19.04.2010 · Eine schrumpfende Region in Deutschlands wagt den Tabubruch: Sie kann keine gleichwertigen Lebensverhältnisse mehr für alle bieten. Stadtflucht und hohe Unterhaltungskosten zwingen die Stadt Stendal in eine Pionierrolle.
Von Stefan LockeWenn es zutrifft, dass die Letzten die Ersten sein werden, dann könnte die östliche Altmark bald ganz vorn sein. Denn was den Stadtumbau angeht, hat die Region nördlich von Magdeburg eine Pionierrolle inne. „Es ist nicht so, dass wir uns das ausgesucht hätten“, sagt Dirk Michaelis, Bauamtsleiter des Landkreises Stendal. „Die Lage hat uns einfach früher dazu gezwungen.“ Die Lage scheint desaströs. Bis zum Jahr 2025 wird der Kreis vierzig Prozent der 156 000 Einwohner, die hier noch 1990 lebten, verloren haben.
Der Landkreis Stendal im Osten der Altmark ist etwa so groß wie das Saarland, aber äußerst dünn besiedelt; gerade einmal 43 Einwohner leben dort heute je Quadratkilometer, im Saarland sind es zehn Mal so viel. Dabei ist die Gegend idyllisch gelegen; bis zum Horizont reichen die ausgedehnten Wiesen, Felder und Wälder, zwischen denen kleine Städte und winzige Dörfer mit wunderbaren Bauten in Backsteingotik auftauchen. Es haben noch nie viele Menschen hier gelebt - und doch erfährt die Region seit 1990 einen Einwohnerschwund ungekannten Ausmaßes.
Die Politik ignorierte zunächst das Problem
Vor allem aus Stendal, der größten Stadt der Altmark, wanderten die Leute nach dem Mauerfall ab. 51 000 Menschen lebten hier 1989, heute sind es 36 000, ungefähr genauso viele wie Anfang der siebziger Jahre, als die DDR-Regierung beschloss, ein Kernkraftwerk zu errichten. Die Großbaustelle ließ die Einwohnerzahl nach oben schnellen, mit der Wende aber wurde das Projekt aufgegeben; andere Arbeit gab es kaum, die Leute zogen wieder fort. Die Politik ignorierte zunächst das Problem. Munter investierte man in eine Wachstum und blühende Landschaften verheißende Zukunft, baute Gewerbegebiete und Straßen, sanierte Altbauten und Kanalnetze, wies Baugebiete für Einfamilienhäuser und Handelsflächen am Stadtrand aus. So zogen 4000 Menschen aufs Land in der näheren Umgebung.
Mitte der Neunziger aber war das Problem offensichtlich. Besonders im Wohngebiet Stendal-Süd, einem für die Kraftwerker errichteten Neubauviertel, blieben immer mehr Fenster dunkel. 1999 standen 6000 Wohnungen leer, so viele, dass die Stadtspitze eine folgenschwere Entscheidung traf. Stendal-Süd sollte nicht weiterentwickelt, der gesamte Stadtteil stattdessen komplett abgerissen werden. Das war ein Novum im Land. Die verbliebenen 2000 Bewohner waren nicht begeistert, ebenso wenig der Landesbauminister, den die Stadt um Unterstützung bat. „Ich bin Bau- und nicht Abrissminister“, war die Antwort, woraufhin sie sich mit den zwei großen Wohnungsgenossenschaften zunächst selbst um den Rückbau kümmerte. Im Jahr 2000 fiel der erste Block.
Häuser zum halben Preis für Privatleute angeboten, wenn sie sie sanieren
Zugleich beschloss die Stadt, konsequent von außen nach innen zu schrumpfen. Sie legte fest, das Zentrum und angrenzende Viertel zu sanieren sowie die Außenbezirke nach und nach zurückzubauen - und das alles, bevor zwei Jahre später der Bund das milliardenschwere Stadtumbau-Programm Ost mit ähnlichen, wenn auch lockerer gefassten Prämissen auflegte. Bei der Sanierung des Zentrums kam der Stadt zugute, dass ein Großteil der Altbauten in ihrem Besitz war. Sie bot die Häuser Privatleuten zum halben Verkehrswert, jedoch mit der Verpflichtung an, sie binnen zwei Jahren zu sanieren.
