Home
http://www.faz.net/-gum-15v4q
Mehr Angebote
| Abo|Hilfe
Sonntag, 19. Februar 2012
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Südkorea Der Charme des Charm

17.03.2010 ·  Südkoreas Tourismusminister Lee Charm heißt eigentlich Bernhard Quandt. Als erster Deutscher in der Geschichte nahm er 1986 die koreanische Staatsbürgerschaft an - und ist in seiner Wahlheimat zum Star aufgestiegen.

Von Michael Müller
Artikel Bilder (3) Lesermeinungen (0)

Mit großen Schritten tritt der vor das Publikum. Es geht um Südkorea, seine Kultur, seine Menschen. Da gibt selbst die freundliche Dame der „Korean Airlines“ das Mikrofon an den Fachmann weiter: Lee Charm, den Präsidenten der Nationalen Tourismusbehörde Südkoreas, den Tourismusminister gewissermaßen. Doch als er sich umdreht und sein Gesicht dem Publikum zuwendet, stutzen die meisten der anwesenden Gäste. Der 55 Jahre alte Lee ist das gewohnt und kokettiert damit. „Das ist nicht, was sie erwartet haben. Richtig?“

Lee Charm sieht ganz und gar nicht koreanisch aus – denn er ist Deutscher. Als er 1954 auf die Welt kam, betrieben seine Eltern Helga und Gerhard Quandt eine kleine Wäscherei in Bad Kreuznach. Bernhard, das älteste von sechs Kindern, legte das Abitur ab und studierte in Mainz Theologie und Romanistik auf Lehramt. Nach dem Studium engagierte er sich in einer internationalen Kulturstiftung, die eng mit der Vereinigungskirche zusammenarbeitete. „Mit Korea“, sagt Lee, „hatte ich damals überhaupt nichts am Hut.“

„Ich will nun gar nicht mehr weg“

Bis eines Tages die Anfrage kam, ob er nicht für sechs Monate nach Korea wolle, um dort Veranstaltungen für die Kirche zu organisieren. „Das war 1978. Ich habe sofort Ja gesagt, obwohl ich gar nichts von dem Land wusste“, sagt Lee. „Ich wusste nur, ein Teil ist eine Militärdiktatur, ein Teil kommunistisch regiert. Vor Ort merkte ich dann, dass ich wohl in der Militärdiktatur im Süden gelandet bin.“ Er wollte Neues kennenlernen, und sechs Monate waren ein überschaubarer Zeitraum. Jetzt dauern die sechs Monate schon 32 Jahre an. „Ich habe meinen Aufenthalt immer wieder verlängert – und will nun gar nicht mehr weg.“

Mehr als 50 Korea-Interessierte haben sich am Dienstagabend im Frankfurter Restaurant Kochwerk eingefunden, um etwas über das ostasiatische Land zu erfahren. Lee Charm, ein wahrer Kenner des Landes, erzählt von der unbändigen Energie Südkoreas, berichtet von der Natur, der Geschichte, den Traditionen und den Mythen. Man merkt, dass er gerne über das Land und „seine Jungs“ spricht.

Nebenrollen in Fernsehproduktionen

Die Liebe beruht auf Gegenseitigkeit. In Korea ist Lee Charm ein Star. Am Anfang seiner koreanischen Karriere stand ein Redewettbewerb im staatlichen Fernsehen. „Ich konnte damals kaum Koreanisch. Ich habe eine sechsminütige Rede vorbereitet, die ein Freund mir übersetzt hat und die ich dann auswendig gelernt habe.“ Thema der Rede: Korea – Land der Hoffnungen. Bernhard Quandt war erst seit kurzem im Land, gewann aber gleich den prestigeträchtigen Wettbewerb. Anschließend wurde er von einer Talkshow zur nächsten gereicht und erhielt viele Nebenrollen in Fernsehproduktionen: Mal spielte er einen CIA-Agenten, mal einen französischen Priester, dann wieder einen italienischen Mafioso.

Quandt unterrichtete als Sprachlehrer zunächst am Goethe-Institut, dann an Schulen und Universitäten. Er beriet koreanische Firmen in Wirtschaftsfragen, wurde Fernsehmoderator in Kultur-, Spiel- und Kochshows und trat in zahlreichen Werbespots auf. Und natürlich verliebte er sich auch in eine Tochter seiner neuen Heimat, Yong Bok, die er 1982 heiratete. Sohn Kay-Soo ist 24 Jahre alt und studiert Mathematik in Heidelberg, die 20 Jahre alte Tochter Mikah studiert in Seoul Internationale Beziehungen.

Charm bedeutet „teilnehmen“

Als erster Deutscher in der Geschichte des Landes nahm Quandt 1986 die koreanische Staatsbürgerschaft an. Das koreanische Recht erlaubt es, in den neuen Pass einen neuen Namen eintragen zu lassen. „Die Idee gefiel mir, weil man Namen nach ihrer Bedeutung auswählen kann“, erzählt er. Quandt wählt Lee Han Woo, „Freund Koreas“. Später änderte er seinen Namen in Lee Charm. „Denn Charm bedeutet ,teilnehmen’, ,mitmachen’. Ein Freund kommt von außen, doch ich gehörte inzwischen fest zu Korea.“

An diesem Abend in Frankfurt soll Lee Charm den Korea-Interessierten die Küche des Landes näherbringen. Da kocht er förmlich über: „Bibimbap ist ein sehr beliebtes Gericht in Korea. Sein Name bedeutet soviel wie gerührter Reis.“ Mit raumgreifenden Gesten veranschaulicht er die regionalen Unterschiede bei der Auswahl der Zutaten, wie auch die Regeln der koreanischen Küche: „Die Balance ist wichtig, damit ihr Körper durch das Essen die Energie Koreas aufnehmen kann.“

Tabubruch

Anfang der neunziger Jahre folgt sein Durchbruch. Lee Charms Lebensgeschichte wurde im südkoreanischen Fernsehen verfilmt: „Das Haus der vielen Töchter“. Die Hauptrolle übernahm er selbst. Die Serie war ein Straßenfeger. Ursprünglich waren 50 Folgen geplant, aber der Erfolg hörte gar nicht auf. „Einschaltquoten von bis zu 70 Prozent waren die Regel. Die Serie wird sogar heute noch wiederholt“, erzählt er stolz. Ausgestrahlt werden die Folgen zur besten Sendezeit, jeden Samstag- und Sonntagabend um 20 Uhr. „Und wie im richtigen Leben sollte ich die attraktivste Frau bekommen, und das als Ausländer!“ Das rief Widerspruch hervor. Ein einheimischer Nebenbuhler wurde in die Handlung integriert, und die Zuschauer sollten selbst entscheiden, wer am Ende als Sieger aus dem Liebeswettstreit hervorgeht. Die Mehrheit entschied sich für den Ausländer. „So gesehen war auch das ein Tabubruch. Zum ersten Mal in der Geschichte des Landes wurde das Thema internationale Ehe positiv behandelt.“

Schließlich wurde Lee Charm auch gebeten, in die koreanische Politik einzutreten. „Viele wollten mich als Kandidaten für eine Partei, aber ich habe das immer abgelehnt.“ Er meinte, die Zeit müsse erst reif sein dafür. „Und das war sie damals noch nicht.“ Bis zum August 2009. Da ernannte ihn Präsident Lee Myung-bak zum Chef der Tourismusbehörde. Bei seinen Zuhörern wirbt er daher nicht nur aus Liebe, sondern auch qua Amt für das Land: „Sie müssen ja nicht 32 Jahre bleiben!“

Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen