01.12.2006 · In Tansania bedeutet eine HIV-Infektion meistens einen schnellen Tod. Geld für lebensverlängernde Medikamente ist knapp. Ein deutsches Medikamentenhilfswerk will jetzt vor Ort Ersatzpräparate herstellen.
Von Axel Wermelskirchen, Arusha/DaressalamZur Stunde des Pan liegt die Sonne lastend auf Arusha, einer Großstadt weit im Norden Tansanias, von der aus Touristen aus aller Welt mit großen Jeeps in die Nationalparks aufbrechen, zu den Löwen, Elefanten und Giraffen. Die Blätter der Mangobäume rühren sich nicht zu dieser Stunde. Zikaden singen ihr betäubendes Lied, und der Meru, der kleinere Bruder des Kilimandscharo im Norden der Stadt, hat sein hohes Haupt in Wolken gehüllt. Aber Birte Thomsen kennt keine Mittagsruhe. Im Themi-Industriegebiet durchmißt sie schnellen Schritts eine große leere Halle. Sie zeigt hoch auf die Wände, als seien dort kostbare Malereien zu entdecken. Was sie mit dem inneren Auge schon sieht, soll ihr in gut einem Jahr vor Augen stehen: die Fabrik, die eines der kostbarsten Güter der Welt produziert - Lebenszeit.
Birte Thomsen, 35 Jahre alt, aus Schleswig-Holstein stammend, sammelte nach dem Studium in vielen Ländern Erfahrung in der Entwicklungszusammenarbeit. Seit Beginn des Jahres ist sie Projektreferentin bei „Action Medeor“, dem deutschen Medikamentenhilfswerk in Tönisvorst bei Krefeld. Sie ist mit zuständig für die Fabrik in Arusha - die erste in Tansania, die zweite in ganz Afrika. Dort sollen erschwingliche Nachahmerpräparate (Generika) der teuren Medikamente für die antiretrovirale Therapie gegen Aids hergestellt werden.
Schweigen über die Seuche
In Europa und Nordamerika ist die lebensverlängernde Behandlung gegen die unheilbare Immunschwächekrankheit längst selbstverständlich. In Tansania, einem der ärmsten Länder der Welt mit gut 38 Millionen Einwohnern, kommen nur sieben Prozent der 1,6 Millionen Infizierten in ihren Genuß. Die anderen sterben früh, etwa 140.000 Personen bislang, Männer, Frauen, Kinder. Sie sterben früh, weil sie arm sind und sich die Behandlung nicht leisten können. Von einer Gesundheitsversorgung wie in den entwickelten Ländern ist Tansania so weit entfernt wie die Erde vom Mars. Der tansanische Staat ist bei der Gesundheitsversorgung der Bevölkerung fast ganz auf Fremdmittel angewiesen, vor allem auf die Zahlungen des Global Fund gegen HIV/Aids, Malaria und Tuberkulose. Von fünf Tansaniern haben drei weniger als umgerechnet zwei Dollar am Tag zur Verfügung.
Die Zahl der Aidswaisen ist auf 1,1 Millionen gestiegen. Die Lebenserwartung von jetzt 48 Jahren sinkt weiter. Familienverbände zerbrechen, Betriebe müssen schließen. Dennoch herrscht weithin Schweigen über Ukimwi, wie die Seuche auf Kisuaheli heißt. Wer infiziert ist, hat gegen soziale Normen verstoßen, er trägt ein Stigma. Fast alle bemühen zunächst den traditionellen Heiler, der Ahnenflüche oder Hexereien mißgünstiger Nachbarn diagnostiziert. Das mag die Seele stärken, aber gegen das Virus hilft es so wenig wie die Heilungsrituale der zahllosen, oft sektiererischen christlichen Pfingstlergruppen. Deren charismatischen Predigern laufen die Tansanier in Scharen zu.
Morddrohungen von Pharmakonzernen
„Ich kann die Welt nicht ändern, aber ich kann die schlimmsten Zustände mildern helfen“, sagt Birte Thomsen. Deshalb ist sie in diesen Tagen mit den Mitstreitern von Action Medeor wieder in Arusha. Tansania soll selbständig Aidsmedikamente herstellen können und von teuren Importen unabhängig werden. Action Medeor will, daß vor allen die Armen davon profitieren. Das Medikamentenhilfswerk hat sich dazu der Hilfe einer berühmten Thailänderin versichert. Die Pharmazeutin Krisana Kraisintu, 54 Jahre alt, war eine der ersten, die ein erfolgreiches Generikum für die antiretrovirale Therapie herstellten, eine neue Kombination aus Lamivudine, Stavudine und Nerivapine. Als sie ihre Pionierarbeit in Thailand vollendet sah, wandte sich die Buddhistin Ende 2002 ihrem Lieblingskontinent zu, Afrika. Auch dort sollte die lokale Produktion ihrer Medikamente dem Menschenrecht auf medizinische Versorgung Geltung verschaffen. Ihre Berichte von Morddrohungen aus dem Umfeld von Pharmakonzernen sind mittlerweile oft zitiert worden.
Es war ein bitteres Stück Arbeit, bis im Dezember 2005 die Produktion des Aidsmedikamentes TTVir (Tanzania-Thailand-Vir) in Arusha anlief, in einer von Grund auf überholten Fabrik im Themi-Industriegebiet. In den staatssozialistischen Zeiten unter dem 1999 gestorbenen und noch immer verehrten Staatsgründer und Präsidenten Julius Nyerere war sie zur Ruine verkommen. Jetzt wird sie privat geführt, gehört zu zwei Fünfteln dem Staat und zu drei Fünfteln privaten Investoren. Der geschäftsführende Direktor Ramadhan Madabida weiß lebhaft zu beschreiben, wie er die „Tanzania Pharmaceutical Industries Ltd.“ (TPI) mit 100 Angestellten ins Laufen brachte und wie 2003 auf teils abenteuerlichen Zufallspfaden Krisana Kraisintu, Action Medeor und TPI zum großen Plan einer lokalen Produktion antiretroviraler Medikamente zusammenfanden.
Langer Weg aus Deutschland ist Vergangenheit
Näher an die lokalen Gegebenheiten - nach dieser Devise hat Action Medeor im September 2005 auch eine Tochtergesellschaft in Daressalam gegründet. Die gemeinnützige GmbH unter Geschäftsführung des Medeor-Chefapothekers Christoph Bonsmann betreibt ein Medikamentenlager, das von Krankenhäusern sowie kirchlichen und anderen nichtkommerziellen Gesundheitsstationen weidlich genutzt wird. Zur Hälfte werden die Medikamente bei ostafrikanischen Herstellern und Großhändlern in Tansania und Kenia eingekauft. Der lange Weg von Tönisvorst in Deutschland ist Vergangenheit. Mit fünf Mitarbeitern managt der promovierte Apotheker Hellmuth Rössler das Lager, ein großgewachsener hagerer Mann, dem man seine 62 Jahre nicht ansieht. Schon vor mehr als 20 Jahren wurde er vom AfrikaVirus befallen und in seiner Berliner Wohnung ist er nur zu finden, wenn es gilt, eine Ausstellung neuer afrikanischer Kunst zu arrangieren.
Jetzt kommt der nächste Schritt für Action Medeor. Die Europäische Kommission hat fünf Millionen Euro für die Lebenszeitfabrik in Arusha bewilligt. Die leere Halle soll sich wie aus dem Baukasten füllen, mit containerartigen Modulen, die zusammen die Fabrik ergeben. Ziel: 90 Millionen Tabletten im Jahr für bis zu 100.000 Infizierte. Die Mittel sollen 30 Prozent billiger sein als die der Hauptgenerikaproduzenten in Indien und China. Auch die nächste Medikamentengeneration soll in Arusha hergestellt werden, auf der in Indien und China noch Patentschutz liegt. Krisana Kraisintu führt an diesem Tag noch einmal durch die blitzsaubere „alte“ Produktionsstätte - „es hat lange gedauert, bis alle wußten, was ich mit ,sauber' meine“ - und sagt resolut: „Wenn die neue Fabrik steht, brauchen wir die Produktion samt Personal nur von hier nach nebenan zu verlagern.“
Kramläden statt ausgebildeten Apothekern
