17.09.2006 · Ob Existenzängste, Hartz IV oder Eheprobleme: Menschen in Not finden eine offenes Ohr bei der Telefonseelsorge. Jeder zweite ruft nicht zum ersten Mal an. Die Telefonseelsorge feiert Jubiläum. 50 Jahre Erfolgsgeschichte, 50 Jahre anonyme Hilfe.
Von Timo FraschKai-Uwe Ricke, der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Telekom AG, könnte zur Zeit jemanden gebrauchen, der ihm eine halbe Stunde lang einfach nur zuhört. Kein: Wie stellen Sie sich das vor? Kein: Sie stehen aber auf der Kippe. Rickes Unternehmen geht es zur Zeit nicht allzugut: Die frühere Werbe-Ikone Jan Ullrich steht unter Dopingverdacht, die Kunden laufen zur Konkurrenz über.
Immerhin hat die Deutsche Telekom noch genügend Geld, um die Gespräche der Telefonseelsorge der evangelischen und katholischen Kirche zu übernehmen - selbst wenn sie aus dem Netz der Konkurrenten kommen. „Wir tun das gerne“, sagt Ricke, „und sind stolz darauf, die evangelische und katholische Kirche in ihrer pastoralen Arbeit unterstützen zu können.“ An diesem Samstag blickt er zusammen mit Repräsentanten der Kirchen, der Politik und der Wirtschaft auf die 50 Jahre währende Erfolgsgeschichte der Einrichtung zurück.
Die Anonymität könnte größer nicht sein
Ricke könnte bei der Telefonseelsorge anrufen, ohne seine Identität preiszugeben. Aus der Telefonzelle, aus Japan oder übers Firmenhandy. Die Seelsorger, die meisten von ihnen Ehrenamtliche, die ein schwieriges Auswahlverfahren durchlaufen haben, wüßten nicht, mit wem sie es zu tun haben. Sie sähen auf ihrem Telefon noch nicht einmal, von wo aus er anruft von wo aus er jederzeit auflegen könnte.
Umgekehrt melden sich die Telefonseelsorger meist nicht mit ihrem richtigen Namen, wie auch die mittlerweile 105 deutschen Orte geheimgehalten werden, an denen die Mitarbeiter im vergangenen Jahr an die zwei Millionen Anrufe von Hilfesuchenden entgegengenommen haben. Die Anonymität könnte größer nicht sein - deshalb ist die Vertrautheit so groß.
Rund um die Uhr zu erreichen
„Die Anrufer haben kein Gesicht“, sagt Tim S., „also können sie ihr Gesicht auch nicht verlieren.“ S., 36 Jahre alt, arbeitet seit drei Jahren für die Berliner Telefonseelsorge. Er hat Theologie studiert, zuerst, dann hat er auf Drehbuch und Dramaturgie gewechselt. Ein klassischer Weg in die Seelsorge, könnte man meinen.
„Wir haben Hausfrauen, Schauspieler, Krankenschwestern und Selbständige“, sagt Christine O., 35 Jahre alt. Sie selbst ist auch Theologin und gehört zu einer 82-Prozent-Mehrheit unter den Telefonseelsorgern: den Frauen. Auch unter den Anrufern dominieren die Frauen mit 53 gegenüber 27 Prozent Männern - vom Rest ist nicht einmal das Geschlecht bekannt.
O. ist durch einen Kommilitonen zur Telefonseelsorge gekommen. Nach mehreren Wochenendseminaren und Probegesprächen saß sie 2004 zum ersten Mal am Seelsorgetelefon. Seitdem macht sie im Monat fünf Schichten à vier Stunden, ohne Bezahlung, mal nachmittags, mal nachts. Außer den Feuerwehrleuten und den Polizisten sind die mehr als 7000 Telefonseelsorger in Deutschland die einzigen, die rund um die Uhr zu erreichen sind.
„Du hast zehn Minuten Zeit. Hau alles raus!“
Das muß auch so sein. Menschliche Dramen richten sich - abgesehen von einer Flaute um die Mittagszeit - nicht nach einem Stundenplan. Gewisse Muster gibt es aber doch: „Depressive rufen oft morgens an“, sagt O., „dann, wenn der Tag noch wie ein Berg vor ihnen liegt.“
Nachts, wenn sich selbst der Himmel über Berlin verdunkelt, rufen die Einsamen an, oft nur, um sich nicht mehr einsam zu fühlen. Denen könne man dann auch mal Kochrezepte vorlesen, sagt S. Oder ihnen sagen: Du hast von jetzt an zehn Minuten Zeit. Hau alles raus! „Es gibt immer mehr einsame Menschen“, sagt O. „Abgrundtief Einsame, die zum Teil ihr Haus nicht verlassen und tagelang mit keinem Menschen reden, außer vielleicht mit uns. Man glaubt das gar nicht.“
So bekannt wie Coca-Cola
Im Jahr 1956 wurde die „Ärztliche Lebensmüdenbetreuung“ gegründet, von Klaus Thomas, einem Berliner Pfarrer und Psychotherapeuten. Bald darauf wurde sie in „Telefonseelsorge“ umbenannt. Schon Mitte der sechziger Jahre gab es in allen großen, zehn Jahre später in den meisten mittelgroßen Städten telefonische Ansprechpartner.
