01.07.2008 · Vor fünf Jahren fand der Künstler Christofer Kochs drei Kartons mit Partituren, losen Notizen, Verträgen und einer Tonbandspule auf dem Sperrmüll. Das reichte, um ein ungewöhnliches Musikprojekt auf den Weg zu bringen.
Von Anke SchippChristofer Kochs ist kein Sperrmüllsucher, weder ein professioneller noch ein semiprofessioneller. Er hält nicht an, wenn ein Küchentisch mit abgeblätterter Farbe am Wegesrand liegt. Oder ist freudig erregt, wenn ein Plastikhocker mit Kunstfell sich als abgefahrenes Retroteil entpuppt. Im Nachhinein kann er gar nicht mehr genau sagen, warum er im Sommer vor fünf Jahren überhaupt stehen blieb, als er die drei Kartons an der Imhofstraße in Augsburg im Vorbeigehen bemerkte. Er fing an zu kramen, wühlte immer tiefer - und blieb hängen an dem, was übrig geblieben war vom Leben des Joachim Ewen. Das war nicht viel: Partituren, lose Notizen, Verträge und eine Tonbandspule. Aber es reichte, um ein ungewöhnliches Musikprojekt auf den Weg zu bringen.
„Am Anfang wusste ich gar nicht, was ich mit den Sachen machen soll“, sagt Kochs heute, als er mit Sonnenbrille und weißem Hemd entspannt durch das Antonsviertel schlendert, wo er damals wenige Meter von seiner Haustür entfernt den Fund machte. Der Augsburger, der eigentlich Künstler ist, aber immer nebenher auch Musik spielte, überlegte sich zunächst, die alten Notenblätter zum Zeichnen zu verwenden. Das änderte sich, als er die Musik auf dem Tonband hörte, die ihm ein Freund auf Computer überspielte: 18 lose aneinandergereihte Instrumentalstücke mit leichten Melodien, die von einem großen Orchester getragen werden und nach den siebziger Jahren klingen, nach Fernsehsendungen wie „Musik ist Trumpf“ oder Filmen, die am Wolfgangsee spielen und als Hauptdarsteller Roy Black zeigen. Kochs war fasziniert von dieser alten Welt, in der noch alles in Noten festgehalten wurde und man für ein Orchester und nicht für den Computer komponierte. Kochs fing an zu recherchieren.
Mit sauberer Schreibschrift auf Zetteln vermerkt
Joachim Ewen - er bleibt ein Mann mit unscharfen Konturen. Der Komponist und Arrangeur war wohl einer unter vielen, der hübsche Liedchen komponierte und Orchesterstücke für Filme und Konzerte neu arrangierte. „Barbarina“ oder „Corina“ hießen seine Stücke, „Lazy but Lucky“ oder „Love is just a word“ jene, die er neu arrangierte. Alles hat er mit sauberer Schreibschrift auf Zetteln vermerkt, die Kochs damals in dem Karton fand. Auch ein Vermerk der „Joachim Ewen Musikproduktion“ in München war dabei. Bei der Verwertungsgesellschaft für Musik, der Gema, finden sich aber nur noch wenige Einträge. Erfolge, wie sie seine Kollegen Bert Kaempfert oder James Last vorzuweisen hatten, waren ihm nicht beschieden.
Die letzten Jahre seines Lebens verbrachte er in einer kleinen Wohnung in einem gesichtslosen Achtfamilienhaus im Augsburger Antonsviertel - bürgerlich, bayerisch gediegen, mit gepflegten Vorgärten und blitzsauberen Bürgersteigen. „Er hat unter uns gewohnt, aber wir hatten nichts miteinander zu tun“, sagt eine Nachbarin knapp über die Gegensprechanlage und legt wieder auf. „Ach, der Komponist, das war der, der a bissle viel g'soffen hat“, erinnert sich die Frau im Nachbarhaus. Den habe man immer Klavier spielen gehört, „da hat er wohl komponiert“. Und bei einem Fest in ihrem Hinterhof sei er mal mit seiner Lebensgefährtin erschienen. „Da war er sehr gesellig.“ Er habe ihr damals eine CD von sich geschenkt, die nie veröffentlicht wurde.
Schon zu Lebzeiten in Vergessenheit geraten
Kochs fand schließlich alte Musikkollegen und sogar einen Neffen von Ewen in Norddeutschland. Aber auch der konnte nicht viel sagen, außer dass er so gut wie keinen Kontakt zu seinem Onkel hatte. Joachim Ewen war wohl schon zu Lebzeiten in Vergessenheit geraten. So recht hat sich offenbar niemand mehr für ihn interessiert - bis Kochs seinen Nachlass auf der Straße fand. Doch es sollte noch ein paar Jahre dauern, bis die CD „Crooning over Sperrmüll Tapes“ auf den Markt kam.
