Home
http://www.faz.net/-gum-6m7io
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Steinmetze am Kölner Dom Filigranarbeit für die Ewigkeit

22.08.2011 ·  Wenn das Gerüst steht, beginnt die Arbeit der Steinmetze. Sie bringen in Ordnung, was über die Jahre verkommen ist. Noch aber schweben am Kölner Dom die Gerüstbauer.

Von Christine Scharrenbroch
Artikel Bilder (9) Lesermeinungen (0)

In 100 Metern Höhe baumelt Wolfgang Schmitz im Klettergurt an einem Seil über dem Domvorplatz. Sein Bruder Guido ist nur wenige Meter neben ihm. Von oben nähert sich Arbeit: Kollege Jörg Schiffbauer lässt ein Gerüstelement am Seil herunter. Die beiden Gerüstbauer packen das meterlange Aluminiumteil und befestigen es an dem Gestänge. Sie überprüfen, ob das eben eingebaute Element richtig sitzt, dann kann das nächste folgen. Dann wandert die Wasserwaage am Seil herunter.

Aus der Sicht von Wolfgang Schmitz wirken die Menschen wie Figuren auf der Modelleisenbahn. "Eine Arbeit wie jede andere auch", sagt der braungebrannte Gerüstbauer, der eigentlich Zimmermann ist, seit 25 Jahren Gerüste am Kölner Dom baut und mit vier Kollegen seit Monaten das neue Gerüst am Nordturm baut. "Nur wenn es richtig bläst, wird es ungemütlich."

„Am Dom ist es etwas ganz anderes“

Gesichert haben sich die Männer an der oberen Plattform in 110 Metern Höhe, die sie zuerst gebaut haben, weit über die Domplatte herausragend. Mit Seilen haben sie daran die untere Plattform bei rund 75 Metern aufgehängt. Von oben nach unten wird nun Element an Element gesetzt. Wie in einem Käfig hängen die Gerüstbauer. Zum Schutz der vielen Passanten ziehen sie jeden Morgen ein weißes Netz herauf. Nicht das kleinste Teil darf herunterfallen. Schon eine Schraube könnte aus dieser Höhe schlimme Verletzungen verursachen. Normale Gerüstbauer sind sie nicht. "Am Dom ist es etwas ganz anderes."

Die gotische Kathedrale darf nicht beschädigt werden. Löcher in den Stein zu bohren ist undenkbar. Die Konstruktion sitzt ohne jede Verankerung am Mauerwerk. Zuerst wurde auf zwei Seiten des Turms ein senkrechtes Gerüst aufgelegt. Zwölf pinkfarbene Ketten, daran befestigt, halten die obere Plattform. Auch die Materialien unterscheiden sich: Für dieses Gerüst werden leichte Aluminiumelemente aus dem Bühnenbau verwendet.

Bei Sturm wird gesperrt

Wenn das Gerüst im kommenden Sommer fertig ist, können die Steinmetze mit ihrer Arbeit beginnen. Zwar ist der Obernkirchener Sandstein, mit dem die Türme im 19. Jahrhundert nach 300 Jahre währender Baupause fertiggestellt wurden, weitgehend unbeschädigt. Doch die Verbindungselemente aus Eisen sind stark beschädigt. "Wenn Eisen rostet, dehnt es sich aus und sprengt im schlimmsten Fall den Stein", sagt Matthias Deml, Sprecher der Dombauverwaltung.

In den achtziger Jahren fielen schon einmal Steinteile herunter. Seitdem wird die Domplatte bei Sturm gesperrt. Die Verbindungselemente sollen ausgebaut und durch Edelstahl ersetzt werden. Dafür werden viele der kleinen Türmchen, der Fialen, auseinandergebaut. Zudem steht die Restaurierung von 32 Engelsfiguren an, die in 80 Metern Höhe in Baldachinen stehen. Ihre Flügel zerbröseln. Auch Kriegsschäden müssen behoben werden. Deml zeigt am Nordturm auf mehrere Fialen, deren Kreuzblumen-Spitze abgeschlagen ist.

Wochenlang für einen Stein

Mehr als 100 Meter tiefer, in der Dombauhütte unterhalb der Kathedrale, wo sich Werkstatt an Werkstatt reiht, baut Thomas Kaintoch gerade ein solches Türmchen nach. Die Zeichnung hat er an die Wand gepinnt, das verwitterte, grau-verfärbte Original liegt neben ihm. Mit dem Bleistift hat der Steinmetz den schon in Form gebrachten gelblichen Sandstein zunächst in viele kleine Felder unterteilt, aus denen er dann Kreuzblumen, Blattwerk oder andere filigrane Details meißelt. "Man muss sehr behutsam drücken", sagt der Dreiundfünfzigjährige, "sonst hat man sich schnell verklopft."