Selbst in der DDR wurden zwei kirchliche Seelsorgetelefone eingerichtet, auch wenn am anderen Ende der Leitung meist die Staatssicherheit mithörte. Mittlerweile arbeitet die Telefonseelsorge überall in Deutschland, als Qualitätsmarke ist sie angeblich so bekannt wie Coca-Cola.
Psychisch Kranke kosten sehr viel Kraft
Auch das Themenspektrum der Telefonseelsorge hat sich über die Jahre erweitert. Existenzängste etwa und Arbeitslosigkeit spielen im Zuge von Hartz IV eine größere Rolle. Die Mitarbeiter füllen nach jedem Gespräch einen Protokollbogen aus. Daraus ergibt sich, daß sich mit 11,6 und 10,1 Prozent die meisten der Gespräche um psychische Krankheiten und Schwierigkeiten in der Partnerschaft drehen.
„Konflikte in der Partnerschaft kann man eher pragmatisch beheben“, sagt S. Das sind dann Leute, die rufen einmal an, allenfalls ein zweites Mal, oft auch nur, um sich zu bedanken. Andere habe man immer wieder. Vor allem die psychisch Kranken kosten sehr viel Kraft und Geduld, sagt S., „weil sie immer wieder anrufen, immer wieder mit derselben Ausweglosigkeit“.
„Nee, heute nicht schon wieder“
Jeder zweite ruft nicht zum ersten Mal an. „Unsere Seelsorge ist zwar kein Ersatz für eine Psychotherapie“, sagt O. „Aber wir haben schon die Möglichkeit, unsere Anrufer ein Stück ihres Weges zu begleiten.“ Man dürfe den Leuten allerdings auch mal sagen: „Du, nee, heute nicht schon wieder, du hältst hier wirklich den ganzen Betrieb auf.“ Oder: „Ich bin heute selber nicht so gut drauf, ich kann heut nicht mit dir sprechen.“ Wann das möglich ist, dafür entwickle man im Laufe der Zeit ein Gespür, sagt S. Der erste Satz sei da oft entscheidend.
Manchmal lautet er: Ich bringe mich jetzt um. Oder: Wenn Sie nichts tun, wird gleich ein Unglück geschehen. Das können gekonnte Inszenierungen sein - oder letzte Schreie verzweifelter Menschen; eines kranken Mannes, der schon ein ganzes Döschen Schlaftabletten genommen hat; einer jungen Frau, neben deren Telefon ihr Abschiedsbrief liegt.
„In solchen Fällen muß man was machen“, sagt O., „den Namen, die Adresse rausbekommen.“ Die enge Zusammenarbeit mit der Polizei helfe da viel. Wenn einer seinen Namen aber nicht nennen will, sind auch die Telefonseelsorger machtlos. „Dann spürt man die Grenzen der Anonymität“, sagt S.
25 Aufleger hintereinander
Nicht immer geht es bei der Telefonseelsorge so ernst zu - wobei die Anrufer oft amüsierter sein dürften als die Seelsorger. S. hatte mal 25 Aufleger hintereinander. Jeder dritte Anruf dauert kürzer als eine Minute. Das können Scherzanrufe von Schülern sein - seit es Handys gibt, rufen immer mehr Jugendliche im Alter zwischen 11 und 19 an -, Verehrer bestimmter Seelsorger oder aber Tests: Werde ich ernst genommen? Komme ich überhaupt durch? Das wiederum gelingt im Durchschnitt bei jedem achten Anruf.
Manchmal amüsieren Scherzanrufe auch die Seelsorger. Von solchen Fällen dürfen sie dann auch erzählen. Sie habe einmal einen Anruf von einem Mann bekommen, sagt O. Er habe gesagt, er sei in der Fabrik, und habe sie darum gebeten, ihm bei einer ganz schwierigen Mission beizustehen. Sein Schlüssel sei in einen Bottich mit einer niveacremeartigen Flüssigkeit gefallen.
Er ziehe sich jetzt die Schuhe aus, habe er gesagt, dann die Socken, und dann werde er durch den Kübel waten, um mit seinen Zehen nach dem Schlüssel zu suchen. Am Telefon konnte O. alles mithören, wie er sich die Schuhe auszog, das Schmatzen der Niveacreme. „Der hat das alles glänzend gespielt“, sagt sie. „Ich hätte mich darüber nicht amüsiert“, meint S.
„Das letzte Fundament, die christliche Überzeugung“
Tim S. und Christine O. arbeiten für eine Telefonseelsorgestelle, die von der evangelischen und der katholischen Kirche gemeinsam getragen wird. Als Missionare sehen sie sich nicht. Dem Wort Kardinal Lehmanns, daß „das letzte Fundament für den Dienst der Telefonseelsorge die christliche Überzeugung ist von der bedingungslosen Würde jedes Menschen als Gottes Geschöpf und Abbild“, würden sie aber zustimmen.
Sowohl Kardinal Lehmann als auch Bischof Huber, der Vorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, sind an diesem Samstag in der Berliner Telekom-Zentrale, um den Mitarbeitern der Telefonseelsorge zu danken. Selbst der Bundespräsident wird sprechen. Die drei wissen, was es heißt, ein offenes Ohr für alle zu haben.