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Donnerstag, 09. Februar 2012
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Stadtentwicklung Chemnitz „Das muss alles seine Ordnung haben“

28.12.2009 ·  Mit Abwanderung und Überalterung haben viele Städte zu kämpfen - Chemnitz jedoch esonders. Seit 1980 hat die Stadt fast 80.000 Einwohner verloren. Wer etwas dagegen tun will, bekommt jedoch Steine in den Weg gelegt.

Von Stefan Locke
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Jemand wie Dominik Intelmann ist eine Seltenheit. Vor ein paar Jahren kehrte der Achtundzwanzigjährige nach Chemnitz zurück, in seinen Geburtsort. Dabei kennen die meisten jungen Chemnitzer ihre Heimatstadt nur noch aus der Ferne. Ein paar, die geblieben sind, schrauben an diesem Montagabend hinter großen Schaufenstern an Fahrrädern, ölen Ketten und wechseln Schläuche. Hinten an der Bar gibt es Bionade, Bier und selbstgebackenen Kuchen, ein junger Mann legt Platten auf, zwei andere spielen Tischkicker. Mittendrin steht Intelmann, reicht Werkzeug und gibt Tipps. Es ist kalt, aber doch irgendwie gemütlich.

Die „Offene Fahrradwerkstatt“ ist Intelmanns Idee; jeden Montagabend stellt er sie zur Verfügung und will damit, klar, Räder reparieren, aber vor allem auch das Viertel beleben. „Tonight & forever“ hat er deshalb auf die Schultafel am Eingang geschrieben. Der Slogan klingt hoffnungsvoll, aber auch nach Trotz. Denn der Laden und mit ihm eine ganze Reihe anderer Initiativen, die sich hier unter dem Namen „Experimentelles Karree“, kurz „ExKa“, bündeln, stehen vor dem Aus. Dabei fehlen weder Mitstreiter noch Ideen, ja nicht mal Geld, sondern wohl allein der politische Wille. Doch der Reihe nach.

Es existiert keine Szene

Das ExKa entstand im Sommer vor zwei Jahren aus der spontanen Hausbesetzung einer Gruppe Jugendlicher, die ihre Lebensvorstellungen in der rapide alternden Stadt permanent ignoriert sahen. „Abgesehen von ein paar Yuppie-Clubs im Zentrum gibt es in Chemnitz keine attraktive Jugendkultur“, sagt Intelmann. Es existiert keine Szene, geschweige denn ein Szeneviertel. Die Stadt und die Wohnungsgesellschaft GGG waren von der Aktion so überrascht, dass sie den Akteuren bald ein leerstehendes Haus im Reitbahnviertel südlich des Zentrums zur Nutzung überließen.

An diesem Abend tagt nun direkt neben der Fahrradreparatur ein Krisenkomitee. „ExKa - wie geht's weiter?“ steht über der Zusammenkunft. „Es sieht nicht gut aus“, erläutert Vereinschef Markus Börner den zwanzig Leuten, die ringsum auf Couches und Barhockern sitzen. Ein Beamer wirft Fotos ihrer Aktionen der vergangen Monate an die Wand: Theater- und Pantomimegruppe, Jugendforum, Kunstgalerie, Sonntags-Familienbrunch, Kino und Ausstellungen. „Kann sein, dass wir hier schon bald raus müssen“, sagt Politikstudent Börner, 26; seine Zuhörer schweigen frustriert. Die kommunale Wohnungsgesellschaft GGG will das Haus zurückhaben, jetzt endgültig. Schicke Mietwohnungen sollen dort entstehen. Der übliche Konflikt also, könnte man meinen, doch so üblich ist das in Chemnitz nicht.