Aber Medikamente stellt man nicht her wie die Plastikstühle, auf denen Tansanier, die es sich leisten können, nachts in den Gärten der Fischrestaurants sitzen und mit der Hand das Fleisch des Tilapia, des Barschs aus dem Viktoriasee, von den Gräten lösen. Tansania muß fast bei Null anfangen. Etwa 800 „Pharmacists“ hat das Land, nur 16 von ihnen haben einen akademischen Abschluß, mit dem sie in Deutschland als Industrieapotheker zugelassen würden. Mildred Kinyawa, Leiterin des Berufsverbands, eines Staatsorgans: „Weil wir noch so wenige sind, wissen die Tansanier gar nicht, daß es so etwas wie ausgebildete Apotheker gibt.“ In den großen Städten steht zwar alle 20 Meter „Pharmacy“ an einem vollgestopften Kramladen, aber das sind bloß „drugstores“. Mildred Kinyawa: „Eigentlich brauchten die alle eine Lizenz zum Einkauf beim Großhändler, aber noch ist das ein grauer Markt.“
Action Medeor kümmert sich auch um die Ausbildung der Fachkräfte, die einmal ohne fremde Hilfe die Arzneimittelproduktion des Landes in die Hände nehmen sollen. Christine Häfele, 28 Jahre alt, in Südamerika aufgewachsene deutsche Apothekerin, schult an diesem Tag im Verwaltungstrakt der TPI-Fabrik nach den Grundsätzen der GMP, der „Good Manufacturing Practice“. Das sind peinlich genaue Vorgaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO). Die neue Fabrik soll sie in ein paar Jahren erfüllen. Dann könnte sie ein „Präqualifizierungsteam“ der WHO zur Prüfung einladen, und bei Erfolg könnten milliardenschwere „Global Player“ wie die Gates-Stiftung oder der Global Fund in großem Stil dort Medikamente kaufen. Doch davon träumt man in Arusha nur und bildet weiter tapfer aus, auch die Kontrolleure der Arzneimittelzulassungsbehörde TFDA, deren 80 „experts“ noch weit davon entfernt sind, den Staat zum Herrn im eigenen pharmazeutischen Haus zu machen.
Am Ende der Woche macht sich die freundschaftlich verschworene Helfergruppe auf nach Daressalam. Der Tag ist gekommen. Geschäftsführer Bernd Pastors - er ist seit mehr als 20 Jahren bei Action Medeor - überarbeitet am Laptop noch einmal die Festrede auf englisch, dann geht es aus der Schwüle der Stadt in die Kühle des „Kempinski Royal Palm“. Der Vertrag für das Arusha-Projekt ist unterschriftsreif, Fernsehsender und Presse berichten, der deutsche Botschafter Wolfgang Ringe ist erschienen. Für Tansania unterzeichnet Gesundheitsminister David H. Mwakyusa, ehedem Leibarzt des Staatsgründers Nyerere. Nach dem Festakt gönnt sich Bernd Pastors eine Zigarre. Birte Thomsen sagt: „Jetzt müssen wir es nur noch machen.“ Vor ihrem inneren Auge erscheint dabei wohl wieder die Lebenszeitfabrik.
Action Medeor in 140 Ländern
Das Medikamentenhilfswerk in Tönisvorst bei Krefeld ist heute das größte Europas, eine professionelle Hilfsorganisation mit 46 hauptamtlichen Mitarbeitern und einem Haushaltsvolumen von 11,4 Millionen Euro (2005). Es versorgt gut 9000 Gesundheitsstationen in 140 Ländern. Danach sah es im Jahr 1964, als Action Medeor gegründet wurde, noch gar nicht aus. Der Arzt Ernst Boekels hatte damals damit begonnen, nicht mehr benötigte Arzneimittel für Bedürftige in der Dritten Welt zu sammeln. Bald kamen ganze Lastwagenladungen in Tönisvorst an, bald stellte sich aber auch heraus, daß darunter viele Medikamente waren, für die in den Gesundheitsstationen der Entwicklungsländer kein Bedarf bestand. Das änderte sich dann rasch.
Die Lagerhalle in Tönisvorst ist heute 4000 Quadratmeter groß, aber Action Medeor will sie auf lange Sicht überflüssig machen. Kleinere Lager in den zu versorgenden Ländern selbst sollen die Medikamente noch schneller und billiger zu den Bedürftigen bringen. Die Organisation, die auch Not- und Katastrophenhilfe leistet, setzt auf das Konzept lokaler Produktion erschwinglicher Medikamente in den Entwicklungsländern. Sie will die einheimischen Kräfte dabei unterstützen und beraten, bis sie sich selbst helfen können. (wer.)
Axel Wermelskirchen Jahrgang 1951, Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.
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