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Stuttgarts Zukunft : Schaut auf diese Stadt!

Städtebaulicher Fortschritt: das neue Dorotheen-Quartier neben der alten Markthalle Bild: Rüdiger Soldt

Zwischen sanierfälligen Bauten und ewigen Baustellen stellt sich mancher Stuttgarter die Frage: Ist die Stadt eigentlich noch schön? Das neueröffnete Dorotheen-Quartier soll es nun richten.

          Stadtporträts über Stuttgart fallen meistens unfreundlich aus. Entweder leben im Talkessel fast ausschließlich Wutbürger. Oder die Stuttgarter werden auf die Bewohner von Halbhöhenvillen reduziert, die mit ihren 911er Porsches und ihrem Luxus vor lauter Langeweile langsam versteinern. Max Goldt schrieb einmal: „Wenn man in Stuttgart ankommt, ist man sofort völlig verklebt. Es ist unermesslich stickig dort. Nie spürt man den leisesten Lufthauch. In Stuttgart zu wohnen muss sein, wie in einem riesigen Kübel mit Marmelade zu leben. Trotzdem sind die Menschen nicht schlechter als anderswo.“

          Rüdiger Soldt

          Politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.

          Da hatte Max Goldt recht. Nur die Plätze in Stuttgart sind hässlicher als in den meisten Städten. Sogar die „Stuttgarter Zeitung“ fragte kürzlich verunsichert: „Ist Stuttgart schön?“ Dazu 25 Bilder von Betonwüsten und Bausünden: Gebhard-Müller-Platz, Hauptstätter Straße, Neckartor, Paulinenbrücke und Österreichischer Platz: Autoschneisen, Betonquader, verdreckte Straßenauffahrten.

          Am Dienstag wurde ohne großes Trara das neue Dorotheen-Quartier in der Innenstadt eröffnet. Das aus drei Häuserblöcken bestehende Viertel könnte eine neue Phase in der Stuttgarter Stadtentwicklung einleiten. Zwischen dem Karlsplatz, dem Kaufhaus Breuninger und der 1914 gebauten Markthalle sollen die neuen Büro- und Geschäftshäuser der Innenstadt Urbanität zurückgeben. Zunächst einmal handelt es sich um eine Zukunftsinvestition des Luxuskaufhauses Breuninger, das für seine Kunden aus Dubai und Hongkong, aber auch aus Reutlingen, attraktiv bleiben will. Gut 38.000 Quadratmeter Gebäudefläche sind entstanden – 11.000 davon sollen von Geschäften und Restaurants genutzt werden, dazu kommen 28.000 Quadratmeter Bürofläche, vor allem für Landesministerien. Der Entwurf stammt von Stefan Behnisch und nimmt Rücksicht auf die historischen Grundrisse des Quartiers. Das unfertig wirkende Dachgeschoss soll auch aus der Halbhöhenlage betrachtet gut aussehen.

          Kunden sollen in die Stadt gelockt werden

          Breuninger nutzt die neuen Gebäude selbst nicht. Doch sollen die Kunden mit dem Quartier von den Internetbestellportalen weg und wieder in die Stadt gelockt werden. Diesem Zweck dient auch das neue Fischrestaurant „Sansibar“ im Stammhaus, betrieben von dem auf Sylt lebenden Schwaben Herbert Seckler. 200 Millionen Euro investierte Breuninger in die drei Gebäude, denn Kaufhäuser sind heute nur dann Anziehungspunkte, wenn das urbane Ambiente stimmt. Der ursprüngliche, von dem früheren Breuninger-Chef Willem van Agtmael in die Diskussion gebrachte Entwurf wurde auf Wunsch der Kommunalpolitiker abgespeckt, auf Drängen der SPD blieb das „Hotel Silber“ erhalten, in dem künftig eine Ausstellung an die einst dort ansässige Gestapo-Dienststelle erinnern soll.

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          Bemerkenswert ist, dass hier ein Privatunternehmen Vorstellungen von der Zukunft der Stadt entwickelt hat und nicht die Politik. Ohne das 1881 gegründete Warenhaus, das schon 1959 eine eigene Kundenkreditkarte einführte, gäbe es diesen städtebaulichen Fortschritt nicht. Marken-Shops von American Vintage, Gant, IKKS, Zadig & Voltaire oder Peak Performance sollen kaufkräftige Kunden nach Stuttgart locken, die früher vielleicht eher nach Hamburg oder München geflogen sind. Sogar der kalifornische E-Auto-Hersteller Tesla eröffnet einen Ausstellungsraum im neuen Quartier – ein Angriff auf die Dieselmotor-Gläubigen in den Ingenieurbüros von Daimler und Porsche. Zusammen mit den Feinkostangeboten der Markthalle, deren Verkäufer Austern genauso wie feinstes Gulasch vom Albbüffel anbieten, ist das Dorotheen-Quartier ein Viertel, von dem die Stadt mehr profitiert als von den einfallslosen, nach außen abgeschotteten Shopping-Malls, die am Bahnhof und im Gerberviertel in den vergangenen Jahren gebaut wurden. „Insgesamt wird unser Viertel attraktiver“, sagt Holger Looß, der in der Markthalle vier Restaurants betreibt.

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