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Sprachpflege : Hans Allesgut gesucht

Der Computer ist kein Computer, sondern ein ordinateur. In Frankreich finden einige Neuschöpfungen den Eingang in die Alltagssprache. Deutsche Sprachpfleger haben es dagegen schwerer. Worte wie „Prallkissen“ oder „Hingeher“ wollen sich partout nicht etablieren.

          Der Computer ist in Frankreich kein Computer, sondern ein ordinateur, wer chattet, führt einen dialogue en ligne, und Robin Hood kommt nicht aus der Nachbarschaft (engl. hood), sondern aus dem Wald (franz. bois) und heißt logischerweise Robin des Bois. Seit Beginn dieses Jahres soll auch das touch pad, das die Maus auf Laptops steuert, kein touch pad mehr sein, sondern ein pavé tactile.

          Thomas Thiel

          Redakteur im Feuilleton.

          Das ist zumindest der Wille der Commission de terminologie et néologie, einer dem Wirtschaftsministerium unterstellten Arbeitsgruppe, die seit dem Jahr 1996 regelmäßig Listen mit Neuschöpfungen herausgibt. Sie sollen der Erweiterung und Bereicherung der französischen Sprache dienen und in der Praxis zumeist Ersatzwörter für Anglizismen anempfehlen.

          Mischung aus Ironie und Sympathie

          Von einem „Unsterblichen“ der Académie française geleitet und mit Professoren, Schriftstellern und Mitgliedern bedeutender Institutionen besetzt, ist die Commission eine Einrichtung, deren Vorschläge Gewicht haben. Sie stützt die fast fünfhundert Jahre alte Tradition der konservativen französischen Sprachpolitik. Zwar zog das „loi toubon“ des Jahres 1994, das die Verwendung von Anglizismen in offiziellen Kontexten verbot, Spott auf sich und brachte dem namengebenden Kulturminister Jacques Toubon (was in freier Übersetzung so viel wie „alles gut“ bedeutet) den Spitznamen Jack Allgood ein.

          Bild: F.A.Z.

          Auch mussten die rigorosen Bestimmungen auf Intervention des Verfassungsrates gemildert werden. Doch einige der Neuschöpfungen, vor allem auf dem Gebiet der Informationstechnik, fanden Eingang in die Alltagssprache. Ganz umstandslos verwendet der Franzose etwa logiciel für Software und matériel für Hardware. Dem staatlichen Diktierwillen begegnet er mit einer Mischung aus Ironie und Sympathie, während ihn die deutsche Presse fast durchweg mit Hohn bedachte.

          „Prallkissen“ und „Hingeher“

          Deutsche Sprachpfleger haben es daher schwerer. Zwar gibt es Organisationen wie den „Verein Deutsche Sprache“ oder die „Aktion Lebendiges Deutsch“, die sich um eine kreative Erweiterung des deutschen Wortschatzes bemühen und das Eindringen englischer Ausdrücke mit regelmäßig aktualisierten Anglizismenlisten beantworten. Doch ihre Autorität ist nicht staatlich gestützt und die Möglichkeit zur Einflussnahme entsprechend gering.

          Wer weiß schon, dass man statt Airbag eigentlich „Prallkissen“ und anstelle von „event“ „Hingeher“ sagen sollte? Und wer von denen, die es wüssten, würde es auch tun? Es herrscht nicht nur ein Wissensdefizit über andere Möglichkeiten, sondern auch eine gewisse Skepsis gegenüber der Coolness und Leistungsfähigkeit der eigenen Sprache.

          Viele Fragezeichen

          Worauf kann sich also die aktuelle Initiative von Unionspolitikern stützen, die vom Staat fordern, er solle dafür sorgen, dass „in Bahnhöfen und Flughäfen, bei Betriebsanleitungen und Gesetzestexten“ allein die Kenntnis der deutschen Sprache ausreicht, um Stimmen und Texte zu verstehen? Ist es ein Vorstoß, dem die passenden Ersatzausdrücke fehlen werden, weil man sich nicht wie der französische Nachbar unter jahrelanger staatlicher Obhut darum bemüht hat?

          Ein Vergleich stellt die Empfehlungen der Commission de terminologie et néologie der vergangenen Jahre und Vorschläge der Aktion Lebendiges Deutsch nebeneinander. Auf deutscher Seite finden sich, kaum wundert es, viele Fragezeichen.

          Quelle: F.A.Z., 22.03.2007, Nr. 69 / Seite 9

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