26.12.2009 · Wer obdachlos oder drogensüchtig ist, sich einsam fühlt oder Entspannung sucht, ist in der Teestube Jona im Frankfurter Bahnhofsviertel willkommen. Dort gibt es außer einfachen Mahlzeiten auch Gesprächs- und Freizeitangebote.
Von Lukas GedziorowskiEin schmales Haus im Bahnhofsviertel, Pforzheimer Straße 7. Im Erdgeschoss stehen sechs Tische in zwei Reihen, dazwischen ein enger Durchgang, nur wenige Meter lang. An jedem der Tische sitzen Menschen, trinken Kaffee, Tee oder Brühe und unterhalten sich. In einer Ecke wird Gitarre gespielt, an einem Nebentisch Mensch-ärgere-dich-nicht.
Die Teestube Jona gibt es seit 24 Jahren. Nächstes Jahr wird Jubiläum gefeiert, heute begehen die Gäste einen Abschied. Am nächsten Tag wird Katrin aus Frankfurt nach Bad Hersfeld ziehen. Die 43 Jahre alte Frau hat zwanzig Jahre lang in der Stadt gelebt und gehörte zur Stammkundschaft der Teestube. Nun will sie ein neues Leben anfangen. Zur Feier des Tages gibt es Toast Hawaii - eine Rarität. Sonst werden nur Brote mit Schmalz, Käse oder Marmelade geschmiert. Keine ganzen Mahlzeiten zwar, aber genug für den ersten Hunger und schon für 20 Cent zu haben.
Menschen in schwierigen Lebenssituationen
„Hier ist ein Raum, in dem man seine Ruhe haben kann“, sagt Daisy Schütz. Sie ist eine von vier Sozialarbeiterinnen in der Teestube. „Als Obdachloser hat man meist keine Privatsphäre. Unser Treffpunkt ist ein Rückzugsraum, an dem keiner belästigt oder bedroht wird.“ Die Kundschaft besteht aus Menschen in schwierigen Lebenssituationen, Menschen, die unter Armut, Sucht, Wohnungslosigkeit oder psychischen Krankheiten leiden. Häufig kommen gleich mehrere Probleme zusammen: der Verlust von Arbeit, Familie, Wohnung, auch Schulden.
Trägerin der Einrichtung ist die Projektgruppe Bahnhofsviertel, 1983 von der Eschborner Gemeinde Christ König gegründet. Anfangs war die Gruppe nur auf der Straße tätig, hat sich um psychisch Kranke, Süchtige und Wohnungslose gekümmert, zwei Jahre später hat sie die Teestube Jona eröffnet. „Jona ist der Prophet, der vor sich selbst und vor Gott floh. Er soll uns helfen, es ihm nicht gleichzutun“, heißt es auf der Homepage der Teestube. Aber nicht nur Wohnungslose und Junkies wollen die Helfer erreichen: „Jeder hat das Recht, hier zu sein“, lautet das Motto.
Donnerstags, freitags und samstags herrscht Cafébetrieb. Zwischen Nachmittag und Abend kommen etwa 40 Menschen vorbei. Etwa 25 finden in dem engen Raum Platz. „Zu Weihnachten bekommen wir hier auch 50 Leute unter“, sagt Daisy Schütz. Um dann allen eine warme Mahlzeit anbieten zu können, müssten zusätzliche Elektrokochplatten aufgestellt werden. „Dann kochen wir hier unter Camping-Bedingungen. Da fliegt auch schon mal eine Sicherung raus.“
Essen, Medizin, ein Schlafplatz
„Wir brauchen dringend mehr Platz, vor allem Nebenräume, in denen man seine Ruhe haben kann“, fügt Schütz hinzu. Doch eine größere Fläche mit geringer Miete ist im Bahnhofsviertel schwer zu finden. Das Geld ist knapp. Der Landeswohlfahrtsverband zahlt die Miete und die Gehälter der Sozialarbeiterinnen, alles weitere wird aus Spenden und Bußgeldzuweisungen finanziert. „Wir versuchen sparsam zu wirtschaften und Reparaturen so weit wie möglich selbst durchzuführen“, sagt die Sozialarbeiterin.
Am Montag gehen sie und ihre Kolleginnen auf die Straße und helfen Wohnungslosen, deren Grundbedürfnisse zu befriedigen - Essen, Medizin, ein Schlafplatz. „In Frankfurt gibt es viele Angebote für Obdachlose“, sagt Schütz. „Aber es gibt Menschen, die nicht in der Lage sind, sie wahrzunehmen.“ Viele hätten Scheu vor den Mehrbettzimmern in den Notunterkünften. Menschen mit psychischen Problemen seien oft nicht in der Lage, sich mit anderen ein Zimmer zu teilen, und schliefen daher lieber auf der Straße. Auch Drogenabhängige meiden die Einrichtungen oft, denn der Konsum ist dort - wie auch in der Teestube Jona - verboten.
