungshäusern Dieter Pesch in Köln und Böhmler in München. Weitere Informationen auf seiner Website www.jan-kath.de.

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Jahrgang 1967, Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

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