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Montag, 13. Februar 2012
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Stasi-Unterlagenarchiv Autopsie der Schnipsel

11.01.2010 ·  Vor zwanzig Jahren besetzten Bürger die Stasi-Zentrale in Berlin und retteten Tausende zerrissener Akten. Ein Computerprogramm soll nun die Papiere wiederherstellen, die bisher mühsam von Hand zusammen gepuzzelt wurden.

Von Julia Rosch
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Die feuersichere Tür fällt ins Schloss, und Joachim Häußler schlägt der muffige Geruch von altem Recyclingpapier entgegen. Zuckend und surrend bringen Leuchtstoffröhren Licht in den fensterlosen Raum im Stasi-Unterlagenarchiv in Berlin. Häußler schreitet gemächlich Regalreihe um Regalreihe ab. Am Ende des langen Gangs hält er inne und dreht einen dreiarmigen Griff. Das Regal gleitet zur Seite und gibt den Blick frei auf das, was den 55 Jahre alten Mann mit dem mächtigen Bauch bewegt: 8000 rote Aktenhefter. Sie tragen die römischen Ziffern I bis III, Registriernummern und jeweils einen Namen in Anführungszeichen: den Decknamen eines ehemaligen inoffiziellen Mitarbeiters der Staatssicherheit. Häußler zieht eine rote Mappe aus dem Regal und wedelt damit herum. „Alle leer!“, ruft er.

Nur eine einsame, handschriftliche Notiz lugt aus einer der Mappen heraus. „Die Seiten 1 bis 275 des Teils 2 Band 1 des IMS ,Klaus Kruse' wurden auf Weisung des Leiters der HA am 9. 11. 1989 vernichtet.“ Denn kaum waren die Grenzen geöffnet, gab die Stasi schon den Befehl, tonnenweise Akten, laufende Vorgänge und wichtige Dokumente zu eliminieren. Offiziere und Sekretärinnen schredderten, bis die Geräte den Geist aufgaben. Dann fingen sie an, die Akten von Hand zu zerreißen. Tausende Säcke mit winzigen Papierschnipseln waren das Ergebnis; darin - möglicherweise - die Inhalte der leeren, roten Mappen.

Projektgruppe „Manuelle Rekonstruktion“

„Offiziell hieß es, man wolle keine rechtsstaatswidrig entstandenen Dokumente aufbewahren“, sagt Jens Giesecke, Historiker am Zentrum für Zeithistorische Forschung in Potsdam, „tatsächlich ging es darum, die Taten der Stasi zu vertuschen und die IM vor der Enttarnung zu schützen.“ Weil die Bürgerkomitees dem Treiben nicht länger tatenlos zusehen wollten, besetzten sie im Dezember 1989 nach und nach die Kreisdienststellen der Stasi. Zuletzt stürmten sie am 15. Januar 1990 die Zentrale in Berlin-Lichtenberg. 16.000 Säcke mit zerrissenen Stasi-Unterlagen konnte die Opposition vor der endgültigen Vernichtung retten.

Die Säcke lagern heute in Magdeburg und werden von Mitarbeitern der Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen (BStU) von Hand wieder zusammengesetzt. In Zukunft soll ein Computerprogramm die Puzzlearbeit übernehmen. Daran arbeitet der gebürtige Rheinländer Häußler gemeinsam mit dem Archivar Andreas Petter.

„Ohne die originalen Unterlagen können wir nur vermuten, dass eine bestimmte Person sich als IM verpflichtet hat“, sagt der 36 Jahre alte Petter, „manch ein ehemaliger IM hat schon behauptet, er sei unwissentlich von der Stasi abgehört und als solcher bezeichnet worden.“ Seit zwei Jahren leitet er die Projektgruppe „Manuelle Rekonstruktion“ bei der BStU.

Historiker erhoffen sich wichtige Erkenntnisse

Die sechs Mitarbeiter, die in Zirndorf bei Nürnberg die zerrissenen Aktenseiten von Hand wieder zusammensetzen, gehören zum Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, bei dem es Stellenüberhänge gegeben hat. Geduld und ein „Gefühl für die Schnipsel“ brauche ein Aktenpuzzler, sagt Petter. Anhand winziger Vermerke auf den Fragmenten erkennt er, welchen Dienstweg ein Dokument gegangen ist; ob hierarchisch wichtige Personen es abgezeichnet haben, ob es vielleicht sogar über den Schreibtisch Erich Mielkes gegangen ist. „Autopsie der Schnipsel“ nennt Petter das.

Den Inhalt aus 450 Säcken haben die fingerfertigen Mitarbeiter in den vergangenen 14 Jahren seziert - insgesamt 900.000 Einzelseiten gingen durch ihre Hände. Darunter große Teile der IM-Akte Sascha Andersons, des Ost-Berliner Lyrikers, den Wolf Biermann einst als „Sascha Arschloch“ bezeichnete, weil er unter den Decknamen „David Menzer“, „Fritz Müller“ und „Peters“ Freunde und Kollegen für die Stasi bespitzelt hatte - was er zunächst leugnete. „Im Fall Anderson hatten wir Glück, da lag in einem Sack ziemlich viel beieinander“, sagt Petter. Aber auch Berichte über die Auslandsreisen des Schriftstellers Stefan Heym und über den Vatikan lagen „beieinander“. Vor allem bei der Zerstörung der Unterlagen über die Auslandsspionage seien die Stasi-Offiziere gründlicher vorgegangen. „Die haben Unterlagen in nicht einmal fingernagelgroße Fetzen gerissen und anschließend über mehrere Säcke verteilt.“ Petter verschränkt ratlos die Arme vor seinem hellblauen Hemd. Denn von genau diesen alten Säcken erhoffen sich Archivare und Historiker wichtige Erkenntnisse über die deutsch-deutsche Geschichte. Mit bloßer Handarbeit würde es noch Jahrhunderte dauern, bis die roten Mappen wieder gefüllt sind und die winzigen Schnipsel die Geheimnisse der Ost-Spione preisgeben.

