04.01.2011 · Straßen ohne Ampeln, Schilder und Poller, Rücksichtnahme statt Regulierung: Die Idee könnte unseren Verkehr revolutionieren. In einer Stadt in Niedersachsen ist sie schon Wirklichkeit. Doch vielen scheint so viel Freiheit nicht geheuer.
Von Stefan LockeEs war ein für deutsche Großstädte einmaliges Experiment, zu dem sich vor zwei Jahren die Hamburger Regierung verpflichtete: Sieben „Shared Space“-Bereiche sollten in der Stadt entstehen, Gemeinschaftsstraßen, auf denen sich alle gleichberechtigt bewegen können. Sämtliche Ampeln, Schilder, Parkbuchten und Bordsteine sollten abgebaut werden und eine Ebene für Fußgänger, Radfahrer, Autos und Busse bleiben, auf der nur noch die Regel „Rechts vor links“ sowie Paragraph 1 der Straßenverkehrsordnung gelten: ständig vorsichtig zu sein und aufeinander Rücksicht zu nehmen.
„Anfangs fanden das alle super“, sagt Michael Osterburg, Fraktionschef der Grünen im Hamburger Stadtbezirk Mitte und noch immer Befürworter des Projekts. Kein Wunder, überziehen die Straßenverkehrsbehörden heute doch Fußgänger wie Autofahrer mit immer mehr Vorschriften. Knapp 700 verschiedene Verkehrszeichen haben sie rund 20 Millionen Mal im Land aufstellen lassen, und täglich werden es mehr. Vor allem in Städten ist ein kaum überschaubarer Wust an Ampeln, Pollern, Schwellen und Markierungen entstanden.
Das aber ist ein Problem, hat bereits vor Jahrzehnten der niederländische Verkehrsplaner Hans Monderman erkannt: Schilder und Ampeln ersetzen die eigene Verantwortung, die Leute denken nicht mehr nach. Sie warten bei Rot, weil sie warten müssen. Sie brettern bei Grün los, ohne zu gucken. Sie stoppen nur, wenn das Schild „Stop“ befiehlt. „Wenn man die Leute ständig anleitet und behandelt wie Idioten, benehmen sie sich irgendwann wie Idioten“, diagnostizierte Monderman und setzte auf eine Radikalkur: den Verzicht auf sämtliche Verkehrszeichen in Städten. Wer sich selbst vergewissern muss, ob der Weg frei ist, so die Idee, verhält sich umsichtiger und verständnisvoller. „Sicherheit durch Unsicherheit“, hat das Monderman genannt, der die Planungen in Hamburg anfangs persönlich begleitete.
Anwohner fürchten um ihre Sicherheit
Inzwischen ist Monderman tot, und auch Hamburgs Gemeinschaftsstraße lebt so gut wie nicht mehr. Gab es anfangs noch eine Art Wettlauf, wer als erster Shared Space in der Hansestadt einführt, haben vier der sieben Bezirke hingeworfen. Hauptgrund: protestierende Bürger, die vorwiegend um Parkplätze und ihre Sicherheit fürchten. Als erstes stoppte Wandsbek den Umbau mit der Begründung, das Projekt doch bitte erst einmal zu erproben, freilich woanders. In Eimsbüttel wehrten sich Anwohner und Einzelhändler, in Harburg konnte man sich auf keine Straße einigen und in Nord wurden die Pläne gleich ganz fallengelassen. Jetzt prüfen nur noch drei Bezirke - und auch das lediglich gebremst -, ob sie die Reform überhaupt wagen sollen.
In Hamburg-Mitte etwa formiert sich seit Monaten massiver Widerstand gegen den Umbau der „Langen Reihe“ in St. Georg, Stadtteil mit alternativem Flair und Hochburg der Grünen. Dabei wäre die Lange Reihe wie geschaffen für das Projekt. Rund 12 000 Autos und drei Buslinien quälen sich täglich durch die schmale Wohn- und Geschäftsstraße, für Fußgänger gibt es zwei schmale Gehwege, für Radfahrer bleibt kein Platz, der Verkehr staut sich an drei Ampeln oder hinter „Zweite-Reihe-Parkern“. Ist der Weg doch mal frei, wird gerast.
Die drohende Gemeinschaftsstraße aber hat nun selbst Gegner zu Verbündeten gemacht. „Das Modell kommt bei uns nicht in Frage“, sagt Michael Joho, Chef des alternativen Einwohnervereins. „Das brauchen wir hier nicht“, sagt Helmut Voigtland, Vorsitzender des traditionellen Bürgervereins. Schon ist - in Anlehnung an Stuttgart - von einer „Langen Reihe 21“ die Rede. Voigtland befürchtet weniger Parkplätze für Bewohner und mehr Unfälle vor allem mit Senioren und Schulkindern: „Wie sollen die nachvollziehen, dass es hier keine Schilder gibt?“ Joho wiederum fürchtet die Verdrängung von Bewohnern, weil mit dem Umbau die Straße attraktiver werde und damit auch die Mieten stiegen. Von dieser Erfahrung habe Monderman selbst freimütig berichtet. Als Alternative fordern beide, neue Schilder aufzustellen - die Lange Reihe soll Tempo-30-Zone werden - und Shared Space woanders auszuprobieren.
