Warum wir im Dezember 1950 nach Helgoland fuhren, um gegen die britische Besetzung zu demonstrieren? Ich erzähle es Ihnen genau. Hintergrund waren die heftigen Diskussionen an den Universitäten im Sommer 1950, nachdem Konrad Adenauer einen Militärbeitrag bei den Westalliierten angeboten hatte - unter dem Eindruck des Koreakrieges und der Besorgnis, dass das in Deutschland auch so passieren könnte wie in dem geteilten Land Korea.
Die Diskussionen drehten sich um die Frage: „Sollen wir wieder eine Knarre in die Hand nehmen?“ Auf den Universitäten studierten ja noch großenteils die männlichen Studenten, die im Krieg gewesen waren. Bei einer solchen Diskussion im Asta winkte mir einer zu, dass er mich mal sprechen wolle. Er stellte sich als Georg von Hatzfeld, Soziologiestudent, vor und sagte, man müsste doch eigentlich etwas tun. Ich sagte darauf: „Ja, selbstverständlich muss man was tun!“ Da kam seine Antwort: „Wie wär’s denn mit Helgoland?“ Ich fragte: „Hinfahren?“ Er: „Ja, aber sofort!“
Dann machten wir am selben Abend noch in einem Lokal bei einer Flasche Cola unseren Plan. Jeder hatte nur fünf Mark. Die Ziele waren klar: erstens gegen die Wiederbewaffnung Deutschlands, zweitens gegen die Bombardierung der Insel, drittens für die Rückkehr der Helgoländer und viertens für ein vereintes Europa.
Wir haben uns in Hamburg dann um Kontakte zu Helgoland-Kennern und Journalisten bemüht. Zwei Redakteure der „Zeit“ und der Frankfurter „Abendpost“ sprangen sofort auf die Idee an. Wir sind dann, nachdem wir genug Geld für den Kutter und Verpflegung gesammelt hatten, nach Cuxhaven gefahren.
Von da sind wir am 22. Dezember 1950 um zehn Uhr morgens losgefahren. Nach unendlich langer Zeit trat endlich der nackte Felsen aus dem Dunst heraus. Auf der Insel war gerade eine britische Kommission, die sie wegen der Übungsabwürfe von Bomben inspizierte. Zu der sagte ich: „We are journalists and we want to see the island.“ Der Leiter der Kommission antwortete: „It’s o. k. But you must leave tonight, it could be bombed.“ Da hatte ich wieder zwiespältige Gefühle: einerseits dieses Siegesgefühl, dass sie nichts wissen, andererseits die Angst vor Bomben.
Wir sind dann zum Flakturm gegangen, das einzige Gebäude, das noch einigermaßen intakt war. Wir fanden da ein altes Wasserrohr, und daran haben wir mit klammen Fingern die Bundesflagge, die Europaflagge und die Helgolandflagge geheftet. Die Windstärke wird da sieben bis acht gewesen seien, die Flaggen auf dem ersten Bild sind steif wie ein Brett. Außerdem konnten wir unmöglich zu zweit bei dieser Windstärke den Mast aufrichten. Einer der Journalisten hat uns dabei sogar geholfen. Der sprang dann aus dem Bild, und der andere knipste. Das ist aber völlig verwackelt. Am Abend vorher hatten wir die Kutterleute noch nach Decken gefragt, und die sagten: „Jo, Decken hemm wi genuch.“ Nun rückten sie für jeden von uns eine Decke raus, und das bei Temperaturen um null Grad. Da hatten wir dann das Gefühl, dass sich niemand um uns kümmert und wir verraten und verkauft sind. Das war die kälteste Nacht meines Lebens.
Zur zweiten Nacht hatte ich eine glänzende Idee: Wir wickelten uns in die Fahnen ein. Beim Einschlafen kam ich mir vor, als läge ich auf einem Katafalk, in der Bundesflagge. Am zweiten Morgen wurden wir rausgetrommelt. Wir riefen: „Halt, wer da?“ Jemand rief: „Hier Freund!“ Also ein Deutscher, kein Engländer. Das war ein dpa-Fotograf, der machte dann ein sehr gutes Bild. Im Kopf hatten wir damals das berühmte Flaggenbild von Iwo Jima. Als er weg war, kamen zwei Reporter von AP. Als die mit den Fotos fertig waren, sagte der Kapitän, dass schlechtes Wetter für die nächsten Wochen angesagt war. Wir entschlossen uns deshalb, wegzufahren und besser ausgerüstet wieder zurückzukommen. Als wir nach Cuxhaven kamen, wurden wir umringt von Reportern und mussten unsere Geschichte erzählen.
