31.12.2009 · Tarot ist in Wahrsagerei und psychologischer Beratung weit verbreitet. Annähernd eine halbe Million Kartendecks werden jährlich allein im deutschsprachigen Raum verkauft. Die Schöpferin, Pamela Colman Smith, hatte allerdings nie etwas davon.
Von Hans-Heinrich Pardey„Ich brauche ein bisschen Geld für Weihnachten“, schrieb die junge Künstlerin aus London im November 1909 an ihren Gönner, den Galeristen und Fotografen Alfred Stieglitz in New York. Der Einunddreißigjährigen kam nicht in den Sinn, dass sie auf einer Goldader saß. „Gerade habe ich eine große Arbeit fertiggestellt - für wirklich wenig Geld: einen Satz Entwürfe für Tarot-Karten, 80 Zeichnungen! Ich werde Ihnen welche rüberschicken.“ Was „Pixie“, Pamela Colman Smith, in ihrem Brief wie nebenbei erwähnte, ernährt bis heute ihren Mann. Annähernd eine halbe Million „Tarot-Decks“, Kartenspiele mit ihren Bildern, werden jährlich allein im deutschsprachigen Raum abgesetzt.
Die Illustratorin aber hat von dem Geldsegen so gut wie nichts gesehen: Als sie 1951 starb, bekam sie ein Armengrab, das, wie die Originale ihrer Karten und der größte Teil ihres künstlerischen Werks, als verschollen gilt. Nicht einmal ihren – immer wieder falsch geschriebenen – Namen haben die mit einem schlanken „PCS“ signierten Karten in die Welt getragen: Das Spiel, das zum Wahrsagen, aber auch bei der psychologischen Beratung als Assoziationsgrundlage benutzt wird und auf der ganzen Welt verbreitet ist, wird üblicherweise Rider-Waite-Tarot genannt: nach dem Verlag William Rider & Son, der es zum Weihnachtsgeschäft vor 100 Jahren publizierte, und nach dem Okkultisten Arthur Edward Waite, der die Zeichnungen bei Colman Smith in Auftrag gab.
„Schlüssel zu den Mysterien“
Die beiden hatten sich im einflussreichsten esoterischen Zirkel Londons, dem 1888 gegründeten „Hermetic Order of the Golden Dawn“, kennengelernt. Kein Geringerer als der irische Dichter William Butler Yeats soll Colman Smith in den okkultistischen Kreis eingeführt haben, als der schon dabei war, wegen Machtkämpfen in verschiedene Gruppen zu zerfallen. (Eine präsentiert sich mit dem Ordensnamen als geschütztem Warenzeichen noch heute im Internet und bietet Geheimwissen an.) Der viktorianische Club hatte große Nachwirkung - nicht zuletzt durch den Tarot. Colman Smith wurde eine Adeptin von Waite über die Ordens-Spaltung hinaus. In seiner Autobiographie äußert er sich jedoch eher kurz und herablassend über die Künstlerin. Offensichtlich betrachtete er sie nur als Werkzeug für sein eigentliches Anliegen: einen „berichtigten Tarot“ mit korrekter Symbolik zu schaffen. Waite sah in den Karten einen „Schlüssel zu den Mysterien“, die er in vielen Büchern enthüllte, nur um stets zu versichern, dass es noch weit tiefere Geheimnisse gebe, die er aber nicht ausplaudern dürfe.
Entgegen allem kunsthistorisch Gesicherten werden bis heute dem Tarot (es ist der französische Name des Kartenspiels, das deutsch Tarock und italienisch Tarocchi heißt) Wurzeln angedichtet, die weit zurückreichen. Aus Ägypten, wenn nicht gar von den Weisen aus Atlantis soll er als Erkenntnisschatz in Form einer Art Bilderrätsel zu uns herübergerettet worden sein. Auch den Sinti und Roma wird er gern in den Wandersack geschmuggelt. Die 78 Karten (diese Zahl entspricht der Summe der Zahlen eins bis zwölf) gruppieren sich in die 22 „großen Arkana“. Das ist bedeutsam, sind es doch genauso viele Karten, wie das hebräische Alphabet Buchstaben hat – und schon sind wir bei der Kabbala. Diese dreimal sieben Numerierten plus eine Karte mit einer Null oder gar keiner Zahl waren schon seit alters her bebildert. Vermutlich bereicherten italienische Kartenmacher im 15. Jahrhundert mit der spieltechnischen Innovation der „Trionfi“, der Trümpfe, das Kartenspielen. Ursprünglich von den Sarazenen übernommen, hatte es sich – dank beurkundeter kirchlicher Bannflüche gut zu verfolgen – im ausgehenden 14. Jahrhundert über ganz Europa verbreitet.
