10.06.2005 · Ein Prestigeobjekt: Die neue Svinesundbrücke zwischen Schweden und Norwegen wurde mit einem großen Staatsakt und viel Symbolik eingeweiht. Die Bürger beider Länder nutzen das Bauwerk aus weitaus pragmatischeren Gründen.
Von Georg KüffnerAm Freitag schlugen Norweger und Schweden mal wieder eine Brücke: Auf dem neuen Übergang zwischen den beiden skandinavischen Ländern gingen König Harald V. von Norwegen und König Carl XVI. Gustaf, beide mit Familiengefolge und jeweils aus ihrem eigenen Land kommend, gemessenen Schrittes aufeinander zu. Mitten auf der filigranen Ein-Bogen-Konstruktion über den Svinesund trafen sie sich.
Die norwegische Prinzessin Mette-Marit machte einen sauberen Knicks vor dem schwedischen Königspaar. Alle anderen, die nicht ins Königshaus eingeheiratet haben, sondern hineingeboren wurden, gaben sich lässiger. Die beiden Länder feiern in diesen Tagen zwar den hundertsten Jahrestag der Ablösung Norwegens von Schweden. Aber zwischen den Nachbarn, das sah man sogar aus der Ferne, stimmt die Verbindung.
Und jetzt sogar im doppelten Wortsinn: Denn der hoch aufragende Bogen der Svinesundbrücke auf der Autobahnstrecke E6, die Oslo und Göteborg verbindet, hat nicht nur eine stabilisierende Aufgabe. Er symbolisiert zudem - wie ein Regenbogen aus der Hand eines Ingenieurs - überaus ästhetisch die enge Verbindung der beiden Länder, die mit dieser knapp 200 Kilometer nördlich von Göteborg gelegenen Brücke, die 247 Meter weit gespannt ist, einen neuen Grenzübergang bekommen. Daß man diese Aufgabe nicht einem nüchternen Zweckbau übertragen wollte, versteht sich von selbst.
Enorme Kosten
Man scheute daher weder Kosten noch Mühen, um hier ein sich besonders harmonisch in die Fjordlandschaft Skandinaviens integrierendes Bauwerk zu errichten. Das ist gelungen. Dabei überzeugt die von dem norwegischen Büro Lund & Slaatto Achitekter AS konzipierte und von dem Mannheimer Baukonzern Bilfinger Berger errichtete Brücke durch eine Form, die von den Architekten selbstbewußt mit den Worten beschrieben wird, sie sei „wie aus dem Fels gewachsen“.
Um diesen Eindruck zu erreichen, haben der Bogen und auch die Pfeiler der Brücke von unten nach oben Querschnitte, die sich ändern: Ihre „Außenkanten“ sind um genau 1,8 Grad nach außen gestellt, so daß Autofahrer beim Blick entlang der Brückenachse nur parallel verlaufende Linien sehen. Das hat viel Geld gekostet. Rund 35 Prozent der Gesamtkosten der Brücke von 63 Millionen Euro sind auf diesen Luxus entfallen. Denn die geneigten Seitenflächen machten es erforderlich, daß die Betonschalung des im klassischen Freivorbauverfahren errichteten Bogens von Segment zu Segment neu ausgerichtet werden mußte.
Zudem galt es, die von beiden Seiten des Fjords langsam nach oben wachsenden Bogenhälften (bis zum Zusammentreffen in der Brückenmitte) aufwendig zu stützen. Mit sogenannten Hilfsabspannungen wurden sie zurückgehalten. Und da die Halteseile nicht an den endgültigen Pfeilern befestigt werden konnten, mußte man für das Bogenschlagen eigens zwei Hilfspylone bauen, die rund 90 Meter hoch waren und aus nicht weniger als 1000 Kubikmeter Stahlbeton bestanden. Nachdem der Bogen geschlossen war, wurden diese Hilfsbauten abgetragen und verschrottet.
Hohe Ingenieurskunst
Der Bogen der Svinesundbrücke ist überaus filigran. Er ist so schlank, daß er seitlich gestützt werden muß, wenn er vom Wind nicht umgeworfen werden soll, wie Michael Blaschko, Oberbauleiter bei Bilfinger Berger, erklärt. Nur in der Kombination mit den beiden seitlich am Bogen vorbeigeführten stählernen Fahrbahnträgern bekommt er die benötigte Stabilität - wobei auch die nur ihre horizontale Position behalten, da sie am Bogen „angeflanscht“ sind. Die Svinesundbrücke ist damit ein „gekoppeltes System“. Das heißt, daß die beiden wesentlichen Teile - Bogen und Brückenträger - auf Biegen oder Brechen aufeinander angewiesen sind.