„Ich hatte schon Angst, es wird eines dieser ewigen Projekte, die man nie zu Ende führt“, sagt Kochs heute, der im Jahr des Fundes mit Markus Mehr das Duo „Mufuti Twins“ gegründet hatte - benannt nach dem legendären „Multifunktionstisch“ aus DDR-Zeiten. Schnell kam er auf die Idee, die Orchesterstücke des Tonbands neu zu vertonen, das heißt: Texte zu den Melodien zu schreiben. Markus Mehr sorgte für den Feinschliff und machte das, was Ewen und Kollegen damals auszeichnete: Er arrangierte das Material neu, indem er den Stücken durch Schlagzeug-Beats zu mehr Dynamik verhalf oder mit Gitarrenriffs den Kompositionen stellenweise das schwüle Moment nahm. „Wir wollten unbedingt den Charakter der Musik beibehalten, dem Ganzen aber doch einen neuen Anstrich verleihen“, sagt Kochs.
Easy Listening
Mit den „Remixen“ von heute, bei dem das Material bis zur Unkenntlichkeit zerlegt oder verfremdet wird, hat das nichts zu tun. Der Grundton der Stücke erinnert an „Easy Listening“, jene leichten Melodien von Bert Kaempfert und Kollegen, die man so nebenbei hören kann. Doch durch den englischen Gesang von Christofer Kochs, der über eine rauhe Soulstimme verfügt, kommt eine neue Färbung rein - und mehr Tiefe. Es klinge nicht ganz so mondän wie der Las-Vegas-Sound aus jener Zeit, sagt Kochs, sondern „eher nach Reihenhaus und Strickpullunder als nach Wolkenkratzer und Smoking“. Das Deutschlandradio nannte die „Mufuti Twins“ „die musikalischen Ziehsöhne von James Last“. Was nicht ganz stimmt. Eher sind sie so etwas wie die unehelichen Kinder von Frank Sinatra, die eben nicht in New York, sondern in Augsburg aufgewachsen sind.
Das Konzept, alten Melodien neues Leben einzuhauchen, wandten die „Mufuti Twins“ auch auf andere Titel aus den siebziger Jahren an, die auf der CD zu hören sind. Es ging gar nicht anders, denn nur sechs der 18 Stücke auf dem Tonband waren zu gebrauchen, „die anderen klangen zu verworren“, sagt Kochs. Also fragten die Augsburger bei noch lebenden Filmkomponisten an. Peter Thomas, der mehr als 600 Soundtracks geschrieben hat und dessen bekanntestes Werk, die Musik zur „Raumpatrouille Orion“, Mitte Juli in der Kölner Philharmonie mit großem Orchester gespielt wird, war von der „Mufutisierung“ seiner Stücke ebenso begeistert wie der Wiener Gerhard Heinz, der in den sechziger und siebziger Jahren für zahlreiche Sexfilme wie „Alpenglühn im Dirndlrock“ die Musik schrieb.
Aus der Versenkung geholt
Nebenbei haben Kochs und Mehr ein Jahr damit verbracht, die Rechte an den Ewen-Stücken zu klären. Da Ewen auf dem Tonband auch die Werke anderer Komponisten neu arrangierte, mussten alle diese Rechteinhaber ausfindig gemacht werden - oder deren Erben. Das ist auch deshalb kompliziert, weil die Künstler damals teilweise unter mehreren Pseudonymen arbeiteten. Einer von ihnen verlangte ziemlich viel Geld, die meisten anderen waren froh, dass sich jemand für die alten Zeiten interessiert.
Kochs und Mehr sind halb so alt wie die Komponisten, die sie auf „Crooning over Sperrmüll Tapes“ zu neuem Leben erwecken und die meist jenseits der Achtzig sind. Für die Musiker war das Abtauchen in die alte Welt der größte Spaß an dieser CD, die eher ein Liebhaberprojekt ist - das große Geld lässt sich damit kaum verdienen. Sie haben fünf Jahre daran getüftelt, ohne Labelmanager und Businessplan. Das ist selten im Musikgeschäft. Ein Journalist äußerte deshalb den Verdacht, die Geschichte mit dem Sperrmüll sei erfunden, um die CD besser verkaufen zu können. Die „Mufutis“ lachen darüber, als sie vor dem Mehrfamilienhaus an der Imhofstraße stehen und über Joachim Ewen reden. Sie haben ihn aus der Versenkung geholt. Er wäre stolz gewesen.
Anke Schipp Jahrgang 1966, Redakteurin im Ressort „Gesellschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Jüngste Beiträge