Home
http://www.faz.net/-gum-16sz9
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Stadtbegrünung Vertikale Gärten: die grüne Avantgarde

09.06.2010 ·  Der Franzose Patrick Blanc hat die vertikalen Gärten erfunden. Überall auf der Welt hat er sie installiert, sie gelten als wichtigster Impuls in der Diskussion darüber, wie man die Städte des 21. Jahrhunderts begrünen kann.

Von Anke Schipp
Artikel Bilder (4) Lesermeinungen (3)

Irgendwann musste wohl jemand mal auf die Idee kommen. Und vermutlich musste es jemand sein, der in Paris aufgewachsen ist. Einer Stadt, die über prächtige Parks und dekorative Fassaden verfügt, aber einen herben Mangel an Bäumen, Sträuchern, Hecken und Vorgärten aufweist. Als Patrick Blanc klein war und mit seinen Eltern in einer Pariser Etagenwohnung lebte, sehnte er sich nach Grün. Jeden Donnerstag ging er mit seiner Mutter in den Bois de Boulogne, schritt die Bachläufe ab und suchte nach Kaulquappen, die er zu Hause in sein Aquarium setzte. Der etwas seltsame Junge spielte kein Fußball, sondern las Bücher über Wasserpflanzen.

Mit 15 Jahren stieß er in einer deutschen Fachzeitschrift auf einen Bericht über Pflanzen, die in der Lage sind, das Wasser im Aquarium zu reinigen. Er setzte einige Stecklinge des Philodendrons seiner Mutter in den Filter. Nach wenigen Wochen trieben neue Wurzeln im Wasser aus. Voilà! Es war das erste geglückte Experiment des späteren Forschers, das bewies: Pflanzen brauchen Wasser, aber keine Erde. Das war 1968. Knapp zwanzig Jahre später entwickelte er ein Patent, das es ermöglicht, prachtvolle Gärten zu gestalten, die nicht Fläche fressen, sondern in die Höhe gehen - und ganz ohne Erde auskommen.

Ein Stück Regenwald mitten in Paris

Heute gelten die vertikalen Gärten von Patrick Blanc, die er überall auf der Welt installiert hat, als der wichtigste Impuls in der Diskussion darüber, wie man die Städte des 21. Jahrhunderts begrünen kann. Seine bepflanzten Wände wirken dabei nicht wie gut gepflegte Vorgärten, sondern wild und natürlich - so, als habe sich in einer typischen Pariser Avenue ein Stück Regenwald breitgemacht. Seine „Murs Végétaux“, wie er die grünen Wände nennt, haben zahlreiche internationale Architekten inspiriert und werden aufwendig für Hochglanzbildbände fotografiert („Vertikale Gärten“, DVA-Verlag, 2007).

Noch hat man sich nicht entschieden, ob man sie als urbane Kunstform definieren soll oder als botanisches Wunder. Oder als einen Trend, der in eine Zeit passt, in der grünes Denken zum urbanen Leben gehört und Mode und Design zunehmend von dem Wunsch nach Nachhaltigkeit geprägt sind.

Überall in der Welt, auch in Deutschland

Gut fünfzig Projekte haben Blanc und sein Team in vielen Städten der Welt realisiert. In Deutschland gibt es bislang nur zwei verhältnismäßig kleine Blanc-Wände an der Fassade des Berliner Kaufhauses Galeries Lafayette und im Pressecenter der Frankfurter Messe. Derzeit ist außerdem im Rahmen der Ausstellung „Stadt-Grün“ im Frankfurter Palmengarten eine Mini-Wand von Blanc installiert worden - sozusagen als Vorgeschmack, denn Matthias Jenny, Direktor des Palmengartens, plant zusammen mit Blanc die längste vertikale Wand der Welt, die mit 1,3 Kilometern Länge an der nordwestlichen Außenseite des Palmengartens entstehen soll. Jenny hebt den ökologischen Wert des Projekts hervor, das an einer vielbefahrenen Straße realisiert wird: „Die vertikale Wand produziert Sauerstoff und schluckt CO2.“ Er will mit Hilfe von Spenden das gut 2,5 Millionen Euro teure Projekt verwirklichen.

Die Planung eines vertikalen Gartens kann kompliziert sein. Allein für die 25 Meter hohe Außenwand des Caixa-Forums in Madrid hat Blanc 250 verschiedene Arten verwendet, insgesamt 2500 Pflanzen, von der Zwergkonifere bis zu mediterranen Kräutern wie Salbei und Rosmarin. Grundsätzlich gilt: Je wärmer die Umgebung, desto artenreicher kann ein vertikaler Garten gestaltet werden. Blanc kann dann auch jene Pflanzen verwenden, die er auf seinen zahlreichen Exkursionen in tropische Regenwälder findet, wo er im Unterholz nach neuen Arten sucht, die ohne Sonnenlicht auskommen, oder wenn er sich an Kliffs und Höhlen entlanghangelt, um Rankpflanzen zu entdecken, die nichts als Wasser und Licht brauchen. Die dürften allerdings wenig geeignet sein für Pflanzenwände weit nördlich des Äquators.

Natürliche Veränderungen als Teil des Konzepts

Die Wand am Frankfurter Palmengarten muss mit winterharten Sorten vorliebnehmen, die auch den deutschen Frost überstehen. Dem Mur Végétal an der Berliner Friedrichstraße, der im Mai 2008 installiert wurde, haben die schweren Winter bislang nichts anhaben können - ohne dass er besonders gepflegt oder geschützt werden müsste. Auch das ist ein Phänomen der vertikalen Gärten.