Welch hohe Anforderungen dieses Bauwerk an die Ingenieurskunst stellt, ist nur zu erahnen. Dazu gehört auch die Lösung, die man für das Befestigen der Fahrbahnträger auf den Pfeilern gefunden hat. Sie sind nicht einfach nur aufgelegt. Dazu sind sie viel zu leicht - sie würden durch die ungleichen Belastungen durch Verkehr und Wind abheben. Damit das nicht passiert, werden sie von „Spanngliedern“ niedergehalten. Ihnen wiederum mußte man einigen Bewegungsspielraum geben, damit sie die Längenverschiebungen unbeschadet überstehen, die durch Temperaturänderungen immer wieder hervorgerufen werden.
Kabelkran als Grenzübergang
Um auch bei winterlichen Temperaturen arbeiten zu können, wurde geheizt. Der innen hohle Bogen wurde von gasbetriebenen Heizlüftern erwärmt. Heizkabel im Beton und an den Stirnseiten der Bogensegmente sorgten dafür, daß auch dessen äußere Bereiche auf Temperatur blieben. Da man zudem den frischen Beton warm angeliefert bekam und auch die Betonkübel nach jedem Hub wieder aufwärmte, konnte bei Temperaturen bis zu minus 15 Grad weitergearbeitet werden. Nur wenn es noch kälter wurde, so erklärt Blaschko, lief nichts mehr. Auch bei starkem Wind ruhte die Arbeit - denn selbst ohne Wind bewegte sich der schlanke Bogen während des Baus. Immer dann, wenn wieder ein 5,50 Meter langes Bogensegment angehängt wurde, sackten die beiden Bogenenden zehn Zentimeter nach unten und mußten anschließend mit Hydraulikpressen wieder hochgezogen werden.
Durch die Grenzlage kam es während der ersten Monate zu einigen administrativen Schwierigkeiten. Immer dann, wenn von dem auf der schwedischen Seite gelegenen Hauptsitz der Baustelle ein Kompressor oder ein Betonrüttler auf die andere Fjordseite transportiert werden mußte, hätten die Teile beim norwegischen Zoll angemeldet und verzollt werden müssen. Doch wie Blaschko berichtet, konnte man sich mit beiden Regierungen auf eine einfache Abwicklung einigen. Dennoch mußten stets Zoll-Listen geschrieben und temporäre Importanträge ausgefüllt werden. Der Kabelkran, der die gesamte Baustelle überspannte, galt als zusätzlicher Grenzübergang und mußte von beiden Seiten genehmigt werden.
Fleisch und Alkohol sind in Schweden billiger
Von diesem doch recht kleinkarierten Hickhack, das so gar nichts erahnen läßt von der kühnen Großzügigkeit des Bogens, war am Freitag dann nichts mehr zu spüren. Die Königsfamilien, die in ihren Ländern seit Jahren an Unterstützung in der Bevölkerung verlieren, nutzten den Tag zu fröhlicher Eigenwerbung. In der Mitte der Brücke enthüllten sie zwei Granit-Skulpturen. Die Steine zeigen zwei Hände, die sich entgegenstrecken. Dabei hatte es an diesem Tag an Symbolik nun wirklich nicht gefehlt.
Den einfachen Bürgern wird es darauf ohnehin nicht ankommen. Wichtig ist für sie, daß die vierspurige Brücke den Grenzverkehr erleichtert. Bislang fuhren mehr als 15.000 Fahrzeuge täglich auf der zweispurigen alten Brücke, die 1946 eröffnet worden war, und stauten sich oft auf bis zu siebzig Kilometern. Zwar beträgt die Maut für ein Auto zwanzig norwegische Kronen (2,60 Euro), für einen Lastwagen umgerechnet 12,70 Euro. Aber zumindest für die Norweger rechnet sich das trotzdem. Sie versorgen sich gerne beim schwedischen Nachbarn mit Fleisch und Alkohol, die dort billiger sind. Wenn's die Symbolik gratis dazugibt - um so besser!