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Stendal-Süd : Eine Stadt baut ab

Abriss-Ost: Das ist heute noch vom Wohngebiet Standal-Süd übrig Bild:

Eine schrumpfende Region in Deutschlands wagt den Tabubruch: Sie kann keine gleichwertigen Lebensverhältnisse mehr für alle bieten. Stadtflucht und hohe Unterhaltungskosten zwingen die Stadt Stendal in eine Pionierrolle.

          Wenn es zutrifft, dass die Letzten die Ersten sein werden, dann könnte die östliche Altmark bald ganz vorn sein. Denn was den Stadtumbau angeht, hat die Region nördlich von Magdeburg eine Pionierrolle inne. „Es ist nicht so, dass wir uns das ausgesucht hätten“, sagt Dirk Michaelis, Bauamtsleiter des Landkreises Stendal. „Die Lage hat uns einfach früher dazu gezwungen.“ Die Lage scheint desaströs. Bis zum Jahr 2025 wird der Kreis vierzig Prozent der 156 000 Einwohner, die hier noch 1990 lebten, verloren haben.

          Stefan Locke

          Korrespondent für Sachsen und Thüringen mit Sitz in Dresden.

          Der Landkreis Stendal im Osten der Altmark ist etwa so groß wie das Saarland, aber äußerst dünn besiedelt; gerade einmal 43 Einwohner leben dort heute je Quadratkilometer, im Saarland sind es zehn Mal so viel. Dabei ist die Gegend idyllisch gelegen; bis zum Horizont reichen die ausgedehnten Wiesen, Felder und Wälder, zwischen denen kleine Städte und winzige Dörfer mit wunderbaren Bauten in Backsteingotik auftauchen. Es haben noch nie viele Menschen hier gelebt - und doch erfährt die Region seit 1990 einen Einwohnerschwund ungekannten Ausmaßes.

          Die Politik ignorierte zunächst das Problem

          Vor allem aus Stendal, der größten Stadt der Altmark, wanderten die Leute nach dem Mauerfall ab. 51 000 Menschen lebten hier 1989, heute sind es 36 000, ungefähr genauso viele wie Anfang der siebziger Jahre, als die DDR-Regierung beschloss, ein Kernkraftwerk zu errichten. Die Großbaustelle ließ die Einwohnerzahl nach oben schnellen, mit der Wende aber wurde das Projekt aufgegeben; andere Arbeit gab es kaum, die Leute zogen wieder fort. Die Politik ignorierte zunächst das Problem. Munter investierte man in eine Wachstum und blühende Landschaften verheißende Zukunft, baute Gewerbegebiete und Straßen, sanierte Altbauten und Kanalnetze, wies Baugebiete für Einfamilienhäuser und Handelsflächen am Stadtrand aus. So zogen 4000 Menschen aufs Land in der näheren Umgebung.

          So sah das Viertel 1993 aus
          So sah das Viertel 1993 aus :

          Mitte der Neunziger aber war das Problem offensichtlich. Besonders im Wohngebiet Stendal-Süd, einem für die Kraftwerker errichteten Neubauviertel, blieben immer mehr Fenster dunkel. 1999 standen 6000 Wohnungen leer, so viele, dass die Stadtspitze eine folgenschwere Entscheidung traf. Stendal-Süd sollte nicht weiterentwickelt, der gesamte Stadtteil stattdessen komplett abgerissen werden. Das war ein Novum im Land. Die verbliebenen 2000 Bewohner waren nicht begeistert, ebenso wenig der Landesbauminister, den die Stadt um Unterstützung bat. „Ich bin Bau- und nicht Abrissminister“, war die Antwort, woraufhin sie sich mit den zwei großen Wohnungsgenossenschaften zunächst selbst um den Rückbau kümmerte. Im Jahr 2000 fiel der erste Block.

          Häuser zum halben Preis für Privatleute angeboten, wenn sie sie sanieren

          Zugleich beschloss die Stadt, konsequent von außen nach innen zu schrumpfen. Sie legte fest, das Zentrum und angrenzende Viertel zu sanieren sowie die Außenbezirke nach und nach zurückzubauen - und das alles, bevor zwei Jahre später der Bund das milliardenschwere Stadtumbau-Programm Ost mit ähnlichen, wenn auch lockerer gefassten Prämissen auflegte. Bei der Sanierung des Zentrums kam der Stadt zugute, dass ein Großteil der Altbauten in ihrem Besitz war. Sie bot die Häuser Privatleuten zum halben Verkehrswert, jedoch mit der Verpflichtung an, sie binnen zwei Jahren zu sanieren.

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