Karten als Orakel
Aus den ursprünglich individuell handgemalten Trionfi entwickelte sich – nicht zuletzt durch die Drucktechnik – ein Kanon archetypisch wirkender Darstellungen: der Narr, der Kaiser, die Päpstin, der Teufel, die Liebenden, der Tod, das Rad des Schicksals. Wo die Erinnerung an die sagenhafte Päpstin Johanna weniger bekannt oder dem Absatz der Karten abträglich sein konnte, wurde ihr Bild samt dem des Papstes durch Jupiter und Juno ersetzt. Zu diesen Bilderkarten gesellen sich 56 Karten in vier Farb-Serien: vom Ass bis zum König jeweils 14 Werte der Stäbe, Kelche, Schwerter und Münzen – wobei diese italienischen „Farben“ von Land zu Land differieren. Im Tarot sind dies die „kleinen Arkana“, nahe Verwandte unserer Spielkarten. Sie werden den vier Elementen zugeordnet und noch einmal unterschieden in die zehn Zahlenwerte und die vier „Hofkarten“ jeder Farbe: Page, Ritter, Königin, König. Einen Eindruck von alten Tarock-Spielen vermittelt das noch heute als „Tarot de Marseille“ erhältliche Blatt: Die Zahlenkarten zeigen ihren Wert lediglich in ornamentaler Form.
Karten als Orakel zu ziehen oder zumindest als Stichwortgeber für eine Unterhaltung zu benutzen scheint fast so alt zu sein wie das Kartenspielen an sich. Im Deutschen Spielkartenmuseum in Leinfelden-Echterdingen wird einem der „Giardino di pensieri“ (zu Deutsch: „Garten der Gedanken“) von Francesco Marcolino da Forlì gezeigt: In Venedig 1540 gedruckt, funktioniert das rund 200 Seiten starke Losbuch ähnlich wie aktuelle Titel, die aber dann etwa „Selbstcoaching mit Tarot“ heißen: Man zieht Karten, und mit einigem Hinundherblättern wird man zu einer ermahnenden oder ermunternden Deutung gewiesen. Marcolino legte die ausgelosten Sinnsprüche antiken Philosophen wie Epimenides oder Plato in den Mund.
Das entsprach der Mode seiner Zeit
Um die Autorität einer langen Tradition, die freilich konstruiert werden musste, bemühte sich bereits der erste okkultistische Deuter des Kartenspiels: Der protestantische Theologe und Freimaurer Antoine Court de Gébelin, Mitglied der Académie franaise und zeitweilig königlicher Zensor, verlegte wenige Jahre vor der Französischen Revolution den Ursprung des Tarots nach Ägypten. Das entsprach der Mode seiner Zeit. Dass er die Kartenbilder des Tarocks als Symbolsystem auffasste, war der Anschub des esoterischen Tarots. Court de Gébelin folgten Scharlatane, aber auch tiefsinnige Deuter: Die Kartomantie, das Kartenlegen, wurde zum blühenden Geschäft.
Gemeinsam war den Erklärungsansätzen die Überzeugung, es gebe so etwas wie einen authentischen Tarot: eine richtige Reihenfolge der Bilder der Großen Arkana, einen zwingenden Bezug der Motive zum Tierkreis der Astrologie oder den Sefiroth des kabbalistischen Buches Sefer Jetzira. Diesen einen wahren Tarot, eine „rectified version“, wollte Arthur Edward Waite schaffen. Tatsächlich gelang es ihm, einen neuen, für das 20. Jahrhundert gültigen Bilderkanon mit zu gestalten – dank der künstlerischen Leistung von Pamela Colman Smith.
Die Esoterikwelle des „Wassermann-Zeitalters“
Pixie, die zeitlebens unverheiratet blieb, muss exzentrisch gewesen sein: 1878 als Kind amerikanischer Eltern in England geboren, lebte sie einige Zeit in Jamaika und tourte als Teenager mit einer Theatertruppe durch England. In New York absolvierte sie eine Kunstausbildung und kehrte nach Großbritannien zurück. Sie malte nach Musik und liebte keltische Sagen, sie illustrierte, geprägt von Symbolismus und Jugendstil, Bücher und schrieb selbst. Umgeben von Künstlerfreunden wie den Brüdern Yeats, fiel sie durch unkonventionelle Kleidung auf. Wegen ihrer Schwierigkeiten, Verleger zu finden, eröffnete sie später eine Art Minipresse. Anfänglich erzielte sie durchaus Ausstellungserfolge, vor allem in der Galerie der „Photo-Secession“ von Stieglitz an der Madison Avenue. Angeblich hatte Colman Smith Visionen. Gesicherter ist, dass sie meist Geldsorgen hatte.
