Die gefürchteten Miuras hätten am Sonntag in Pamplona ein Massaker anrichten können. Tausende Läufer drängten sich beim zweiten „encierro“ auf den engen Gassen der Stadt, dass selbst für die Stiere kein Durchkommen schien. Aber „Navajito“, dessen Hörner, wie sein Name sagt, messerscharf sind, löste sich von der Herde der übrigen Toros und Ochsen und fuhr wie ein Straßenfeger durch die Menge. Bei mehreren Gelegenheiten wäre es fast schiefgegangen, etwa als er gleich zwei Wagemutige zwischen die Hörner nahm, anderen mit der Spitze das Hemd auszog und wieder anderen ohne böse Absicht einen Huftritt versetzte.
Aber San Fermín, der Heilige, dessen Fiesta noch eine Woche lang mit einem monumentalen Besäufnis gefeiert wird, legte schützend seinen Mantel über die zweibeinigen „mozos“ und rettete nicht wenigen von ihnen das Leben. Dieses Schicksal erwartete hingegen nicht den mehr als 600 Kilogramm schweren „Navajito“ aus der Zucht der Familie Miura. Ihm war der „Tod am Nachmittag“ durch den Degen eines Toreros gewiss.
Fast wäre es radikalen Basken wieder einmal gelungen, der Festgesellschaft, die Pamplona für wenige Tage zu einer gastlichen „Millionenstadt“ macht, den Spaß zu verderben. So verhinderten sie zum Beginn den „Riau Riau“, eine Prozession, bei der die Stadtväter vom Rathaus zur San-Lorenzo-Kirche ziehen. Weil die Terrororganisation Eta zurzeit „inaktiv“ ist, glaubte Bürgermeister Enrique Maya nach zwanzigjähriger Unterbrechung die Wiederbelebung der Tradition riskieren zu können. Doch die gewaltbereiten „abertzales“ – „patriotische Linke“ nennen sich die Separatisten – verhinderten handgreiflich den Umzug der ihnen verhassten „spanischen Staatsgewalt“ und verletzten einen Polizisten mit einem Flaschenwurf im Gesicht.
Weil für die Stadtverwaltung die „Sanfermines“ die Haupteinnahmequelle des Jahres sind, setzt sie auf Heiterkeit und Zurückhaltung eben dieser Staatsgewalt, und die Übergriffe blieben folgenlos. Die jungen Männer mit den baskischen Unabhängigkeitsfahnen hatten mit ihrem Fanatismus die Szene nur für einen Augenblick beherrscht. Dann aber ging schon in sprudelnder Sektlaune die Zeit über sie hinweg.