Home
http://www.faz.net/-gum-3gnx
Mehr Angebote
| Abo|Hilfe
Sonntag, 19. Februar 2012
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Synästhetiker Das „Y“ ist grau, das „A“ ist rot

19.05.2002 ·  Welche Farbe hat das „B“ und wie schmeckt der Süden? Synästhetikern fällt es leicht, diese Frage zu beantworten.

Von Nathalie Heinke
Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (0)

Synästhesie nennen Wissenschaftler das einzigartige Phänomen, wenn Menschen Buchstaben oder Zahlen farbig sehen, wenn ihnen ein Musikstück nicht nur als Kombination von Tönen, sondern auch von Farben und Linien erscheint, die vor dem inneren Auge mitlaufen, oder wenn sie bei dem Buchstabe „A“ sogar einen Geschmack assoziieren.

Als eine Vermischung der Sinne wird dieses besondere Vermögen deshalb auch genannt; so kommt es bei der Stimulation einer Sinnesqualität wie etwa dem Hören zusätzlich zu einer Sinneswahrnehmung einer anderen Sinnesqualität wie etwa dem Farbensehen. Zwischen 80.000 und 160.000 Menschen in der Bundesrepublik erleben dieses Feuerwerk der Sinne, schätzt der Arbeitskreis der Medizinischen Hochschule in Hannover.

Visuelle Geometrie

Zwar sind theoretisch derartigen Verbindungen zwischen allen fünf Sinnesbereichen möglich, die häufigste Form ist jedoch das so genannte "coloured hearing", die Ton-Farb-Synästhesie: „Ganz selten ist visuelle Geometrie und alles was mit Berührung, Geruch und Geschmack zu tun hat, mit 90 Prozent am häufigsten ist die Verbindung von Farbe mit einem gehörten oder gelesenen Wort“, erklärt Hinderk Emrich, die Leiter der Abteilung Klinische Psychiatrie und Psychotherapie der Medizinischen Hochschule Hannover.

Der Neurobiologe und sein Team beschäftigen sich schon seit einiger Zeit mit dem Thema und haben sogar ein Synästhesie-Cafè gegründet. Bei dieser Form der Synästhesie löst demnach nicht nur das gehörte, sondern auch das gelesene oder auch nur das gedachte Wort oder der gedachte Buchstabe ein zusammengehörendes Farberlebnis hervor.

Synäthesie ist keine Krankheit

Synästhesie aber ist keine Einbildung; so haben Neurowissenschaftliche Untersuchungen mit bildgebenden Verfahren gezeigt, wie die Gehirne von Synästhetikern funktionieren: Hören sie Sprache oder Musik, dann ist in ihrem Gehirn nicht nur das Hörzentrum aktiv, sondern gleichzeitig auch das Sehzentrum, das eigentlich nur Gesehenes verarbeitet.

Synästhesie ist aber auch keine Krankheit. Im Gegenteil: „Der Mensch ist keine Maschine, das vergessen wir oft. Vor allem von den so genannten Gefühls-Synästhetikern kann man lernen, dass die Auseinandersetzung mit der eigenen Gefühlswelt eine Bereicherung sein kann“, sagt Emrich.

Der Wissenschaftler unterscheidet außerdem drei Gruppen von Synästhetikern: So genannte genuine Synästhetiker haben die Fähigkeit etwa bei Tönen gleichzeitig bestimmte Farben zu sehen, schon von Kindesbeinen an. Diese Form der Synästhesie wird zudem unwillkürlich hervorgerufen und begleitet Betroffene permanent. Darüber hinaus kommt diese womöglich vererbte Sinnesvermischung unter Verwandten und bei Frauen gehäuft vor; rund 80 Prozent der Synästhetiker sind weiblich.

Anders so genannte Gefühls-Synästhetiker: Bei dieser Gruppe wechselt die Assoziation je nach Gefühlslage und ist manchmal auch gar nicht präsent, weshalb sie nicht von allen Wissenschaftlern anerkannt werden. Neben der „echten“ und der Gefühls-Synästhesie soll es überdies Mischformengeben. Darüber hinaus können Verletzungen oder Drogen wie etwa LSD zu vorrübergehenden Erfahrungen mit dem Phänomen der Synästhesie führen.

Hohe Beständigkeit bei einer Person

Obwohl es selten zwei Synästhetiker gibt, die beispielsweise bei den gleichen Buchstaben auch die gleiche Farbe sehen, findet man dagegen bei ein und derselben Person eine hohe Beständigkeit: Tests mit Nicht-Synästethikern und Synästhetiker, die bestimmten Buchstaben und Wörtern Farben zuordnen mussten, ergaben, dass sich Nicht-Synästheiker nur noch zu 38 Prozent an ihre ursprünglich genannten Farbe- Wort-Kombinationen erinnern könnten. Dagegen erinnerten sich 92 Prozent der Synästhetiker noch ganz genau an ihre Angaben.

Bei etwa den Buchstaben „A“, „V“ und „F“ konnten bei vielen Synästhetikern allerdings Übereinstimmungen in der Farbkombination festgestellt werden: Das „A“ ist rot, das „V“ oftmals bläulich, das „F“ sehen diese Menschen meist in Verbindung mit Grün, das „Y“ ist grau.

Aber nicht nur durch ihre ungewöhnliche Fähigkeit, farbige Buchstaben zu sehen oder Töne zu schmecken, zeichnen sich Synästhetiker aus. Die von der Fachhochschule in Hannover untersuchten Personen verfügen sich nicht selten über besondere Charaktereigenschaften wie Angstfreiheit, innere Festigkeit und Beständigkeit. Darüber hinaus findet man bei Gefühls-Synästhetikern gehäuft Déjà-vu-Erlebnisse, die Fähigkeit zum Wachtraum und präkognitive Träume.

Als mögliche Ursache der Synästhesie sieht der Emrich die Vernetzung von Sinneszentren über das limbische System, durch die unterschiedliche Wahrnehmungsgehalte miteinander in Beziehung gebracht werden.

Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen