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Streit im sächsischen Königshaus : Das war’s mit dem Adel!

Nicht erst seit dem Tod des Markgrafen Maria Emanuel ist die Nachfolge in Sachsens Königshaus umstritten Bild: ASSOCIATED PRESS

Der sächsische Adel machte zuletzt durch einen Erbfolgestreit und Volksbeschimpfung auf sich aufmerksam. Nun ist das Königshaus erloschen – Angehörige der Familie dürfen sich nicht mehr „Königliche Hoheit“ nennen.

          Es ist kompliziert geworden für den deutschen Adel. Immer und überall sind da Fettnäpfchen, in die alle tappen, die adelig sind oder sich dafür halten. In der Hitliste der Fehltritte dürfte Sachsens Königshaus vorn liegen – zuletzt in den Zeitungen wegen Erbfolgestreits, der Herausgabe von Kunstschätzen und Volksbeschimpfung. Weshalb so manchem Sachsen diese Meldung des Deutschen Adelsrechtsausschusses gelegen kommt: Das Sächsische Königshaus ist erloschen.

          Stefan Locke

          Korrespondent für Sachsen und Thüringen mit Sitz in Dresden.

          Gut, die Familie lebt weiter, ihre Angehörigen dürfen aber nicht mehr den Titel „Königliche Hoheit“ führen. Die Nachfolge ist nicht erst seit dem Tod des Markgrafen Maria Emanuel, eines Enkels des letzten Sachsen-Königs, im Jahr 2012 auch in der Familie umstritten. Der Markgraf hatte, weil kinderlos, Prinz Alexander von Gessaphe, den Sohn seiner Schwester, adoptiert und zum offiziellen Nachfolger der Wettiner gekürt. Das aber widersprach den Prinzipien des Hauses und des Adels.

          In der neuen Auflage des „Genealogischen Handbuchs“, das es seit 250 Jahren gibt und von Kennern „Der Gotha“ genannt wird, erscheint Prinz Alexander, der sich seit dem Tod seines Adoptivvaters „Markgraf von Meißen“ nennt, nicht. In Adelskreisen heißt das: Es gibt ihn nicht. Der Präsident des Deutschen Adelsrechtsausschusses, Henning von Kopp-Colomb, gibt sich kompromisslos: „Adoptierte werden grundsätzlich nicht in genealogische Handbücher aufgenommen.“

          Stunde der Ernestiner

          Damit aber sind die Wettiner keinesfalls erledigt. Denn es gibt den Erbvertrag aus der Leipziger Teilung von 1485. Damals teilte das Fürstenhaus sich und seine Ländereien auf in eine albertinische Linie, die fortan Sachsen regierte, und eine ernestinische Linie, die unter anderem in Thüringen ihren Sitz nahm. Bedingung: Stirbt eine Linie aus, übernimmt die andere. So scheint nach 530 Jahren nun die Stunde der Ernestiner in Sachsen gekommen. Die Zeitung „Bild“ kürte sogleich deren Oberhaupt Prinz Michael von Sachsen-Weimar-Eisenach zum neuen Chef des Hauses Wettin.

          Anruf also bei Seiner Königlichen Hoheit, die heute in Mannheim residiert. Der Siebenundsechzigjährige erläutert zunächst die Lage, wie sie sich ihm darstellt: Prinz Alexander sei ein netter, sehr umgänglicher Kerl, aber eben bürgerlicher Herkunft, und Adeln sei ein Privileg des Kaisers gewesen. Seit 1918 gebe es in Deutschland keine Möglichkeit mehr, in den Adelsstand erhoben zu werden. Deshalb könne Alexander zwar den sächsischen Familienzweig vertreten, aber nicht das Haus Wettin. „Das ist eine simple Feststellung.“

          Auf den Titel legt Prinz Michael allerdings wenig wert. „Ich halte nichts von historischem Fasching“, sagt er. Deutschland hätte es längst wie Österreich machen und alle Titel abschaffen sollen. Dann hätte man heute auch nicht ständig Stress mit „Sumpfblüten“ wie Frédéric von Anhalt. Gibt es denn keinerlei Adels-Vorteile mehr? „Doch. Bei Hochzeiten und Beerdigungen sitzt man in der ersten Reihe.“

          Frage der Einstellung

          Im übrigen sei Adel keine Frage des Namens, sondern der Einstellung. „Adel“, sagt Prinz Michael, „ist kein Anspruch, sondern eine Verpflichtung.“ Und da, das muss er dann doch loswerden, sehe er bei seinen sächsischen Verwandten noch Luft nach oben.

          Sachsens Wettiner lassen noch immer des Freistaats Kunstsammlungen nach Eigentum durchforsten; die Fundstücke bieten sie dann häufig bei Auktionen feil. Dabei hätten die letzten Generationen vieler Fürstenhäuser so gut wie nichts zu den Kunst- und Kulturschätzen eines Landes beigetragen, sagt Prinz Michael. Die Schätze seien heute Teil der Geschichte. Sie meistbietend zu verhökern, sei kein angemessener Umgang mit dem Erbe.

          Prinz Michael selbst hat vor Jahren mit Thüringen einen Vergleich geschlossen, in dem er Ansprüche seiner Familie auf Kunstschätze und Kulturgüter, darunter den Nachlass von Goethe und Schiller, an das Land abtrat – für 15,5 Millionen Euro. Manche sagen, das sei zu viel, andere meinen, dass es allenfalls ein symbolischer Preis war.

          Wettiner-Chef ist gelassen

          Der – faktisch – abgesetzte Wettiner-Chef Prinz Alexander wiederum betrachtet die ganze Angelegenheit gelassen und mit gebührendem Abstand. Aus Mexiko, wo der einundsechzigjährige vierfache Familienvater seit einigen Jahren wieder lebt, teilt er nur mit, weiterhin legitimer Chef des Hauses Wettin zu sein. „Ein Adelsausschuss hat in Fragen eines Königshauses keine Zuständigkeit, da wir souveräne Häuser sind, die für sich selbst entscheiden können.“

          Unterdessen hat auch Prinz Michael von Sachsen-Weimar-Eisenach seine Nachfolge geregelt. Weil er nur eine Tochter hat, werde sein Neffe ersten Grades den Namen weitertragen. „Sie sehen: Beim Adel wird es überall eng, aber das ist heute zum Glück folgenlos“, sagt er. Sollte Sachsen jedoch die Monarchie ausrufen, könne er ja noch mal nachdenken. Der Anspruch auf den Thron läge dann jedenfalls bei ihm.

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