Heute leben wieder annähernd 4000 Menschen in der Innenstadt, die zu DDR-Zeiten fast menschenleer war; die Kaltmieten liegen zwischen 4,50 und sechs Euro und damit über denen in den Plattenbaugebieten. Zugleich gelang es, die Verwaltungen von Stadt und Landkreis nicht in einem Neubau auf der grünen Wiese anzusiedeln, sondern im Zentrum zu halten, sowie die Ausdehnung der Handelsflächen am Stadtrand zu stoppen.
Tatsächlich ist Stendals Zentrum heute sehr lebendig, die Nähe zu Kino, Theater, Läden oder Ärzten attraktiv. Dennoch zögen die wenigsten, die vor 15 Jahren im Umland gebaut haben, jetzt zurück. „Aber ich kenne viele, die mit ihrer damaligen Entscheidung heute todunglücklich sind“, sagt Dirk Michaelis. Vor allem wenn die Kinder größer werden, sei das Leben auf dem Land eine permanente Taxifahrt. Ständig müsse zur Schule, zum Sport oder zum Flötenunterricht gependelt werden, ganz zu schweigen von Behörden- und Arztbesuchen.
Die Kanalisation droht zu verstopfen
Die aufwendigere Lebensorganisation im Umland ist Privatsache, die öffentliche Daseinsvorsorge dagegen wird bei schwindender Bewohnerzahl immer teurer. Schon jetzt spricht man in Stendal offen darüber, dass Teile der öffentlichen Infrastruktur - Schulen, Kultur, Gesundheit, Abwasserentsorgung - in angemessener Qualität und mit vertretbaren Kosten nur in wenigen zentralen Orten aufrechtzuerhalten sind. Stendals Beitrag zur Internationalen Bauausstellung (IBA), die hier am Mittwoch eröffnet wurde, heißt folgerichtig „Zentraler Ort im ländlichen Raum“. Die Brisanz verdeutlicht das Beispiel der Wasserversorgung. In den Neunzigern wurde das Trink- und Abwassernetz von 500 auf 1700 Kilometer erweitert. 37 Millionen Euro kostet allein der Betrieb im Jahr - Geld, das immer weniger Nutzer aufzubringen haben. In einigen Leitungen stehe zudem das Trinkwasser elf Tage lang, sagt Michaelis. Die Kanalisation droht deshalb zu verstopfen und übel zu riechen.
„Bis voriges Jahr mussten wir allein in Stendal die Abwasserrohre alle vierzehn Tage mit 210 Kubikmeter Trinkwasser spülen“, berichtet Michaelis. Weil das zu teuer wurde, hat die Stadt inzwischen kleinere Rohre ziehen lassen, um die Fließgeschwindigkeit zu erhöhen, was abermals 180 000 Euro kostete. „Eigentlich müssten wir schon jetzt Leitungssysteme zurückbauen“, sagt Michaelis. Weil das aber zu teuer ist, stellt er nun ein Modell zur Diskussion, das die Höhe der Wassergebühren von der Lage der Wohnung und der Bebauungsdichte des Wohngebietes abhängig macht. „Kurz gesagt: Wer weiter draußen und in dünn besiedelten Gegenden wohnt, zahlt mehr als der im Zentrum oder dicht bebauten Stadtteilen.“ Ähnliche Vorschläge gibt es zur Grundsteuer; ländliche Regionen wiederum könnten vom zentralen Netz gekappt werden und auf dezentrale Kläranlagen umsteigen.
Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse
Die Ungleichheit innerhalb einer Stadt, aber auch zwischen Stadt und Land ist ein Tabubruch, schreibt doch das Grundgesetz die Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse in ganz Deutschland fest. Eine Welle der Empörung schlug Bundespräsident Horst Köhler entgegen, als er 2004 bemerkte, dass den Subventionsstaat zementiere, wer die unterschiedlichen Lebensverhältnisse in Deutschland einebnen wolle. Von Einebnen ist in der Altmark nicht die Rede, sondern schlicht von der Einsicht in die Notwendigkeit. Die haben viele Experten, aber zu wenige Politiker gewonnen. Zur IBA-Eröffnung am Mittwoch, als die Ideen präsentiert wurden, erschienen weder Landrat noch Bürgermeister der umliegenden Orte und auch nur wenige Stadträte aus Stendal selbst.
Diese „hinhaltende Ablehnung“ kennt Jürgen Aring bereits. „Man könnte auch von ,aktivem Desinteresse' sprechen“, sagt der Regional- und Stadtplaner an der Uni Kassel, der in der Altmark als IBA-Berater arbeitete. „Politiker stehen nun mal lieber mit einem neuen Gewerbegebiet oder der Einweihung einer Straße in der Zeitung.“ Schrumpfen und Rückbau dagegen seien sehr schmerzhaft, aber eben unaufhaltsam. Die Ungleichheit zwischen Metropolen und Peripherie sei offensichtlich. „Deshalb wird sich auf mittlere Frist eine Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse in allen Teilräumen des Landes nicht mehr garantieren lassen.“
Bleibt die Frage, wie man damit umgeht. Aring berichtet gern von jenem deutschen Arzt, den er in einem 300-Einwohner-Dorf in Südschweden kennenlernte. Sein Einsatzgebiet sei halb so groß wie die Altmark, 18 Menschen je Quadratkilometer, rund 4000 Kinder habe er zu betreuen. Trotz des riesigen Gebietes habe er geregelte Arbeitszeiten von 8 bis 17 Uhr und freie Wochenenden. Wenn ein Kind abends krank werde, riefen die Eltern in der Gesundheitszentrale an, die die Situation einschätze und Empfehlungen gebe. Meist könne bis zum nächsten Tag gewartet werden. Im Ernstfall müssten die Eltern ihr Kind ins 75 Kilometer entfernte Kreiskrankenhaus bringen. „Die anwesenden deutschen Mütter waren schockiert und empfanden das als massive Unterversorgung; für die Schweden jedoch war das normal“, sagt Aring. Zudem habe der Arzt erklärt, dass das System eine mindestens so gute Versorgung wie in Deutschland hervorbringe.
„Nicht an dicht besiedelten Räumen orientieren“
„Entscheidend ist doch, dass das Gemeinwesen im Alltag funktioniert“, sagt Aring, und dass man auch in der Altmark mit dem südschwedischen Modell gut leben könne. Dann aber dürfe es keine Qualitätsdiskussion geben, die sich am Maßstab dicht besiedelter Räume orientiere. „Wir müssen uns von der Vorstellung verabschieden, dass alles überall gleich ist und dass Ort A auch zusteht, was Ort B gerade bekommt.“ Auf die Altmark bezogen bedeute das, dass zwei Drittel der Menschen dort künftig zentral oder zentrumsnah unter „gleichwertigen Lebensverhältnissen“ leben könnten. Einem Drittel aber, das in überwiegend abgelegenen Orten lebe, könne man keine Mindeststandards für Versorgung oder Erreichbarkeit mehr garantieren. „Für die einen wäre das sicher ein Rückschlag, andere sehen darin vielleicht auch einen Gewinn an persönlicher Freiheit.“
Aring weiß, dass für solche Ideen derzeit rechtliche Basis und politische Mehrheiten fehlen. Aber er sieht die Bereitschaft, sich damit auseinanderzusetzen. Rückschläge indes bleiben nicht aus. Der Vorschlag etwa, die 16 Schulstandorte so im Landkreis zu verteilen, dass die Kinder kürzeste Wege haben, war nicht durchsetzbar, weil fast alle Orte auf ihren Schulen bestanden. Dennoch setzt die Region auf ihre Vorbildfunktion. Spätestens 2020 wird jeder zweite Landkreis in Deutschland von sinkenden Einwohnerzahlen betroffen sein.
Wie in der SU
Leo Bronstein (juvog)
- 19.04.2010, 20:49 Uhr
Mitteldeutschland baut ab
Gerhard Dünnhaupt (dunnhaupt)
- 19.04.2010, 20:55 Uhr
Weniger ist mehr!
Lena Gerstenburg (Gerstenburg)
- 19.04.2010, 23:50 Uhr
Dolles Konzept
St. Koch (Pensacola)
- 20.04.2010, 11:46 Uhr