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© Foto: Sören Seidel, Animation: Carsten Feig

Der helle Wahnsinn

Von CHRISTIAN PALM

23.02.2017 · Überall in Deutschland bedroht Kunstlicht die Nacht. In der Rhön kämpft eine Sternen-Guerilla gegen die Lichtverschmutzung. Ihr Aufwand könnte sich lohnen.

Poppenhausen, im Februar
Der Lidl ist schlimm, der Rewe-Parkplatz schlimmer, die Skipiste an der Wasserkuppe aber übertrifft alles: eine Handvoll Scheinwerfer, die hell wie kleine Sonnen leuchten. Der reflektierende Schnee tut ein Übriges. Ein riesiger, milchiger Schleier zieht sich über den Nachthimmel. „Das ist der helle Wahnsinn“, sagt Sabine Frank und schüttelt den Kopf.

So deutlich wie in dieser eiskalten Nacht ist ihr die Piste noch nie aufgefallen. Schon auf der Hinfahrt hat sie sich gewundert, warum der Himmel östlich von Fulda so hell ist. Dabei kennt kaum jemand die Gegend so gut wie sie, vor allem nachts. Frank ist die Managerin des Sternenparks im Biosphärenreservat Rhön. Ohne sie würde es die Schutzzone für den Sternhimmel gar nicht geben.

So strahlt Frankfurt: Nachts erleuchten vor allem der Flughafen und das Stadtzentrum den Himmel.
© Nasa/Esa, Google

Sabine Frank stapft von einem Bein aufs andere. Die Nacht ist für die Augen eines Städters trotz der Pistenleuchten noch ziemlich dunkel. Vor allem aber ist sie kalt. Und der Fall ist sowieso klar: Die Piste ist zu hell. „Das geht ja gar nicht.“

Neben Frank hat Andreas Hänel sein dreibeiniges Stativ aufgebaut. Die Kamera hat der vollbärtige Astronom senkrecht nach oben gerichtet, die Bilder zeigen unzählige Sterne, auch die Milchstraße ist zu erkennen. Aber wegen der Ski-Lampen ist der Himmel heller als sonst. Hänels Schnellanalyse: Die Lichter sind zu stark und schlecht gelenkt. Mit seinen Bildern und Messungen will er das später beweisen.

Hell, heller, Wasserkuppe: Die Bilder zeigen, wie sehr die Lichter auf Hessens höchstem Berg den Himmel verändern.
Andreas Hänel

Hänel ist wissenschaftlicher Vordenker und Faktenlieferant der Nachtretter-Szene. Er leitet das Planetarium in Osnabrück. In seiner Freizeit reist er zu den dunklen Orten Deutschlands, misst, erklärt und wirbt für einen sorgsamen Umgang mit Kunstlicht. Erste Erfolge im Kampf gegen die Lichtverschmutzung - die künstliche Aufhellung des Nachthimmels - sind sichtbar. Nahe Berlin im Westhavelland gibt es einen weiteren Sternenpark, der die Anforderungen der International Dark Sky Association erfüllt, und in der Eifel einen, der auf dem Weg dorthin ist. Zu den Kriterien gehört eine Selbstverpflichtung der meisten Kommunen im Park, dass sie die Beleuchtung nach bestimmten Vorgaben anpassen.

Früher am Abend, es wird gerade dunkel, stehen Frank und Hänel auf dem Gelände des lokalen Energieversorgers in Fulda. Um die 30 verschiedene Straßenlampen stehen dort herum. Jede anders gebaut, jede mit anderem Licht. So wollen die Sternenretter und der Stromversorger herausfinden, welche am besten geeignet sind, um die Nacht wieder zur Nacht zu machen. Die wichtigsten Kriterien sind schnell erklärt: Am besten ist warmes Licht, die kalten, blauen Anteile strahlen nämlich kreuz und quer. Zweitens sollten die Lampen nach unten ausgerichtet und gut abgeschirmt sein. Außerdem sollten sie nicht zu hell scheinen. Eigentlich könnten Lichtindustrie und Politik schon weiter sein. Die LED-Technik erlaubt es, Licht so zielgerichtet und effizient einzusetzen wie nie zuvor. Leider geschieht das viel zu selten. Zumal die neue Lichttechnik auch eine andere Eigenschaft hat: Nie war es so billig, Licht zu produzieren. Deshalb sagt Hänel, trotz allen Potentials: „LED macht die Nacht kaputt.“

3D-Projektion: Rhöner Nachthimmel

© Foto: Andreas Hänel, Animation: Carsten Feig

Vom Beifahrersitz in Franks Auto aus ist das gut zu beobachten. Sie ist auf dem Weg zu einer Sternenführung, hat aber noch etwas Zeit. Also biegt sie ab nach Hilders, in eine Gemeinde am östlichen Rand Hessens. Einer der Supermarktbetreiber hat dort die Beleuchtung seines Parkplatzes umgerüstet, besser gesagt: aufgerüstet. Es ist dort so hell, als wäre es nötig, den Laden auch aus dem Weltraum zu sehen. Die Lampen umweht ein Streunebel aus Licht. Was Frank davon hält, ist nicht zitierfähig, schließlich ist sie Angestellte des Landkreises Fulda. Die Gespräche mit dem Geschäftsmann laufen. Er hat Besserung versprochen. Möglichkeiten für Sanktionen gibt es kaum. Privatleute dürfen ihr Licht weitgehend frei von wirksamen Regeln in den Himmel jagen.