Ende der siebziger Jahre entwickelte Blanc eine Idee, die bis heute Grundlage seiner Gärten ist: Er versuchte die synthetischen Vliese, die normalerweise zur Feuchthaltung der Pflanzentöpfe in Anzuchtbeeten ausliegen, vertikal zu verwenden. Es glückte. Das Vlies, das an ein Metallgerüst in einigem Abstand zur Grundmauer angebracht wird, ist das Substrat, auf dem die Wurzeln Halt finden. Wasser und Nährstoffe rieseln aus einem Kunststoffschlauch, der am oberen Ende des Pflanzengestells installiert ist. Mittels Zeitschaltuhr regnet es nach einem exakt berechneten Gießplan. Natürliche Veränderungen sind Teil des Konzeptes: Die Schwertlilien, die an einer Pariser Häuserwand vertrockneten, wurden nicht ersetzt, sondern belassen, weil Blanc das neue strohfarbene Element gefiel.

Inspiration für bekannte Architekten

Blanc, der mittlerweile im Hauptberuf Botaniker an der Pariser Eliteuniversität Centre National de la Recherche Scientifique ist, hat mit seiner Idee des vertikalen Gartens eine ganze Reihe von großen Architekten inspiriert, die durch die Integration solcher Gärten in ihre Entwürfe zu einem neuen Formenvokabular gefunden haben. Doch während bei Blanc die Wände Mini-Ökosysteme sind, die wild und kraftvoll einen Gegenentwurf zur glatten Architektur aus Stein oder Glas bilden und deren Bewuchs sich mitunter munter verselbständigt, gibt es zahlreiche Projekte, die den vertikalen Garten als Teil der Architektur sehen, wie das Beispiel des Prada Aoyama Epicenters in Tokio zeigt.

Der gläserne Flagshipstore des Mailänder Modekonzerns wurde vom Baseler Architekturbüro Herzog & de Meuron geplant und ist mit einer Steinmauer umgeben, die mit einer feinen Moosschicht bewachsen ist, welche sich wiederum in den konkaven und konvexen Fenstern des Glasturms spiegelt. Zur grünen Avantgarde gehört auch der Flagshipstore der belgischen Designerin Ann Demeulemeester in Seoul, der von dem koreanischen Architektenteam Mass Studies entwickelt wurde und innen wie außen fast komplett bewachsene Wände präsentiert. Es soll eine Synthese aus Natur und Künstlichkeit sein, „eine Verschmelzung, keine Konfrontation“, wie die beiden Architekten Minsuk Cho und Kisu Park hervorheben.

Lebende Tapeten für Großraumbüros

Als lebende Tapeten sieht Andreas Schmidt seine Greenwalls, die sich idealerweise in das Gesamtbild der Architektur einfügen sollen. Der Chef des Münchner Planungsbüros „Indoorlandscaping“, das sich als „Agency for new green strategies“ versteht und überwiegend Innenwände begrünt, sieht die Begrünung als ästhetisches Element. Schmidt ist durch Zufall auf das Thema gekommen, als vor sechs Jahren die Hypo-Vereinsbank in München mit dem Wunsch an ihn herantrat, bepflanzte Wände für die Konferenzräume zu entwickeln. Später setzte er mit seinem Team, zu dem auch ein Gartenbauarchitekt gehört, für das Architekturbüro Herzog & de Meuron die hängenden Gärten der Einkaufspassage Fünf Höfe in München um und bepflanzte Wände einer Sparkasse in Ingolstadt. Seit 2006 hat das Büro an die fünfzig Projekte realisiert. Anders als Blanc arbeiten sie bei den patentierten Greenwalls mit einem künstlichen Schaum, in den die Pflanzen gesetzt werden.

Es geht dabei nicht nur um Ästhetik: „Die Wände sorgen auch für eine hohe Luftfeuchtigkeit, sie sind daher bestens für Großraumbüros geeignet, in denen die Mitarbeiter oft unter der trockenen Luft leiden.“ Normalerweise herrscht in Innenräumen eine Luftfeuchtigkeit von 20 bis 25 Prozent. „Mit unseren Wänden können wir den Wert verdoppeln. Das lässt sich genau berechnen“, sagt Schmidt. Er glaubt, dass die vertikalen Gärten innen und außen in Zukunft an Bedeutung gewinnen. Das zeigt sich auch daran, dass es immer mehr Anbieter gibt, die immer neue Systeme für die ausgefeilte Hydrokultur anbieten. Und daran, dass der Markt noch Potential hat - auch bei privaten Nutzern (siehe unten).

Nicht zuletzt wollen Institutionen wie Banken, Versicherungen oder Modehäuser mit den vertikalen Gärten ihr Image aufpolieren und einen bewussten Umgang mit der Natur demonstrieren. Als Beweis dafür, der Nachhaltigkeit verpflichtet zu sein - auch wenn sich das Installieren einer grünen Wand im Kern kaum vom Aufstellen diverser Pflanzenkübel unterscheidet. Aber die Anmutung ist eben doch eine andere: Eine grüne Wand im Foyer einer Bank, in dem sonst nur graue Geldautomaten und Kontoauszugsdrucker stehen, sieht nicht nur schön aus, sie wirkt wie ein frische Brise im Alltagsgrau. Oder wie ein Sommertag mitten im Herbst. Oder wie ein kurzer Ausflug mit Patrick Blanc in den Regenwald des Amazonas.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1966, Redakteurin im Ressort „Gesellschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

Jüngste Beiträge