In Hamburg bekamen wir eine Standpauke von unseren beiden Journalisten, denn damit war deren Geschichte ja zunächst einmal gestorben. Am 24. Dezember sind wir wieder nach Cuxhaven gefahren und haben auf dem Kutter geschlafen. Am nächsten Morgen sagte der Kapitän, er fahre nicht. Die Briten hatten streuen lassen, dass sie demjenigen, der uns fahren würde, das Patent entziehen würden. Das war Quatsch, denn das konnten die Briten zu dem Zeitpunkt schon nicht mehr, aber die Fischer glaubten das. Es war der schlimmste Heiligabend, den ich jemals hatte. Wir konnten dann aber doch am 27. wieder auf die Insel fahren. Danach kamen weitere Demonstranten, unter anderen Prinz zu Löwenstein, der als erfahrener Politiker wusste, wie man mit den Briten verhandelt. Am Silvestertag kam dann noch ein großer Kutter, so dass wir dann mit bestimmt 25 Leuten Silvester gefeiert haben.
Auf dem Festland gab es unterdessen ein großes Hin und Her, wer uns nun abholen sollte. Am 3. Januar kam ein deutsches Schiff mit britischen Offizieren, um uns abzuholen. Die Briten beriefen sich auf ein Gesetz, das Ende Dezember erlassen worden war und das Betreten der Insel verbot. Wir beschlossen, die Insel zu verlassen. Als alles wieder auf dem Boot war, ließ der Inspektor seine 14 Mann antreten: „Die Augen rechts! Wir grüßen die tapfere Besatzung der Insel Helgoland.“ Dieses Bild ging um die Welt. Es machte deutlich, dass die Polizei auf unserer Seite stand, obwohl sie uns eigentlich abholen sollte. Es wirkte so, als ob sie unsere Ehrenbegleitung sei. Schließlich entschlossen sich die Briten, Helgoland zurückzugeben, spätestens zum 1. März 1952.
Am Tag, an dem die Insel übergeben wurde, musste ich um Mitternacht meine Examensarbeit in Theologie abliefern. Ich habe einmal zu einem Freund den alten Soldatenspruch gesagt: „Der Dank des Vaterlandes wird euch ewig nachlaufen und euch niemals einholen.“ Er sagte: „Ihr müsst ganz schön müde geworden sein, dass euch der Dank des Vaterlandes doch eingeholt hat.“ Das war die Verleihung des Bundesverdienstkreuzes 43 Jahre später.
In den ersten beiden Jahrzehnten war ich recht selten auf der Insel. Ich hatte ja auch meinen Beruf, als Pfarrer und Journalist, der mich sehr beansprucht hat. Wir waren immer wieder eingeladen, zum Beispiel 1965 zum 75. Jahrestag der Deutschwerdung der Insel. Da waren Kanzler Ludwig Erhard und Vizekanzler Erich Mende auch dort. Beim hundertsten Jubiläum mit Björn Engholm als Ministerpräsident waren wir auch dabei. Vor zehn Jahren zum Fünfzigsten kam Johannes Rau, das war der erste offizielle Besuch eines deutschen Staatsoberhauptes nach Hitler auf der Insel - dazwischen waren Karl Carstens auf seinen Wanderungen und Richard von Weizsäcker privat auf der Insel.
Wegen des großen Echos zum 60. Jahrestag an diesem Donnerstag bin ich völlig platt. Damit habe ich nicht gerechnet. Noch heute werde ich manchmal erkannt: „Ach, Leudesdorff, Sie sind der Helgoland-Mann?“ Aber wir haben damals nur unseren Dienst getan. Wir haben den Auftrag, den wir spürten, so gut es ging, erfüllt. Ein Held bin ich wirklich nicht. Ich freue mich aber auf die Feier am Donnerstag. Ich fahre hin, mit meiner Frau.