Im Herbst dieses Jahres startet der Testbetrieb

Weil niemand so lange warten möchte, entwickelt das Fraunhofer Institut für Produktionsanlagen und Konstruktionstechnik gemeinsam mit der BStU seit März 2007 ein virtuelles Rekonstruktionsverfahren. „So ein Computerprogramm ist weltweit einmalig“, erklärt Häußler, „gerade sind wir mitten in der Entwicklungsphase.“ Soll heißen: Derzeit arbeitet die BStU mit einem Laborsystem, das nur ein paar hundert Schnipsel zu ganzen Seiten zusammensetzen kann. Im Herbst dieses Jahres startet der Testbetrieb. Bis dahin muss das Programm einige Millionen Schnipsel scannen, ihre Papierfarbe, die Schriftarten und die Geometrie der Risskanten speichern können.

Bertram Nickolay, Abteilungsleiter für Sicherheitstechnik beim Fraunhofer Institut, ist der Kopf hinter dem aufwendigen Algorithmus. Gerade bringt er ihm bei, Maschinenschrift von Handschrift zu unterscheiden. Wäre es nach Nickolay gegangen, hätte diese Arbeit schon zehn Jahre früher beginnen können. Vor zwölf Jahren habe er Joachim Gauck, dem Vorgänger von Marianne Birthler, ein solches Verfahren bereits vorgeschlagen. „Ein ganzes Jahr habe ich gewartet, bis jemand auf meinen Brief geantwortet hat“, sagt Nickolay mit saarländischem Einschlag am Telefon. Seine Empörung ist nicht zu überhören. Nicht aus verletztem Forscherstolz, wie er hervorhebt, sondern weil ihm die Aufarbeitung der DDR-Vergangenheit eine Herzensangelegenheit sei. Sein Freund, der Schriftsteller und DDR-Bürgerrechtler Jürgen Fuchs - 1977 aus der DDR ausgewiesen und 1999 gestorben -, habe ihn Mitte der neunziger Jahre auf die 16 000 Säcke aufmerksam gemacht, die unberührt in den Archiven der BStU lagerten. Zehn Jahre später hat der Bundestag nach vielem Hin und Her endlich 6,3 Millionen Euro für die Entwicklung des computergestützten Verfahrens bereitgestellt.

Frühestens 2012 entscheidet der Bundestag

Papierfarben und Risskanten erfasst der Algorithmus schon; er versteht, ob das Papier liniert, kariert oder unbedruckt ist, und sortiert - Nickolay sagt: „clustert“ - die Schnipsel nach den verschiedenen Merkmalen. Die genaue Schriftanalyse soll die gemeinsamen Merkmale einzelner Schnipsel so genau wie möglich bestimmen und fehlerhafte Versuche gering halten. Eigentlich sei das virtuelle Puzzleprogramm genauso aufgebaut wie die Handarbeit im fränkischen Zirndorf, sagt Petter. Häußler fügt hinzu: „Bei einem tausendteiligen Puzzle sortiert man die Teile auch zuerst nach Farben, Himmel, Wald und Wiese, bevor man mit der Puzzelei beginnt.“

Der Mensch bleibe der alles entscheidende Faktor bei dieser riesigen Schnipseljagd, darin sind sich Häußler, Petter und Nickolay einig. Ein Rechner könne zwar Tag und Nacht speichern, analysieren und sortieren, „die Schnipsel müssen trotzdem von Menschenhand angefasst, geglättet und in den Scanner gelegt werden“, erklärt Nickolay. Zuvor begutachten Mitarbeiter der BStU jeden einzelnen Sack wie ein Geologe den Erdboden: schichtweise. Vorsichtig heben sie Lage um Lage aus den Säcken heraus, entfernen Büroklammern und Reißzwecken, die das Papier beschädigen könnten. Dann verstauen sie die Papierschichten in luftdichten Archivkartons. Nach kurzem Bügeln und anschließendem Scannen kehren die Puzzlestückchen zurück ins Stasi-Unterlagenarchiv. Wie viel Zeit der Rechner braucht, um einen ganzen Sack wieder zusammenzusetzen, soll von Herbst an das Pilotverfahren zeigen. Davon hängt auch ab, wie hoch die Kosten für die Wiederherstellung des zerrissenen Stasi-Erbes wirklich sein werden.

Bertram Nickolay setzt trotz der ungewissen Zukunft auf die Nachhaltigkeit der Erinnerungsmaschine und preist die Erfindung: „Wir haben damit schon von Wirtschaftsfahndern beschlagnahmte, geschredderte Unterlagen wieder zusammengesetzt.“ Bevor jedoch Polizei und Staatsanwaltschaft das Programm nutzen können, gilt es, die Schnipsel für die Pilotphase vorzusortieren und zu glätten. Frühestens 2012 entscheidet der Bundestag, ob er weitere Mittel für die Rekonstruktion der Stasi-Unterlagen bereitstellen will. Bis dahin wird im fränkischen Zirndorf weiter von Hand gepuzzelt.

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