Winken, Nicken und Blicke statt Schilder und Ampeln
Letzteres ist längst geschehen. In den Niederlanden funktioniert das Prinzip bereits in 100 Städten und Gemeinden; 2008 haben, EU-gefördert, Städte in Belgien, Dänemark und England ihre Schilder abgeschraubt und aus Ampelkreuzungen Kreisverkehre gemacht - bisher mit Erfolg, die Unfallzahlen sanken zum Teil drastisch. Hierzulande nahm nur das 14 000-Einwohner-Städtchen Bohmte in Niedersachsen an dem Projekt teil und ist heute Pilgerstätte für deutsche Verkehrsplaner. Auf der Ortsdurchfahrt verständigen sich die Verkehrsteilnehmer nun durch Winken, Nicken und mit Blicken. Seit dem Umbau gebe es kaum noch Staus, weniger Lärm und Schmutz, sagt Stadt-Sprecherin Anne Kempin. „Wir würden das Projekt gern erweitern.“ In einer Umfrage äußerten sich drei Viertel der Anwohner, Händler und Autofahrer zufrieden. Zwar gebe es bisher nicht weniger Unfälle, aber keine mehr mit Toten und Verletzten.
Das Modell sei nicht auf eine Großstadt übertragbar, wendet Helmut Voigtland ein. „In einer verschlafenen Kleinstadt herrscht weniger Verkehr, es gibt mehr Parkplätze und weniger Fußgänger.“ Im Gegenteil, antwortet Bernhard Schlag, Verkehrspsychologe an der TU Dresden. Mit den Ergebnissen könne Bohmte sehr zufrieden sein, aber Shared Space sei eher etwas für Großstädte. In London sanken die Unfallzahlen um 60 Prozent. Anwohner und Händler haben die umgebaute Kensington High Street akzeptiert. Weitere Gemeinschaftsstraßen sind in Planung; der Begriff „Road Revolution“ macht die Runde. „Shared Space heißt vor allem auch, das Lebensumfeld zu verbessern und den öffentlichen Raum nicht dem Verkehr und seinen Leiteinrichtungen zu opfern“, sagt Schlag. „Darüber sollte man eigentlich nicht streiten.“
„Solange die Bürger dagegen sind, ist die Politik fein raus“
Doch so einfach ist es nicht, jedenfalls in Deutschland. In Potsdam wurden Gemeinschaftsstraßen nach Anwohnerprotesten ad acta gelegt, Köln hat die Einführung auf 2012 verschoben, in Bremen steckt „Shared Space im Stau“, berichtete jüngst die „taz“, und selbst in Berlin, wo es eine der wenigen Bürgerinitiativen für Gemeinschaftsstraßen gibt, liegt das Projekt auf Eis. Die Gegner sind immer die gleichen: Eltern, die um die Sicherheit ihrer Kinder fürchten, Senioren, die sich nicht über die Straße trauen, und Autofahrer, die weniger Parkplätze und zu langsames Fahren kritisieren.
Bernhard Schlag überrascht dieses Verhalten nicht. „Die Leute stecken in einer Verlust-Aversion“, sagt der Verkehrspsychologe. „Bei Veränderungen sehen sie stets sofort, was sie dabei verlieren, aber nicht, was sie dadurch gewinnen.“ Solange die Bürger aber dagegen sind, ist die Politik fein raus - und die Verkehrsbehörden können weitermachen wie bisher. Das werde zunehmend zum Problem, sagt Schlag. Schon heute dienten mehr als die Hälfte aller aufgestellten Verkehrsschilder gar nicht mehr der Sicherheit oder der Verkehrsleitung, sondern lediglich dazu, die Kommunen zu enthaften. „Das untergräbt auf Dauer die Regelakzeptanz.“ Tempo-30-Zonen ohne Straßenumbau, wie sie die Kritiker in Hamburg als Alternative zur Gemeinschaftsstraße planen, hält Schlag deshalb für wirkungslos. „Die Leute halten sich nicht mehr daran.“
Im ganzen Ort gilt rechts vor links
Diese Erfahrung machte der Frankfurter Ortsteil Nieder-Erlenbach. „Wir hatten alles geregelt“, sagt Ortsvorsteher Matthias Mehl (CDU). Tempo 30, Vorfahrt, Achtung Vorfahrt, Parkverbote, Parkerlaubnisse zum Brötchenholen, Parkschilder für den Kirchgang, dazu Poller, Markierungen, Schraffierungen und Drängelgitter vor der Schule. „Diese Materialschlacht kostete immer mehr Geld, brachte aber nichts.“ Vor einem Jahr im November schraubte Nieder-Erlenbach alle 60 Verkehrszeichen im Zentrum ab. Der Ortsbeirat hatte das Konzept nach zweijähriger Planung schließlich einstimmig beschlossen.
Jetzt gilt hier rechts vor links, Parken ist erlaubt, wo es niemanden behindert, der Verkehr fließt langsam, aber flüssig, die Anarchie blieb aus, Kritik kam nicht mal aus dem Seniorenheim oder der Schule. „Und das Ortsbild hat sich sehr verbessert“, sagt Mehl, der noch mehr Schilder entfernen will: Künftig soll rechts vor links im gesamten Ort gelten. Nun muss Mehl nur noch einen Weg finden, wie er Fremden die Veränderung in Nieder-Erlenbach vernünftig vermitteln kann. Sein Problem: „Es gibt kein StVO-Schild für Shared Space.“