Noch zu ihren und Waites Lebzeiten – er starb 1942, nachdem er rund 40 Bücher übersetzt und selbst annähernd 50 verfasst hatte, nicht gerechnet die etwa vier Dutzend Rituale für seine Orden – erlebte „A Pack of 78 Tarot Cards“ etliche Auflagen. Zum Entzücken der Sammler wurden Pixies Entwürfe von Kopisten für den lithographischen Druck mehrfach umgezeichnet, was zu minimalen Abweichungen führte. Richtig lohnend in Gang kam der Tarot aber erst mit der Esoterikwelle des „Wassermann-Zeitalters“ (seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts). Schier unzählige Bücher zum Nachschlagen der Bedeutung einzelner Karten und Legebilder erschienen. Sogar der Jesuit Hans Urs von Balthasar veröffentlichte eine Einführung zu Meditationen über die Großen Arkana. Tarotkarten zu allen möglichen Themen und in vielen Stilen ließ der Rider-Waite-Tarot nicht nur den Verkaufszahlen nach weit hinter sich.
Alle 78 Karten sind bebildert
Der bemerkenswerte Erfolg des erst in jüngerer Zeit gelegentlich „Waite-Smith-Tarot“ genannten Kartensatzes wird immer wieder demselben Umstand zugeschrieben: Alle 78 Karten sind bebildert, die meisten szenisch. Wobei Kenner meinen, dass Waite bei der Symbolik der Großen Arkana Colman Smith genau anleitete, dass sie im Übrigen aber schon wegen des Arbeitstempos freie Hand hatte: Sie ließ sich von den Miniaturen des Sola-Busca-Tarots anregen und porträtierte auf manchen Hofkarten Freundinnen.
Wahrsagekarten mit einfältig-eindeutigen Abbildungen à la „Eine Reise“, „Guter Herr“, „Angenehmer Brief“, wie sie etwa bei den 1890 in München erstveröffentlichten Kipper-Karten heißen, gab es schon. Gegenüber diesen erscheinen Pixies Bilder eher vage, fast ein wenig rätselhaft. Andererseits wirken sie jedoch nicht so rein symbolisch wie die Karten des Crowley-Tarot, den Frieda Harris in den vierziger Jahren schuf. Man muss nicht wissen, welche spezielle Bedeutung einer Karte von Pixie zugeschrieben wird, um erfreut oder unangenehm berührt auf sie zu reagieren: Man guckt sie an und glaubt eine Ahnung zu bekommen von dem, worum es in den Bildern gehen mag.
Unbewusstes symbolisch zur Sprache bringen
So nutzen manche Therapeuten den Tarot in der psychologischen Beratungspraxis: Der Klient erzählt in einem projektiven Prozess die Geschichte, die er auf gezogenen Karten erkennt, und wird bei dieser Selbstdeutung begleitet. Ähnlich sieht sich die Tarotberaterin, die um Seriosität bemühte Kartenlegerin (in diesem Fach dominieren die Frauen), auch nicht mehr als Wahrsagerin: Statt Unabänderliches über die Zukunft des Fragestellers zu verkünden, bringe das Kartenbild ähnlich einem Traum Unbewusstes symbolisch zur Sprache, war der Tenor auf einem Tarotkongress Ende November in Hamburg. Besonders gut kam bei den Teilnehmern das Nachstellen der Kartenbilder von Coleman Smith an – wieder einmal folgt der Tarot einer Mode in der Esoterik-Szene.
Es gibt fast nichts, was nicht schon auf Tarot-Karten gedruckt worden wäre – von Dalí-Collagen bis zu Drachen, von Kitsch bis Kunst. Man schätzt die Zahl der verschiedenen Decks auf mehrere tausend, rund 500 sollen aktuell auf dem Markt sein. Viele davon gehören in der Sprache der Sammler zu den „Rider-Waite-Klones“: Sie sehen den Entwürfen von Colman Smith mehr als nur ähnlich. Sogar beim „Gummibärchen-Tarot“ des Satirikers Dietmar Bittrich nimmt das Fruchtgummikerlchen auf der Karte „Neun der Kelche“ jene Pose der Selbstzufriedenheit ein, die Pixie diesem Kartenbild vor hundert Jahren gab.