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Wahrzeichen saniert : Rostbraten aber nur unten

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Wieder offen: Stuttgarter Turm im späteren Licht der Wintersonne Bild: dpa

Dieses Wochenende öffnet der Stuttgarter Fernsehturm wieder seine Aufzugtüren für Ausflügler. Die dreijährige Sanierung hat länger gedauert als der Bau selbst. Die Schwaben freuts.

          Viele Stuttgarter hielten es für einen Schwabenstreich, als der grüne Oberbürgermeister Fritz Kuhn, gerade wenige Monate im Amt, im April 2013 erklärte, er müsse den Fernsehturm auf dem „Hohen Bopser“ aus Gründen des Brandschutzes schließen. Findige Geschäftsleute verkauften schnell einen Anstecker mit der Aufschrift „Offen bleiben“, analog zum berühmten Schlachtruf der Bahnhofsgegner „Oben bleiben“.

          Doch „Offen bleiben“ setzte sich nicht durch. Tapfer verzichteten die Stuttgarter fast drei Jahre auf eines ihrer beliebtesten Ausflugsziele. An diesem Wochenende wird der Fernsehturm nun wieder eröffnet. Für 1,8 Millionen Euro ist der Brandschutz des 217 Meter hohen Turms verbessert worden: Brandschutzplatten wurden angebracht, Kabel mit Mineraldämmstoff und Blechen ummantelt. Die Brandlasten im Turminneren wurden so stark minimiert, dass die Aufzüge im Brandfall nicht verrauchen können und sie im Fall eines Brandes länger als vorher benutzt werden können. Die Sanierung dauerte länger als der Bau selbst. Die Stadt Stuttgart verzichtete auf Erbpacht und beteiligte sich mit 600.000 Euro an den Sanierungskosten, die vor allem der SWR bezahlen muss.

          „Historisches Wahrzeichen der Ingenieurbaukunst in Deutschland“

          Als der berühmte Ingenieur Fritz Leonhardt, bekannt für seine Brückenbauwerke aus Stahl- und Spannbeton, Anfang der fünfziger Jahre vorschlug, einen Fernsehturm zu bauen, musste er sich zunächst mit viel Kritik auseinandersetzen. Die Gemeinderäte waren schwer zu überzeugen. Einige Bürger fürchteten die Windkräfte: „Selbst etwas ängstliche Personen können dort ruhig heraufgehen, ohne da oben seekrank zu werden“, versprach Leonhardt den Skeptikern.

          Heute ist der Turm ein „Historisches Wahrzeichen der Ingenieurbaukunst in Deutschland“, und die Stuttgarter sind stolz darauf, dass die „weltweite Revolution“ im Turmbau zu einem Markenzeichen der Stadt geworden ist. Bei der Eröffnung rechnete man mit 200.000 Besuchern, doch gleich im ersten Jahr wollten 876.809 Menschen in den Turmkorb der „Betonnadel“. Alfred Andersch sah im Stuttgarter Fernsehturm eine „demokratische Aktion“. Die junge Republik präsentierte sich schnörkellos modern.

          Aufgewärmte Fleischküchle und Maultaschen

          Schon bald ahmten viele deutsche Städte die Schwaben nach und bauten ähnliche Fernsehtürme. Etwa 80 Prozent dieser Bauten zeichneten Ingenieure im Büro von Leonhardt. Technisch hatte die Stahlbetonbauweise gegenüber den in der Nachkriegszeit in Frankreich und den Vereinigten Staaten üblichen Stahlgittertürmen viele Vorzüge: Sie produzierte keine Schwingungen und garantierte eine wesentlich störungsärmere Übertragung der Fernsehsignale. Schließlich war das Hauptziel des Baus ein guter Fernsehempfang im Stuttgarter Talkessel. Im Jahr 1953 hatte es Beschwerden gegeben, weil die Krönungsfeier für Königin Elisabeth II. so schlecht zu empfangen war. Heute senden die Antennen des Turms nur noch analoge UKW-Signale.

          „Das ist ein Freudentag für Stuttgart und für mich ganz persönlich“, sagte Fritz Kuhn bei der Begehung des Turms mit SWR-Intendant Peter Boudgoust. Der Grünen-Politiker überreichte eine Pfeffermühle in Form des Fernsehturms, außerdem kündigte er an, dass der Turm von nun an mit Ökostrom der Stuttgarter Stadtwerke versorgt werde.

          Die Brandschutzsanierung bot auch die Gelegenheit, die wenig attraktiven Restauranträume mit nur 68 Plätzen zu sanieren. 2013 war das Restaurant im Turmkorb gar nicht mehr vermietet. Ein neuer Wirt will in dem Panoramarestaurant künftig einfache schwäbische Küche servieren: aufgewärmte Fleischküchle und Maultaschen. Wer unbedingt einen Rostbraten will, muss ihn am Fuß des Fernsehturms im dortigen Restaurant „Leonhardts“ verzehren. Denn in der Miniküche im Turmkorbrestaurant darf nicht mehr mit Fett gebrutzelt werden – auch das sehen die strengen Brandschutzvorschriften jetzt vor.

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