Das ist das Problem. Denn zu den Städten und Gemeinden hat Sabine Frank einen guten Draht. Auf dem Weg durch die Rhön kann sie zu jedem Ort eine Geschichte erzählen: Hier hängt nur noch eine Leuchtröhre in den Laternen, dort ist das Licht gedimmt. Und sicher sind die Straßen trotzdem.

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Aber es ist noch viel zu tun. Am Straßenrand stehen grelle Laternen an Bushaltestellen, obwohl dort nachts niemand auf den Bus wartet. „Soll sich bald ändern“, sagt Frank im Vorbeifahren und entdeckt gleich darauf einen Erfolg, von dem sie bisher nichts wusste. Im Schnee ist ein orangefarbener Kreis zu sehen. Sonst nichts. Die Lampe strahlt in die richtige Richtung - nach unten. Geht doch.

Frank nimmt die Sache persönlich. Sie ist seit der Kindheit Sternenfan. Im Garten liegend verfolgte sie den Halleyschen Kometen, im Fernsehen schaute sie Star Trek. Erst neulich blickte sie beim Laufen wieder in den Himmel statt auf den Weg und rannte mit voller Wucht gegen einen Poller. Ihre E-Mails beendet sie mit „Viele Sterngrüße“, durch ihre Signatur zischt hin und wieder eine Sternschnuppe. „Abgefahren, wie durchsichtig der Himmel sein kann“, wundert sie sich noch heute. So war der Schutz des Himmels zunächst der Schutz ihres eigenen Hobbys. Doch mittlerweile argumentiert sie vor allem mit dem Naturschutz. Durch das überflüssige Licht verirren sich Vögel, Insekten gehen zugrunde, weil sie dem Licht folgen, statt ihre eigentliche Rolle im Biosystem zu spielen. Auch für den Menschen hat die Dauerbescheinung Folgen. Kunstlicht bedeutet Stress, der Biorhythmus kann durcheinandergeraten. Tag und Nacht verschwimmen.

Eine Nacht im Zeitraffer

© Werner Klug

Und dann ist da noch das kulturelle Argument: Seit Jahrtausenden analysiert der Mensch den Himmel. Zu wissen, dass er selbst nur die Winzigkeit einer Winzigkeit im Universum ist, kann nicht schaden. Wenn am Himmel keine Milchstraße, sondern nur eine Lichtsuppe zu sehen ist, kann dieser erdende Gedanke schon mal vergessen werden. Davor hat Frank Angst. „Wir sind vielleicht die letzte Generation, die noch die Sterne sieht“, sagt sie.

Um die Leute darauf aufmerksam zu machen, ist Frank seit Jahren als Sternenführerin unterwegs. Diesmal weiß sie nicht genau, wer sie erwartet. Ein Mitarbeiter des Bistums Regensburg hatte die Führung gebucht und eine Gruppe von Männern angekündigt. „Wenn das Priester sind, erkläre ich denen erst einmal, dass sie ihre Kirchen nicht so anstrahlen sollen“, sagt sie. Doch es sind keine Priester, sondern einfach katholische Männer im besten Alter, die im Warmen hinter Weißbier-Gläsern sitzen und nicht den Anschein erwecken, dass sie das für eine Nachtwanderung durch die Kälte aufgeben wollen. Machen sie dann aber trotzdem - und erleben dank Frank ihr dunkles Wunder.

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Mit einfachsten Mitteln erklärt sie die Erdrotation. Mit Stiel und Plastikkugel macht sie deutlich, warum der Polarstern immer am gleichen Platz steht. Ihre Anekdoten zu den Sternbildern lassen die Weißbiergläser in Vergessenheit geraten. Vor den Männern steht das sternenverrückte Mädchen von früher im Körper einer 45 Jahre alten Projektleiterin. Wieder haben ein paar Leute verstanden, warum es sich lohnen könnte, das Licht zu dimmen.

Frank ist zufrieden. „War doch ganz gut, oder?“ Auf der Rückfahrt wählt sie die Nummer von „Doc Hänel“, wie sie ihren Mitstreiter nennt. Denn unterwegs ist ihr nicht nur aufgefallen, dass die Herberge der katholischen Männer nicht wie versprochen ihre Beleuchtung angepasst hat. Nicht weit davon entfernt steht auf einmal ein neuer Strahler. Frank weiß noch nicht, wem der gehört. Aber sie wird es herausfinden.

Während sie Besucher, Politiker und Geschäftsleute auf emotionaler Ebene auf die Lichtverschmutzung aufmerksam macht, ist ihr Partner Hänel für die Fakten zuständig. Drei Tage nach der kalten Nachtschicht im Sternenpark hat er die Daten zur Skipiste ausgewertet. Selbst zehn Kilometer entfernt erhelle sie noch den Himmel, schreibt er. Die Farbe verschiebe sich ins Blaue, um etwa 30 Prozent heller sei die Nacht. Gleichzeitig schreibt er, was zu tun wäre: schwächere Lampen einbauen, eine andere Lichtfarbe verwenden, besser abschirmen. Das Übliche. Das könnte nach seiner Rechnung den Nachthimmel schonen und bis zu 90 Prozent Energie sparen. Ein entsprechendes Konzept liege vor, es gibt auch schon Skipisten, die es erfolgreich verfolgt haben.

Ob sich der Skiliftbetreiber davon und von der Aussicht auf Fördergeld für die Umrüstung überzeugen lässt? Hänel und Frank sind sich da nicht sicher. Die Sternenretter haben noch einiges zu tun.

© Falk Ziebarth Leuchtturm: An Point Alpha erhellt ein Scheinwerfer die Nacht.

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Quelle: F.A.Z.

Veröffentlicht: 23.02.2017 17:55 Uhr