Vor allem die Jugend kehrt Chemnitz den Rücken

Denn leerstehende Häuser sind in Chemnitz keine Mangelware, und es tobt auch kein Kampf um die beste Lage. Im Gegenteil: Große Teile der Stadt liegen brach, nicht irgendwo weit draußen, sondern im Zentrum. Seit 1980 hat die Stadt fast 80.000 Einwohner verloren, mehr als zwei Drittel davon gingen nach dem Ende der DDR, als ganze Industriezweige zusammenbrachen. Zurück blieben neben Fabrikbrachen Zehntausende leere Wohnungen, verlassene Läden, verwaiste Schulen. 240.000 Einwohner leben heute noch in der Stadt, Altersdurchschnitt 47 Jahre, Tendenz steigend. Vor allem die Jugend kehrt Chemnitz den Rücken; inzwischen fehlt eine ganze Generation, die wiederum für Nachwuchs sorgen könnte. In keiner anderen deutschen Großstadt ist der Anteil der Kinder und Jugendlichen bis 15 Jahre so gering (10 Prozent) und die Gruppe der Alten über 60 Jahre so groß (33 Prozent).

Auch rings um das ExKa-Haus dominiert eine Ödnis aus verfallenden, vom Krieg verschonten Gründerzeithäusern, sanierungsbedürftigen Nachkriegsbauten, Plattenbau-Blöcken aus den Siebzigern und vielen Brachflächen, die meisten davon im Besitz der GGG. Bis vor wenigen Jahren war die Gegend beinahe völlig verlassen, obwohl sie gerade mal fünf Minuten zu Fuß von der Innenstadt entfernt liegt. Und auch heute hält sich der Zuzug sehr in Grenzen, weshalb sich nicht nur die ExKa-Macher fragen, warum gerade „ihr“ Haus renoviert werden soll, während nebenan jede Menge Brachen bleiben. „Es mangelt in Chemnitz wahrlich nicht an Immobilien, die der GGG gehören und eine Sanierung gut gebrauchen könnten“, sagt auch Karl-Heinz Gerstenberg, Parlamentarischer Geschäftsführer der Grünen im Sächsischen Landtag.

„Einige wollten mal richtig Dampf ablassen“

„Wir wollen die Sanierungsarbeiten in dem Gebiet zum Abschluss bringen“, begründet GGG-Sprecher Erik Escher die Entscheidung. „Das muss alles seine Ordnung haben.“ Im Übrigen habe der Verein „kein realisierbares, sich selbst tragendes Konzept entwickelt“, weshalb er weichen müsse. „Im nächsten Jahr werden wir auf jeden Fall bauen.“ Auch die Stadtverwaltung vermisst Konzepte. „Es fehlt eine klare Aussage des Vereins zu seiner Zukunft“, sagt Baubürgermeisterin Petra Wesseler. Dabei ist die ExKa-Philosophie denkbar einfach: Wer etwas ausprobieren will, kann das unkompliziert und unbürokratisch tun. „Das funktioniert mal besser und mal schlechter“, sagt Börner durchaus selbstkritisch. „Aber alles in allem ist es ein dickes Plus fürs Viertel.“

Das sehen selbst die anfangs skeptischen Nachbarn so. Im Frühjahr gingen die Macher mit ihren Ideen auf die Straße, nannten das ganze „Experimenteller Bürgersteig“ und luden die Anwohner ein. Mehr als 400 Leute kamen, darunter auch Rentner und Familien. „Einige wollten mal richtig Dampf ablassen“, berichtet Intelmann, war doch der Eindruck entstanden, dass sich hier jugendliche Schmarotzer ein schönes Leben machten - laut, schmutzig und linksradikal. Doch die Vorurteile wurden revidiert; der Satz „Ist doch 'ne ganz gute Sache“ sei am Ende häufig zu hören gewesen.

Der Stadtteil soll zusammenwachsen

„Wir sind keine Autonomen, die hier was runterwohnen oder Stress machen wollen“, sagt Börner. Vor einem Jahr beschloss sogar der Stadtrat, das Experimentelle Karree an diesem Standort zu unterstützen; auch Experten loben die Initiative. „Sie setzt dem ewigen Chemnitzer Lamento ,Wenig los, kaum Perspektive, keine Vielfalt' mit einfachen Mitteln viel entgegen“, sagt der Berliner Stadtplaner Tore Dobberstein, der im Auftrag der Stadt für das Viertel ein Entwicklungskonzept erstellte. „Andere Städte würden sich freuen, wenn sie so aktive Leute hätten.“ Und Christine Weiske, Soziologie-Professorin an der TU Chemnitz, hält „die städtebauliche Aufwertung des Stadtteils“ durch den Verein für „offensichtlich“.

