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Starbucks weltweit Ohne Ende Kaffeefahrt

01.08.2009 ·  Ein Amerikaner reist seit zwölf Jahren um die Welt und versucht, alle Filialen der Kaffeehauskette Starbucks zu besuchen. 9708 hat er schon geschafft. Doch wegen der Krise schließen ständig Läden, in denen er noch nicht war.

Von Friederike Haupt, Zürich
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Winters Leben passt in einen Rucksack. Und es ist in Gefahr. Kurz vor halb zwölf ist es, als Winter die Tür zur Zürcher Starbucks-Filiale am Rennweg 48 aufstößt und die Treppe zur ersten Etage hinaufstürmt. Keine Augen hat er für die hübschen Schweizerinnen, die draußen auf Klappstühlen in der Sonne braten; keine Augen auch für den Barista hinter dem Tresen, der extra für ihn sein Kundenlächeln angeknipst hat. Winter, oben angelangt, zerrt am Reißverschluss seines zerschlissenen „Eddie Bauer“-Ranzens, befördert einen Adapter, ein Netzteil und einen Laptop ans Kaffeehauslicht. Endlich: Strom!

Winter schnauft durch. Fast wäre sein Rechner, weil der Akku leer war, abgestürzt. Und er hatte die neuesten Daten noch nicht ins Internet hochgeladen: Namen, Adressen, Fotos von Filialen der Kaffeehauskette Starbucks auf der ganzen Welt. Winter will sie alle besuchen. Es sind mehr als 15.000.

Immer Starbucks nach

Sein Plan ist ein Wahnsinn, das sagt Winter selbst. Es klingt nicht negativ in seinen Ohren. Negativ dagegen klingt alles, was gewöhnlich ist. Darum will der Amerikaner Winter genannt werden und nicht Rafael Antonio Lozano Jr., wie es früher einmal in seinem Pass stand. Und darum verbringt er auch nicht das ganze Jahr in Houston (Texas), wo er gemeldet ist, sondern reist seit 1997 ein paar Monate im Jahr um die Welt.

Immer Starbucks nach. 9708 Kaffeehäuser in 19 Ländern von Taiwan bis Mexiko hat er schon geschafft. Seit zwei Monaten ist er wieder einmal in Europa. In Zürich fehlt Winter nur noch eine der 16 Filialen. Hier, im Store Nummer 2022 am Rennweg, war er schon im vergangenen Jahr. Sein Ziel liegt nur ein paar hundert Meter entfernt: ein Starbucks in der Buchhandlung Orell Füssli. Doch bis er dorthin aufbrechen kann, muss erst der Akku seines Rechners wieder fit werden. Winter zappelt ungeduldig auf dem Holzstuhl herum. Der Jagdtrieb. Er will los.

Winter unterhält den ganzen Laden

In der Wartezeit hackt der 37 Jahre alte Amerikaner auf die Tastatur des Laptops ein: Sein Weblog starbuckseverywhere.net muss aktualisiert werden. Auf der ganzen Welt wollen Menschen wissen, welchen Starbucks er gestern in Freiburg besucht hat, ob er abends noch den Zug nach Basel genommen hat, wie man als Kaffeetrinker dort sitzt. Gleichzeitig beantwortet Winter E-Mails, klickt sich durch endlose Adresslisten, zieht Fotos groß und wieder klein, googelt, wühlt im Rucksack und behält auch noch die Schülerinnen im Blick, die auf dem gemeinsamen Gang zur Toilette verdächtig dicht an seinem Ladekabel vorbeistöckeln. Würde er erzählen, er sei als Kind, wie Obelix in den Zaubertrank, in einen Kessel voll mit besonders starkem Kaffee gefallen: Man müsste ihm glauben. Bestellt hat er hier jedenfalls keinen.

Kaffeeverkäufer Jamal weiß Bescheid: Sein Chef hat schon von Winter gehört und ihm zugeflüstert, wer der seltsame Gast ist. Also ist es in Ordnung, dass da einer sitzt, der nichts isst, nichts trinkt. Dafür unterhält er den ganzen Laden. Winter erzählt viel und laut, zupft am ausgewaschenen „Starbucks“-Shirt herum, wirft die Hände in die Luft und lacht laut los. Die Schülerinnen gucken fasziniert: Obama-Lässigkeit in Zürich! Kein schlechter Botschafter für den Konzern, der die Coolen dieser Welt anlocken will. Aber Winter ist wichtig, dass er nicht von dem Unternehmen bezahlt wird. „Die sind nicht an mir interessiert, und ich will authentisch bleiben“, sagt er und schickt noch einen Kurzvortrag zum Thema Unabhängigkeit hinterher. Dabei könnte er Geld gut gebrauchen: Mehr als 100.000 Dollar hat seine Kaffeefahrt schon verschlungen. 11.771,98 Dollar kosteten ihn allein die Heißgetränke und das Essen.

Wie ein Blitzschlag

Es war seine eigene Idee loszuziehen. Sie kam ihm vor zwölf Jahren, als er in Dallas studierte und eine Starbucks-Filiale ganz in der Nähe seiner Wohnung aufmachte. Winter spielte Schach dort, trank Kaffee, aß Blaubeermuffins und unterhielt sich mit den Baristas. Als sie feststellten, dass immer mehr Läden eröffneten, „traf es mich wie ein Blitzschlag“, sagt Winter. „Ich wollte sie alle sehen.“ Damals gab es allerdings nur etwa 1400 Filialen. Von jeder, die er besucht hat, macht er ein Beweisfoto.