Seit Wochen arbeitet er schon an dem einen kleinen Stück. "Das wird auch noch dauern." Der Kollege, der neben ihm in der engen Werkstatt arbeitet, ist sogar für die nächsten vier Jahre beschäftigt - mit dem Nachbau eines Baldachins. "Ich setze mir immer eine kleine Partie zum Ziel", sagt Kaintoch über sein Rezept, sich auch nach 28 Jahren immer wieder zu motivieren.

„Wenn man meine Steine nicht sieht, sind sie gut“

Schon länger am Stein ist auch Markus Schroer. In mehreren Ordnern hat der Steinmetz Fotos der zahllosen Kapitelle gesammelt, die er im Laufe vieler Jahre für den Dom geschlagen hat. Für den Abschluss einer Säule oder eines Pfeilers hat er mal eine Feige, mal Hopfen oder eine Kugeldistel nachgebildet. "Optisch soll der Stein weich werden", sagt Schroer. Dafür müsse sich ein Steinmetz in jeden Stein neu hineindenken. Das fertige Stück soll sich in die Fassade einfügen. "Wenn man meine Steine nicht sieht, sind sie gut", sagt Schroer. Dass sie sich allein durch ihre helle Farbe vom schwarzen Dom abheben, stört ihn nicht. Sie bekämen ja schnell ihre Patina, meint er, "nach 15 bis 20 Jahren".

Die Sanierungsarbeiten am Dom, dessen Bau schon 1248 begonnen, aber erst 1880 vollendet wurde, erfordern offenbar ein besonderes Zeitempfinden. "Es muss einem klar sein, dass man bestimmte Dinge nicht zu Ende bringen kann", sagt Dombaumeisterin Barbara Schock-Werner. Sie sieht sich als "Teil einer langen Kette" von Dombaumeistern und habe gelernt, ihre Ungeduld zu zügeln. "Was wir jetzt ersetzen, muss 100 Jahre halten. Vorher kommen wir nicht wieder an die gleiche Stelle." Vor allem unter dem sauren Regen litt der Dom. Da die Verschmutzung der Luft mit Schwefeldioxid zurückgegangen ist, ist Schock-Werner optimistisch, dass es mit der Zerstörung so nicht weitergeht.

Moderne Originale

Mit Ultraschall werden beschädigte Steine oder Figuren auf Risse untersucht. Viele können mit Laser gereinigt und mit Kieselsäureester gefestigt werden. Nur stark zerstörte Skulpturen, denen sonst nicht zu helfen ist, werden in Acrylharz getränkt, um den weiteren Verfall zu stoppen. Oft sind aber auch Nachbildungen von Figuren nötig. Bei einem stark verwitterten Passionsengel, der an der Westfassade stand, waren Kopf und Arme vollkommen zerstört.

Anhand alter Fotos hat Bildhauer Hans-Christoph Hoppe die fehlenden Teile mit Gips an das Original modelliert und die Figur dann neu aus Stein angefertigt. Oft können die Bildhauer und Steinmetze auch auf rund 700 Original-Gipsmodelle aus dem 19. Jahrhundert zurückgreifen, die den Zweiten Weltkrieg in einer Modellkammer im Nordturm fast unversehrt überstanden haben.

20 Jahre Arbeit für den Turm

Zwischen sechs und sieben Millionen Euro stehen der Dombaumeisterin jedes Jahr für die Restaurierungsarbeiten an der Unesco-Welterbestätte zur Verfügung. Gut die Hälfte des Geldes kommt vom 1842 gegründeten Zentral-Dombau-Verein mit seinen 13 000 Mitgliedern. Das übrige Geld steuern das Erzbistum Köln, das Land Nordrhein-Westfalen, das Domkapitel und die Stadt Köln bei. Der größte Teil des Budgets fließt in die Löhne für die 80 Mitarbeiter der Dombauhütte, unter ihnen neben Gerüstbauern, Steinmetzen und Bildhauern auch Dachdecker, Schlosser, Schmiede, Elektriker, Glasrestauratoren und Goldschmiede.

Die Aufgaben, die ihrem Nachfolger Michael Hauck bei seinem Amtsantritt im September 2012 bevorstehen, rattert Schock-Werner nur so runter: Sanierung des mittelalterlichen Domchors, des Strebepfeilers F 3 und des Strebewerks F 6. Zudem sollen Fenster aus dem 19. Jahrhundert, die vor dem Krieg ausgebaut wurden, wieder in die Querhäuser eingesetzt und zerstörte Scheiben rekonstruiert werden. "Zusammen sind das locker 20 Jahre." Auch am Nordturm ist die Arbeit noch lange nicht getan. Dem im Bau befindlichen Gerüst, dem mittlerweile dritten, wird noch ein viertes folgen. "2020 sollte der Turm wieder ohne Gerüst sein", sagt Schock-Werner. Nach 24 Jahren. "Dann kommt der Südturm an die Reihe."

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1970, freie Autorin im Wirtschaftsteil.

Jüngste Beiträge