01.06.2006 · Im gesamten Juni bleibt die Sonne mehr als 16 Stunden über dem Horizont. Die Dunkelheit setzt jetzt so spät ein, daß zu den angegebenen Beobachtungszeiten nur zu Beginn des Monats Sterne zu sehen sind.
Von Harald MarxAm 21. Juni um 14.26 Uhr steht die Sonne am Gipfel ihrer scheinbaren jährlichen Bahn, dem Sommerpunkt. Seit die Erwärmung der Erde zunimmt, schaut man auch genauer auf die Strahlungsleistung der Sonne. So wird seit Mitte des 20. Jahrhunderts eine ungewöhnlich starke Sonnenaktivität registriert. Daher rückt auch die Möglichkeit eines größeren Einflusses der Sonne auf das Erdklima und insbesondere auf die globale Erwärmung ins Zentrum des Interesses. Im Juni ändern sich die Mittagshöhen der Sonne nur geringfügig.
Am Monatsersten erreicht unser Tagesgestirn eine Höhe von 62 Grad. Diese steigt bis zur Sonnenwende auf den Maximalwert von 631/2 Grad an. Bis zum Monatsende nimmt die Sonnenhöhe dann wieder um den minimalen Betrag von einem Viertel Grad ab. Diese geringen Unterschiede der Mittagshöhe bedingen entsprechend kleine Variationen in der Tageslänge und in den Auf- und Untergangszeiten der Sonne.
Bärenhüter und Homer
Im gesamten Juni bleibt die Sonne mehr als 16 Stunden über dem Horizont. Die Dunkelheit setzt jetzt so spät ein, daß zu den angegebenen Beobachtungszeiten nur zu Beginn des Monats Sterne zu sehen sind. Erst wenn die Nautische Dämmerung zu Ende ist, wenn also die Sonne mehr als zwölf Grad unter die Horizontlinie gesunken ist, können die Konturen der Sternbilder erfaßt werden. Das ist im Juni erst nach 23 Uhr der Fall. Und schon um kurz nach drei Uhr wird es wieder hell, so daß die Zeit der Sternbeobachtung in diesem Monat der hellen Nächte auf etwa vier Stunden zusammenschrumpft.
Im Nordwesten erkennt man bei guter Horizontsicht allenfalls noch Capella sowie Kastor und Pollux als letzte Überbleibsel des Wintersternhimmels. Die Frühlingssternbilder Löwe und Jungfrau sind schon weit auf das südwestliche Himmelsareal gerückt. Der Bootes mit seinem orangerötlichen Hauptstern Arkturus hält sich dagegen noch hoch im Süden auf. Die Bezeichnung Bootes kommt bereits in Homers Odyssee vor. Auch der Name Arkturus ist uralt. Er bedeutet Bärenhüter, wobei auf die griechische Sage Bezug genommen wird, in der die Nymphe Kallisto von der Jagdgöttin Artemis in eine Bärin verwandelt wurde. Sie und ihr Sohn Arkas wurden danach von Zeus an den Sternhimmel versetzt, Kallisto als Sternbild Großer Bär und Arkas als Bootes.
Waage, Kentaur und Wolf
Eine weitere Geschichte bringt den Bootes mit dem Großen Wagen in Verbindung. Dort stellt der Bootes den Philomelos dar, den Sohn von Demeter, der Göttin der Feldfrucht, und Jasion, dem ersten Sämann. Philomelos war demnach der Erfinder des Pflugs und des Wagens. Er lenkt nun, verstirnt in Gestalt des Bootes, sein Gefährt über den nächtlichen Himmel. Arkturus ist der vierthellste Fixstern und etwa 37 Lichtjahre von uns entfernt. Seine Leuchtkraft übertrifft die unserer Sonne um mehr als das Hundertfache. Mit einer Oberflächentemperatur von etwas über 4000 Grad ist er allerdings erheblich kühler als diese. Damit ist er der uns am nächsten stehende rote Riesenstern.