Sein Leben, sagt er, ist durch seine endlose Kaffeefahrt schöner geworden. Nur arbeiten und danach abhängen in Bars - das war einmal. Nie wäre er so viel gereist, hätte so viele Menschen getroffen, so etwas Einzigartiges aus seinem Leben gemacht, wenn es den Starbucks-Blitzschlag nicht gegeben hätte. Doch in letzter Zeit hat Winter auch Sorgen. Ständig schließen wegen der Krise Starbucks-Läden, in denen er noch nicht war. Von Google lässt er sich alle Nachrichten mit den Wörtern „Starbucks“ und „closing“ schicken. Wenn er die Neuigkeit liest, ist es jedoch meist schon zu spät.

„Nicht mein Geschmack.“

Aber Winter gibt nicht auf. Hat seine Arbeit als Programmierer genug Geld abgeworfen, steigt er ins Flugzeug. Was ihm gehört, stopft er in den Rucksack; „mobile lifestyle“ nennt er das. Auch sonst braucht er nur wenig: Nachts schläft er in Acht-Bett-Zimmern heruntergekommener Hostels, weil die mit 15 bis 20 Euro am billigsten sind. Vom 17. bis zum 28. Juli war er in Deutschland, besuchte 63 Starbucks im ganzen Land: „Schlechter Schnitt.“

In Kalifornien habe er mal 29 Läden an einem Tag geschafft. Danach sei ihm allerdings, obwohl er überall nur schwarzen Filterkaffee mit Zucker trinkt, übel gewesen. In Schottland hat er es in diesem Sommer an einem Tag auf immerhin 16 Besuche gebracht. An Frankfurt dagegen denkt er ungern zurück: Im Internet hatte er gelesen, es gebe zwei neue Läden dort. Als er da war, stellte er fest, dass die alten sich nur umbenannt hatten. Außerdem hatte Winter ein Hostel im Rotlichtviertel erwischt: „Nicht mein Geschmack.“

„Starbucking“ und Scrabble

Prag dagegen war nach Winters Geschmack. Ewig hat er Anfang Juli gewartet, bis er die Fotos von einem seiner Lieblings-Starbucks geschossen hat: Es sollten keine Menschen durchs Bild laufen und den Blick auf den prachtvollen Altbau stören. Manchmal kehrt er zurück, um Häuser noch einmal, noch besser zu fotografieren. Manchmal wartet er stundenlang, bis ein Auto wegfährt, das vor dem Eingang parkt. Alles muss stimmen. Winter nimmt es genau. Kurz bevor er endlich zur neuen Zürcher Filiale aufbricht, lädt er sich noch die neuesten Nachrichtenpodcasts auf seinen Ipod.

Und er prüft die Tabelle der besten Scrabble-Spieler Nordamerikas: Er, Winter, belegt Rang 29. Neben dem „Starbucking“ ist das Brettspiel seine zweite Leidenschaft. Doch Winter wird abstürzen in der Tabelle, weil er wegen seiner Reisen Turniere verpasst. „Was soll's!“ Frustriert war er schon oft auf seinen Reisen, wenn etwas schieflief. Ans Aufhören war trotzdem nie zu denken: „Ich mache weiter, solange es geht. Clint Eastwood ist mein Vorbild: alt, aber immer noch im Business.“

Gegenprogramm zur „bösen Kette“

Genug geredet, beschließt Winter: Auf geht's zum neuen Starbucks. Schließlich stehen an diesem Tag auch noch die Filialen in Rapperswil und St. Gallen auf seiner Liste. Den Weg zur Füsslistraße weiß er auswendig, er hat ihn sich eben noch einmal auf der Karte angesehen. Und dann geht alles ganz schnell. Weil Winter die kleine Starbucks-Bar in der Buchhandlung nicht so originell findet, lässt er sich nur einen Probierbecher „Colombia“-Kaffee geben, den er eilig hinunterkippt. Immerhin: eine seiner Lieblingssorten. Ein Ladenfoto von innen und eines von außen, und er ist fertig hier. Winter ist zufrieden: „Und jetzt einen fetten, billigen Burger.“ Das Budget reicht heute nicht für ein landestypisches Restaurant. Sonst ist das sein Gegenprogramm zur „bösen Kette“, wie seine Bekannten Starbucks manchmal nennen. Winter stört sich nicht an denen, die seine Lebensweise nicht verstehen. Er versteht auch nicht, warum beispielsweise manche Leute nach Besitz streben.

Nächste Woche reist Winter weiter nach Spanien. Auch in Amerika hat er erst 6822 von 6859 Filialen besucht, die von Starbucks selbst, nicht von Lizenznehmern, betrieben werden. Die 37 fehlenden hat er mit blauen Punkten auf einer Landkarte markiert. Aber nach Deutschland muss er auch irgendwann noch zurück: Um in die Starbucks im Frankfurter und im Düsseldorfer Flughafen zu gelangen, muss man Fluggast sein. Er komme gerne wieder, sagt er. Früher habe er sogar mal Deutschkurse an der Uni belegt. Doch hängengeblieben ist nur das Wichtigste: „benutzen“, „bezahlen“ und „zum Mitnehmen, bitte“.

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