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Stammzellenforschung Das Pfingstwunder

31.05.2004 ·  So ziemlich alle medizinischen und ethischen Probleme der Stammzellenforschung wollen Forscher aus Lübeck jetzt auf einmal gelöst haben. Doch der Jubel kommt zu früh.

Von Volker Stollorz
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Am Freitag, kurz vor Pfingsten, wurde die "Sensation" auf einer Pressekonferenz und in Pressemitteilungen vorgestellt. Forschungspolitiker feierten sich selbst. Charli Kruse, der Forscher, der aus Bauchspeicheldrüsen weltweit als erster Zellen mit "Eigenschaften pluripotenter adulter Stammzellen" gezüchtet haben will, stand derweil am Freitag weiter im Labor an der Universität Lübeck. Fest im Blick die angeblichen Wunderzellen, die sich ähnlich wie die in Deutschland ethisch umstrittenen embryonalen Stammzellen verhalten sollen. "Man ist der Vision, von jedem Menschen ein Stammzellendepot für spätere Behandlungen im Rahmen der regenerativen Medizin anlegen zu können, einen großen Schritt näher gekommen", erklärte Kruse einer Agentur stolz.

Am Samstag Schlagzeilen allenthalben. Dank deutscher Forscher müßten künftig weltweit keine Embryonen mehr sterben, weil sich die adulten Stammzellen des Dr. Kruse angeblich fast so flexibel zeigen wie jene menschlichen Stammzellen, zu deren Herstellung Embryonen zerstört werden. Auch das an den Forschungen beteiligte Fraunhofer Institut für Biomedizinische Technik in St. Ingbert verkündete, die Bundesrepublik erlange nun eine "Schlüsselposition in der adulten Stammzellforschung".

„Null Evidenz“

Ein Blick auf die bisher verfügbaren Fakten lohnt sich: Das Fachmagazin Applied Physics A, in dem die Daten veröffentlicht wurden - womit nichts gegen Physiker gesagt sein soll -, ist bisher nicht für seine Vorreiterrolle in der Zellbiologie bekannt. Offenbar hat die Arbeit auch keines der üblichen Gutachterverfahren durchlaufen. Eingereicht wurde sie am 2. April, schon einen Tag später akzeptiert. Angeblich mußte das so sein, damit die Ergebnisse nicht in langen Gutachterverfahren in die Hände der Konkurrenz fallen, heißt es aus dem Team. Seltsam auch, daß zunächst vermeldet wurde, ein Patent sei am 1. April erteilt worden. Da erteilte Patente aber sofort öffentlich werden und bisher kein Patent unter Kruses Namen in den Datenbanken zu finden ist, heißt es nun aus Lübeck, das Patent sei zwar erteilt, werde aber erst am 1. Juni veröffentlicht.

Wissenschaft lebt von der Prüfung behaupteter Entdeckungen. Es sollte also von Vorteil sein, sich Begutachtungen zu unterziehen, bevor man Sensationen verkündet. Entsprechend kühl sind die Reaktionen internationaler Experten. Rudolf Jaenisch vom Whitehead Institute in Cambridge etwa fällt ein vernichtendes Urteil: Die Arbeit enthalte "null Evidenz", daß es sich bei den "isolierten Zellen um pluripotente adulte Stammzellen handelt". Da brauche er, sagt Jaenisch, nur auf den Methodenteil zu schauen. Nach schmerzhaften Erfahrungen in der Stammzellforschungsszene gebe es harte Kriterien dafür, wann Zellen als pluripotent gelten dürfen. So müsse bei der Isolierung und Vermehrung von Stammzellen immer von einzelnen Zellen ausgegangen werden, nicht von einem Gemisch aus bis zu 600, wie in der Arbeit beschrieben. Das Papier sei folglich "uninteressant".

Bestenfalls „provokative“ Daten

Catherine Verfaillie von der Universität Minnesota, die selbst seit Jahren versucht, adulte pluripotente Stammzellen aus dem Knochenmark zu isolieren, hält die Daten der Lübecker zwar für "provokativ". Auch sie glaubt aber nicht, daß die Zellen pluripotent sind. Keiner der Versuche zeige eine "funktionale Differenzierung" der gezüchteten Zellinien. Das sei aber gerade beim Pankreas äußerst wichtig: So könne etwa der Nachweis einer Insulinausschüttung auch darauf beruhen, daß das Hormon von den Zellen aus dem Nährmedium aufgenommen werde. Zudem fehlten in der Arbeit Untersuchungen, die die Aktivität von für aktive pluripotente Stammzellen charakteristischen Genen nachwiesen. Verfaillies Fazit: "Wirkliche Pluripotenz" sei keinesfalls gezeigt worden. Auch der entscheidende Test, im Tierversuch einzelne Stammzellen in frühe Embryonen zu bringen und dann zu prüfen, ob die Zellen Gewebe in einem Tier bilden können, fehle bisher. Verfaillie weiß, wovon sie redet. Auch sie hält ein Patent auf jene "Multipotent adult progenitor cells", die sie 2002 in Nature einer staunenden Forschergemeinde vorstellte. Seither versucht sie deren Vielseitigkeit zu belegen. "Bisher ohne Erfolg", wie Jaenisch knapp kommentiert.

Vielleicht war ja wirklich bisher keine Zeit für eine eingehende Prüfung. Der renommierte Münsteraner Stammzellenforscher Hans Schöler hat sich jetzt aber angeblich bereit erklärt, die Zellen eingehend auf ihre Fähigkeiten hin abzuklopfen. Man wird also abwarten müssen. Die schriftliche Bitte dieser Zeitung um einen Kommentar zu der Kritik der Kollegen ließ Kruse bisher unbeantwortet. Der Presserummel fand praktisch ohne den Protagonisten statt, aus dessen Labor jene "organoiden Gewebekörper" stammen, die man angeblich bisher nur bei menschlichen embryonalen Stammzellen gesehen habe. Was Stammzellenforscher Rudolf Jaenisch übrigens auch bestreitet: "Die findet man immer mal wieder."

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 30.05.2004, Nr. 22 / Seite 68
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