Unterhalb des Bootes passieren jetzt Waage, Kentaur und Wolf die Südlinie. Die Waage beherbergt im Augenblick mit Jupiter das hellste Gestirn des Nachthimmels - so kann man das unauffällige Sternendreieck jetzt leicht identifizieren. Dicht am Südosthorizont erkennt man den westlichen Teil des Tierkreisbildes Skorpion. Es enthält mit Antares einen weiteren roten Riesenstern, der aber den Arkturus, was Leuchtkraft und Größe anbelangt, weit übertrifft. Der ungefähr 600 Lichtjahre von uns entfernte Antares leuchtet über zehntausendmal heller als unsere Sonne und hat damit die hundertfache Leuchtkraft von Arkturus. Oberhalb des Skorpions haben sich jetzt Schlangenträger und Schlange vollständig vom Horizont gelöst. Auch das große Sommerdreieck Wega, Deneb und Atair ist nach dem Aufgang seines südlichen Ecksterns Atair jetzt vollständig. Die diesen Sternen zugehörigen Sternbilder Leier, Schwan und Adler sind ebenfalls ganz aufgegangen.
Zwischen Leier und Bootes sind jetzt der Herkules und der hübsche Sternenbogen der Nördlichen Krone mit dem Hauptstern Gemma, der Perle, in einer beachtlich hohen Position zu finden. Während im Norden nach dem Kepheus auch das Zirkumpolarbild Kassiopeia seinen tiefsten Punkt überwunden hat, strebt der Große Wagen nun wieder abwärts, Richtung Nordwesthorizont. Sein Kollege, der Kleine Wagen, zeigt mit seinem Wagenkasten Richtung Zenit. Zwischen diesen beiden Bildern windet sich der Drache hindurch, wobei er sein aufgerissenes Maul drohend dem Herkules entgegenstreckt. Ein Planetengewimmel herrscht am westlichen Untergangshimmel. Zumindest in der ersten Monatshälfte halten sich dort drei Wandelsterne auf, nämlich Merkur, Mars und Saturn. Merkur und Mars verschwinden aber nach der Monatsmitte in den hellen Strahlen der Sonne, während der Saturn noch bis zum Ende des Monats mit bloßem Auge aufzufinden ist.
Jupiter in günstiger Position
Am Abend des 17. Juni können wir den Mars in weniger als einem Grad Abstand nördlich des Ringplaneten sehen. In den Abendstunden des 28. Juni hält sich die zunehmende Mondsichel in der Nähe von Mars und Saturn auf. Jupiter steht in einer günstigen Beobachtungsposition. Bereits in der hellen Dämmerung taucht er im Süden als erstes Gestirn auf. Seine Untergänge erfolgen am Monatsende gegen zwei Uhr, während er zu Monatsbeginn noch nahezu die gesamte Nacht über sichtbar ist. Am 8. Juni finden wir den Mond in der Nähe des Riesenplaneten. Die Sichtbarkeitsdauer des Morgensterns Venus bleibt mit gut einer Stunde nahezu konstant. Er geht etwa zu Beginn der Nautischen Dämmerung auf, also knapp zwei Stunden vor Sonnenaufgang.
Am Morgen des 23.Juni steht die abnehmende Mondsichel in Venusnähe. Versierte Beobachter können gegen Ende des Monats versuchen, die teleskopischen Planeten Uranus und Neptun am nächtlichen Morgenhimmel aufzuspüren. Der sonnenfernste Wandelstern, Pluto, steht am 16. Juni in Opposition zur Sonne und damit in Erdnähe. 4,5 Milliarden Kilometer trennen uns dann von diesem Außenposten des Sonnensystems. Zu seiner Beobachtung benötigt man jedoch schon recht große Teleskope, wie sie den meisten Amateurastronomen nicht zur Verfügung stehen.