Der Dienstag ist in der Teestube der Kunst gewidmet. In einer Kreativwerkstatt kann man malen oder basteln. „Wir orientieren uns nicht an den Defiziten der Menschen, sondern an ihren Potentialen“, sagt Schütz. „Diese Ressourcen wollen wir ausschöpfen.“ In einem Literaturkreis wird abwechselnd aus einem Buch vorgelesen, hin und wieder werden auch Kunstausstellungen besucht, und einmal im Jahr findet eine einwöchige Freizeit statt. Letztere sei für viele eine Herausforderung, stellt Daisy Schütz fest. Die meisten lebten allein und seien dauernde Gesellschaft nicht gewohnt. Bei den Freizeiten könnten sie lernen, Rücksicht zu nehmen, fremde und eigene Bedürfnisse zu entdecken. „Wir wollen, dass die Menschen am gesellschaftlichen Leben teilhaben.“
„Ich wog 47 Kilo und wollte mich nur noch umbringen“
Weil Frauen in der Teestube in der Minderheit sind, bekommen sie beim Frühstückstreff am Dienstagmorgen Gelegenheit, sich über ihre Erfahrungen auszutauschen. Eine davon ist Katrin. Die gebürtige Berlinerin kam 1989 nach Frankfurt, um ihr Abitur zu machen. Hier geriet sie zum ersten Mal an Drogen. Streit mit den Eltern und andere Vorfälle, über die sie nicht reden will, haben ihr den Anlass gegeben, sich zu betäuben. „Ich habe damals ziemlich viel gelitten“, sagt sie und erzählt von Depression und Selbstmordgedanken. Katrin hat Hilfe in der Psychiatrie gesucht, und nach einem halben Jahr Therapie schien alles wieder in Ordnung. Sie fand Arbeit in einem Fotostudio. Dann versuchte sie, einem Freund zu helfen, der gerade „auf dem absteigenden Ast“ war. „Zwei Jahre lang hatte ich für uns beide Kraft“, sagt sie. Schließlich konnte sie zwar den Freund retten, doch dafür ist sie selbst wieder an Drogen gekommen. Die Arbeit fiel ihr schwer, sie fühlte sich gemobbt und litt unter Angstzuständen.
Für eine Weile zog sie nach Berlin zu ihrem Vater, einem Trinker. Die beiden tranken gemeinsam. Katrin verlor ihre Arbeit. Sie passe nicht ins Team, habe man ihr gesagt. „Als ich wieder nach Frankfurt kam, hatte ich keine Wohnung, keine Arbeit - nur noch einen Koffer.“
Zunächst kam sie bei einem Freund unter, dann über die Mitwohnzentrale bei einer alten Dame. Die wollte ihr zwar helfen, doch die Probleme hörten nicht auf. Katrin verbrachte elf Monate in der geschlossenen Psychiatrie. „Das war die allerschlimmste Zeit. Ich wog 47 Kilo und wollte mich nur noch umbringen. Ich war wie ein ferngesteuerter Roboter.“ Ein Freund habe ihr das Leben gerettet. Nach einer Entgiftungskur ging es wieder bergauf: betreutes Wohnen, Therapie. Doch das Bier blieb der ständige Begleiter, und beim Bier blieb es nicht. Schließlich, sagt sie, habe sie die Notbremse gezogen, wieder eine Therapie gemacht und eine Selbsthilfegruppe besucht. Mit den Drogen ist nun Schluss. Auch mit Frankfurt.
„Ich bin immer gern hierhergekommen“
„Frankfurt war mein Untergang“, fasst sie zusammen. Dreimal war sie in dieser Zeit obdachlos. Dass sie mehrfach vergewaltigt wurde, erwähnt sie nur beiläufig. Für sie sind Alkohol und andere Drogen „Teufelszeug“, das ihr viel Leid gebracht hat. „Alles, was schlimm war, hatte mit Drogen und Alkohol zu tun. Viele unschöne Dinge wären sonst nicht passiert. Langeweile und Einsamkeit sind Gift bei einer Suchterkrankung.“ Wenn sie darüber rede, habe sie einen „Kloß im Bauch“.
Seit einem halben Jahr ist Katrin trocken. Unterstützung fand sie über Jahre hinweg auch in der Teestube Jona. Hier hat sie gezeichnet und gemalt, hat mit der Gruppe Ausstellungen besucht, ist auf Freizeiten mitgefahren. „Ich bin immer gern hierhergekommen. Die Sozialarbeiter hatten immer ein offenes Ohr für mich“, erinnert sie sich.
Jetzt heißt es Abschied nehmen. Ein Jahr lang wird Katrin im Herzberghaus bei Bad Hersfeld leben, einem Rehabilitationszentrum für Suchtkranke. Dort wird sie zunächst betreut in einem Heim wohnen, später in einer Wohngemeinschaft außerhalb im Dorf. Ihr Tag wird eine feste Strukur haben, sie wird arbeiten. Katrin freut sich auf das Leben auf dem Land, auf das Leben außerhalb von Frankfurt. Daisy Schütz ist zuversichtlich: „Wir sehen dich auf einem guten Weg.“