Tatsächlich startet Chemnitz zahlreiche Aktionen, um die Innenstadt zu beleben. In einem Faltblatt zum Umbau des Reitbahnviertels formuliert Baubürgermeisterin Wesseler ihre Pläne und bittet um Anregungen der Bürger. So soll der Stadtteil zusammenwachsen, mehr studentisches Leben anziehen und „urbaner, grüner und attraktiver“ werden. „Wir fühlten uns regelrecht aufgerufen, mitzumachen“, sagt Intelmann. Auch deshalb kam er nach vier Semestern Studium aus Leipzig zurück.

„Gerade für Studenten ist unser Angebot attraktiv“

Binnen kurzer Zeit entstand im ExKa-Gebäude, das früher ein Kinderkaufhaus, später einen Drogeriemarkt und dann lange gar nichts mehr beherbergte, eine lockere Atmosphäre, in der sich junge Leute auch jenseits von Projekten trafen. „Gerade für Studenten ist unser Angebot doch attraktiv“, sagt Markus Börner, der deshalb auch den Widerstand von GGG und Stadt nicht versteht. „Eine Kneipe, ein Kino, ein Stadtteilgarten, und alles gleich um die Ecke - das gab es bisher im Viertel nicht.“ Zudem hätten bereits Künstler nach Ateliers, Freiberufler nach Büros und ein Bioladen nach Verkaufsfläche gefragt. „Doch eine Perspektive können wir derzeit niemandem bieten.“

Peter Rohland kennt solche Fälle zur Genüge. „Bürgerbeteiligung am Stadtumbau ist oft nur eine Alibi-Veranstaltung“, sagt der Vorstand im Bundesverband Wohnen und Stadtentwicklung. Kommunen und Wohnungswirtschaft machten meist das Wesentliche unter sich aus und betrachteten engagierte Initiativen als lästiges Übel. Dabei seien gerade sie der Schlüssel zu nachhaltiger Stadtpolitik. „Nur wer sich ernst genommen und einbezogen fühlt, wird auch bleiben“, sagt Rohland, der Schrumpfung und Überalterung keinesfalls nur als Phänomen in Ost-Kommunen sieht. Auch im Ruhrgebiet, im Saarland und in Teilen Niedersachsens gebe es massive Abwanderung. Viele Städte setzten dagegen immer noch auf Wachstum. „Das ist an der Realität vorbei.“ Beim Rückbau sei Bürger-Engagement geradezu essentiell.

Sie unterstütze zwar das ExKa-Projekt, sagt Baubürgermeisterin Petra Wesseler. Aber wenn der Eigentümer nicht zustimme, gebe es keine Lösung. Dabei befindet sich die GGG komplett im Eigentum der Stadt. „Es fehlt ganz klar am politischen Willen“, sagt Professorin Weiske, die „die Schärfe der Ablehnung nicht nachvollziehen“ kann. GGG und Stadt aber verweisen auf eine Ausweichvariante. Die liegt in einem Hinterhof, hat weder Dach noch Decken und ist eine einzige Ruine. Allein die notdürftige Instandsetzung würde laut GGG knapp 1,2 Millionen Euro kosten. „Für uns ist das inakzeptabel“, sagt Börner - nicht nur wegen des Zustands und der Kosten, sondern auch wegen der versteckten Lage. Die ExKa-Macher werten das Angebot als Versuch, sie auf „elegante Art“ loszuwerden, obwohl ihr Engagement auch ökonomisch vorteilhaft ist. Das Magazin „Capital“ etwa analysierte jüngst in einem Immobilien-Spezial über Chemnitz, dass der Verein beitrage, das Viertel attraktiv für Mieter und Vermieter zu machen. „Es wäre doch paradox“, sagt Börner, „wenn wir jetzt schon Ur-Kapitalisten als Kronzeugen für unsere Idee anführen müssten.“

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