http://www.faz.net/-gum-7qzs6

Sprache im Wandel : Präposition überbewertet

  • Aktualisiert am

Frosch springt See – Trinkst Milch? – Hund hinkt – so läuft das bald. Bild: dpa

An manchen Schulen sind Sätze wie „Gehst du Bus?“ oder „Hast du Locher?“ längst gang und gäbe. In der Zukunft könnten alle Menschen in Deutschland so reden, sagen Sprachforscher.

          Der neue Sprachtrend bei Jugendlichen klingt noch gewöhnungsbedürftig. „Ich komm mit Fahrradmahrrad“ oder „Ich bring Colamola“. Das heißt so viel wie: Irgendwie komme ich wahrscheinlich mit dem Fahrrad. Und ich bringe dann auch Cola mit. Das sagt Heike Wiese, Sprachwissenschaftlerin an der Universität Potsdam. Ihre Germanistik-Studenten haben Heranwachsenden in türkisch geprägten Stadtvierteln Berlins diese Sätze abgelauscht. Das spielerische Wiederholen eines Wortes mit einem „m“ davor habe seinen Ursprung im Türkischen, ergänzt Wiese. Ihrer Ansicht nach waren die Jugendlichen in Berlins Migrantenvierteln wie Kreuzberg und Wedding sprachlich damit wieder einmal sehr kreativ.

          Die Meinungen über das „Kiezdeutsch“, das bei mehrsprachigen Jugendlichen besonders dynamisch und wandlungsfähig ist, gehen aber noch immer weit auseinander. Als Wiese vor zwei Jahren ein Buch zur Dialektgrammatik in Kreuzberg veröffentlichte und Sätze wie „Machst du rote Ampel?“ nicht verwerflich, sondern eher innovativ fand, kochte die Volksseele hoch. Gelegt haben sich die Anfeindungen immer noch nicht ganz, berichtet sie. „Sprache ist wohl einer der wenigen Bereiche, in dem man noch offen rassistisch sein kann“, sagt sie in Bezug auf Bezeichnungen wie „Türken-“ oder „Getto-Deutsch“.

          Dabei hat Kiezdeutsch weder in Berlin noch in anderen deutschen Städten gleich etwas mit Migration zu tun. Das hat die Berliner Soziolinguistin Diana Marossek in ihrer Doktorarbeit belegt, die nun für den Deutschen Studienpreis nominiert ist. Marossek, die in Berlin einen Kinderbuchverlag leitet, war für ihre Arbeit ein Jahr lang in 30 Berliner Schulen zu Gast. Als Referendarin getarnt saß sie im hinteren Bereich des Klassenzimmers. Von ihrer Sprachforschung ahnten die Schüler freilich nichts.

          „Kommst du mit Klo?“

          In allen Berliner Bezirken hörte die Doktorandin zu, wie insgesamt rund 1400 Acht- und Zehntklässler miteinander redeten. Sie notierte zum Beispiel, wie oft Jugendliche deutscher Muttersprache „zum“ oder „beim“ wegließen. Ob im tiefbürgerlichen Zehlendorf oder in den Migrantenvierteln Neuköllns – sie fand keine großen Unterschiede. Überall fielen Sätze wie „Kommst du mit Klo?“ oder „Ich war Fußball“. „Auf das Thema Kiezdeutsch bin ich gekommen, als ich gehört habe, wie seltsam meine jüngere Schwester und ihre Freunde miteinander geredet haben“, erinnert sich die Linguistin. „Heute weiß ich, dass es auch die Sprache von Schülern ohne Migrationshintergrund ist.“

          Nur von türkischen Klassenkameraden hätten diese Jugendlichen ihr Kiezdeutsch dabei nicht abgekupfert, sagt Marossek. Denn auch die „Berliner Schnauze“ liebe das Verkürzen und Weglassen von Artikeln und Präpositionen. „Auf Schicht sein“ kennt aber auch das Ruhrgebiets-Deutsch. Dort sind Grammatik-Konstruktionen wie „Tu ma die Mama winken“ oder „Meine Oma ihre Tasche“ nicht nur ein Fall fürs Kabarett. Nach Marosseks Ansicht hätten sich zwei ähnliche Trends, nämlich einerseits die deutsche Dialektgrammatik und andererseits die Übernahme aus der Muttersprache von Migranten, gefunden und verbunden.

          „Ich bin Zoo“ sagen auch Akademiker

          „Kiezdeutsch verstärkt, was ohnehin schon da war“, sagt auch Forscherin Heike Wiese. Im gesprochenen Deutsch gebe es schon seit langem den Trend, Artikel und Präpositionen zu verkürzen oder wegzulassen. „Darüber haben sich die Leute schon in den 1930er Jahren aufgeregt“, sagt sie. Gebremst hätte das die Entwicklung nicht. Und mit dem Bildungshintergrund habe es auch nichts zu tun. Haltestellen-Sprache wie „Ich bin jetzt Zoo“ brüllen in der U-Bahn und S-Bahn auch Akademiker ungeniert in ihr Handy.

          Heike Wiese geht davon aus, dass der Einfluss des Türkischen auf das Deutsche weit geringer ausfällt als umgekehrt. Wissenschaftler beobachteten seit einer Weile, dass sich in Deutschland das Türkische stark verändert. Es übernehme deutsche Ausdrücke und auch Konstruktionen aus der deutschen Grammatik, sagt Wiese. Diana Marossek geht davon aus, dass Sätze wie „Gehst du Bus oder bist du mit Auto?“ in Zukunft zum allgemeinen Sprachgebrauch gehören werden.

          Heike Wiese glaubt, Kiezdeutsch werde gelegentlich von Jugendlichen auch zur Provokation genutzt. Die Schüler wüssten meist genau, wie ein Satz in korrektem Deutsch laute. Das glaubt Diana Marossek nicht. „Am Gymnasium ja, aber an anderen Schulen war ich mir da nicht immer sicher“, sagt sie. Selbst Lehrer, die sich zuerst über Kiezdeutsch amüsierten, hätten später unwillkürlich Artikel weggelassen. Als der Schüler sagte: „Ich brauche Locher“, antwortete die Lehrerin knapp: „Ist Locher nicht vorne drin?“

          Quelle: DPA

          Weitere Themen

          Berlins letzte Fluchttunnel Video-Seite öffnen

          Wiederentdeckt : Berlins letzte Fluchttunnel

          Als 1961 die Berliner Mauer über Nacht gebaut wurde, war die Flucht aus der DDR schlagartig schwieriger geworden. Trotzdem versuchten Fluchthelfer den DDR-Flüchtlingen einen Weg nach West-Berlin zu öffnen – durch selbst gegrabene Tunnel. Zu Beginn auch noch mit Erfolg.

          Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.