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Veröffentlicht: 13.07.2015, 12:20 Uhr

Generation Y Das Jetzt ist eine Wartehalle

Zuerst kam die Uni, dann die Promotion. Jetzt habe ich einen Lebenslauf wie zu viele andere – und Angst vor dem, was vor mir liegt. Ein Bericht aus dem Zentrum der Quarterlife-Crisis.

von Tabea Mußgnug
© Getty Unter der Uni-Glocke: Nach dem Abschluss werden Studenten mit den Härten des Jetzt konfrontiert.

Letztens hab ich mich wahnsinnig erwachsen gefühlt. Und dann hab ich Princess Sparkle, mein rosa Plüsch-Einhorn, im Bett gesehen, und weg war das Gefühl wieder. Ich habe mal gelesen, die Adoleszenz würde sich immer weiter nach hinten hinausschieben, und wenn ich nur mich als Beispiel nehme, glaube ich, dass das stimmt. In meinem Alter waren meine Eltern schon sechs Jahre verheiratet, meine Oma hatte mit 26 drei Kinder. Ich fühle mich schon eingeengt, wenn ich mich für den Uni-Schwimmkurs fürs ganze Semester anmelden muss.

Meine Mitbewohnerin, die so alt ist wie ich, beendete kürzlich ganz ernst einen Satz mit „Und dann saßen neben uns noch ein paar Erwachsene“. Ich glaube, das beschreibt ganz gut, wie es ist. Viele von uns, nicht alle, aber viele, würden sich niemals als erwachsen bezeichnen, auch wenn der zwanzigste Geburtstag schon eine ganze Ecke her ist. Ich bin beleidigt, wenn Teenager mich siezen. Ich bedanke mich, wenn ich an der Kasse wegen der Flasche Gin nach dem Ausweis gefragt werde. Ich verstecke mich immer noch zum Rauchen, wenn ich bei meinen Eltern zu Besuch bin. Ich nehm’s nicht mal persönlich, wenn mich auf Familiengeburtstagen keiner fragt, ob ich auch ein Glas Wein will.

Doktorarbeit klingt intelligenter als es ist

Ich weiß nicht, ob es die Quarterlife Crisis wirklich gibt, es kommt mir ein bisschen so konstruiert vor wie Burnout, wo ja auch jeder Angst hat, Erschöpfungsdepression zu sagen. Wikipedia hat einen Eintrag dazu, da steht über die Quarterlife Crisis, sie sei der „Zustand der Unsicherheit im Lebensabschnitt nach dem Erwachsenwerden“. Vielleicht ist es tatsächlich normal, dass man einerseits genug hat vom Dahintreiben und gleichzeitig Angst, irgendwo ankommen zu müssen. Ich weiß nicht, wen ich heirate. Ich weiß auch nicht, was ich eigentlich genau arbeiten möchte. Ich kann mir für mich alles oder nichts vorstellen, und eigentlich will ich es auch gar nicht so genau wissen. Mal will ich einen Bauernhof, mal eine Wannseevilla. Meine Berufswünsche pendeln zwischen Nobelpreisträgerin und Hausfrau und erfassen jede Nuance dazwischen.

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Meine Eltern sind Ende der fünfziger Jahre geborene Babyboomer. Als mein Vater Techniker lernte und meine Mutter in der Grundschulpädagogik-Vorlesung strickte, waren sie sich sicher, dass das jetzt die Berufe sein würden, die sie bis zur Rente haben werden. Uns, den Ende der Achtziger Geborenen, wird gesagt, dass man flexibel sein muss, dass nichts für immer ist und die Rente sowieso nicht mehr existiert, bis wir dran sind. In uns paart sich Unverbindlichkeit mit Fatalismus und einem Schuss abenteuerlustigem Tanz-am-Abgrund-Gefühl. Heraus kommen dabei entweder BWL-Studenten mit 60-Stunden-Praktika oder solche wie ich.

Seit 10.57 Uhr tue ich nichts. Davor habe ich einen mittelmäßigen Krimi fertiggelesen. Ich muss heute noch die Wäsche machen, und das ginge auch noch morgen. Ansonsten habe ich keine Pläne. Ich weiß, das klingt für viele nach dem Paradies, nichts tun müssen, wenige Termine, keine Regeln. Aber ich hab’ das seit eineinhalb Jahren und kann gar nicht so viel Kaffee trinken gehen und in der Stadtbücherei sein, um nicht langsam meine Haare essen zu wollen. So lange promoviere ich schon, sitze also an meiner Doktorarbeit. Das klingt nach viel Arbeit und viel Intelligenz, aber ehrlich, das ist es nicht. Es fühlt sich an, als würde ich einfach auf eine sehr lange Zeit verteilt einen sehr, sehr langen Aufsatz schreiben. Die meisten meiner Freunde, die mit mir zusammen studiert haben, sind weg, weil sie nicht promovieren wollten, sondern arbeiten. Die Freunde, die noch hier sind, studieren noch und haben den ganzen Tag Vorlesungen und Seminare und bereiten Referate vor. Nur ich bin einfach so da.

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