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Veröffentlicht: 27.04.2016, 12:38 Uhr

Stiefmütter Ewig nur Nummer 2

Hinterlistig und eifersüchtig? Solche Eigenschaften werden Stiefmüttern gerne zugeschrieben. Doch ein gutes Verhältnis zu den Kindern des neuen Partners liegt nicht im Bereich des Unmöglichen.

von
© Sven-Helge Czichy Werden von der Stiefmutter in den Wald geschickt: Hänsel und Gretel in einer Inszenierung am Staatstheater Wiesbaden. In den ersten Versionen des Märchens ist noch von der Mutter die Rede – dann erschien den Grimms die Tat für eine leibliche Mutter wohl zu böse.

Manchmal hat Melanie Poschmann das Gefühl, dass sie trotz ihrer 25 Jahre noch nicht besonders erwachsen ist. Denn sie ist eifersüchtig auf ein Kind. Zum Beispiel abends auf dem Sofa, beim Kuscheln mit ihrem Partner und dessen Sohn. Da kuschelt der Sohn meist nur mit seinem Vater, und nicht mit ihr. Oder an Weihnachten: Da bastelt der Junge mit ihrer Hilfe Geschenke für Vater, Mutter, Oma und Opa. Aber Poschmann selbst bekommt keins von ihm.

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„Da muss ich an Heiligabend schon jedes Mal schlucken, ich fühle mich dann als die zweite Geige“, sagt sie. Aber ihr Partner denke eben nicht daran, seinen Sohn an das Basteln für sie zu erinnern. Reden könne sie mit ihm darüber nur bedingt. „Er sagt immer, ich soll das nicht so eng sehen, der Junge möge mich doch auch. Also, er hat nicht das allergrößte Fünkchen Verständnis. Das verunsichert mich manchmal. Ich glaube, dass unsere Beziehung irgendwann daran scheitern könnte.“

Poschmann, selbst noch Studentin, ist seit drei Jahren Stiefmutter eines Zehnjährigen, der seine alkoholkranke Mutter nur zwei- bis dreimal im Jahr sieht. Und prinzipiell sei das auch schön. Sie fühle sich ihrem Stiefsohn nah, „wir mögen uns, und er vertraut sich mir an“. Der Vater sei allerdings die letzte Instanz, wenn es darum gehe, den Jungen zu erziehen. Sie selbst sage nicht so deutlich, was sie ärgert, „weil ich den Familienfrieden nicht stören will und weil ich Angst habe, dass der Junge sonst zu mir sagt: ‚Du bist nicht meine Mutter.‘“

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Es ist für Poschmann, deren Name wie der aller Stiefeltern und Stiefkinder in diesem Text verändert worden ist, nicht immer leicht, „nur“ die Stiefmutter zu sein: „Die Exfrau meines Partners hat ein Kind von ihm und ich nicht. Der Erstgeborene meines Partners ist von ihr, nicht von mir. Er hat schon eine Familie, und ich bin nicht Teil davon. Dabei wünsche ich mir das alles doch auch so sehr.“

Oftmals unerträglich

Poschmann ist eifersüchtig. Das ist irrational, sie weiß das und versucht, distanzierter und weniger egoistisch zu sein. „Aber das gelingt mir nicht immer, und dann leide ich. Dann denke ich: Warum tue ich mir das eigentlich an? Ich könnte es doch auch viel einfacher haben. Ich löffele hier eine Suppe aus, die ich mir nicht hätte einbrocken müssen.“

Tatsächlich leiden Stiefmütter oft darunter, dass sie sich ausgeschlossen fühlen, sagt die Psychologin Katharina Grünewald, die Patchworkfamilien berät und Autorin des Ratgebers „Glückliche Stiefmutter“ ist. Wenn sie das Gefühl habe, dass Vater und Stiefkinder eine unerreichbare Einheit bildeten, sei das für die Stiefmutter oftmals unerträglich, „weil sie sich ja so anstrengt und Teil des Ganzen sein will.

Dabei hat sie recht, die Einheit Vater-Kind gab es schon vor der Liebeseinheit Vater-Stiefmutter und die Stiefmutter war und ist nicht Teil der alten Familieneinheit“, sagt Grünewald, die selbst Stiefmutter ist. Das Gefühl des Ausgeschlossenseins könne tatsächlich die Beziehung zum Vater des Kindes in Frage stellen.

„Ich wurde mit Geschenken überhäuft“

Je nachdem, welche Ressourcen die Stiefmutter habe, verlange sie in dieser emotionalen Notsituation dann, dass der Vater ihr vor seinen Kindern jederzeit zeige, dass sie die Nummer eins sei, sagt Grünewald. „Dann sitzt der Vater zwischen den Stühlen.“ So war es auch bei Annette Melchers, deren Mutter starb, als Melchers vier Jahre alt war. Fünf Jahre später heiratete der Vater erneut.

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