http://www.faz.net/-gum-pk15

Spiel : „In dieser Welt herrschen andere Gesetze“

  • Aktualisiert am

„Playmobil Fun-Park” im fränkischen Zirndorf Bild:

Mehr als nur Spielzeug? Sie standen in den Kinderzimmern mehrerer Generationen und waren pädagogisch wertvoll. Der Soziologe Christian Haug zum 30. Geburtstag der Playmobil-Figuren.

          Ihr Taufname lautet eigentlich „Klickies“. Doch berühmt wurden die 7,5 Zentimeter hohen Plastikfiguren, die in diesem Jahr 30. Geburtstag feiern, unter dem Künstlernamen „Playmobil“. 1,7 Milliarden Figuren bevölkern heute Kinderzimmer auf der ganzen Welt.

          Dank der Männchen mit dem Dauerlächeln wurde aus Geobra, einem mittelständischen Unternehmen in Franken, einer der größten Spielwarenhersteller Deutschlands. Bildende Künstler setzen sich schon lange mit den Figuren auseinander. Nun hat Christian Haug, Student der Soziologie an der Universität Freiburg, seine Magisterarbeit über „Innovation und Deutung der Playmobil-Figur“ vorgelegt. Der Autor Florian Illies hat Playmobil als „Schlüsselerlebnis“ und „das Wichtigste, was unserer Generation passiert ist“, beschrieben.

          Sie als Soziologe bezeichnen die Figuren als telling things. Was erzählen sie uns denn?

          Sie können jede Menge erklären: zum Beispiel, wie Innovationen funktionieren. Aber sie erzählen auch Geschichten darüber, was ganze Generationen mit den Figürchen angestellt haben und wie Menschen generell mit ihren Sachen umgehen. Nämlich in der Regel ziemlich unsachlich.

          Anfang der Siebziger war die Spielzeugwelt schon vollständig. Es gab Barbie für die Mädchen und Lego für die Jungen. Wie kam man dann noch auf die Playmobil-Idee?

          Eigentlich wollte man 1971 nur eine ganz einfache Figur als Zubehör zu einem Spielzeugauto entwickeln. Doch die Figur war zu groß für das Auto und verschwand erst einmal in der Entwicklungsschublade. Daß sie da wieder rauskam, lag an der Ölkrise von 1974: Für die kleinen Figuren brauchte man nicht soviel teures Plastik.

          Der Erfinder Hans Beck wollte eine völlig neutrale Figur schaffen. Aber Playmobil-Figuren sind doch definitiv Männchen, oder?

          Damals sahen sie vielleicht so aus. Heute gibt es auch Playmobil-Frauen mit recht eindeutigen Formen. Aber gedacht waren die Figuren ursprünglich als Kinder vor der Pubertät, das sieht man auch am zierlichen Körperbau.

          Andererseits stehen die Figuren doch mitten im Berufsleben: als Piraten, Müllmänner und Raumfahrer. Das sind doch keine Kinder mehr!

          Das ist das Playmobil-Paradox: Kinder, die erwachsene Dinge tun. Genau das wollte Hans Beck. Daß diese „Kinder“ 1981 dann selbst Kinder bekommen haben, machte die Sache natürlich etwas kompliziert. Aber in der Spielzeugwelt herrschen eben andere Gesetze.

          Bauarbeiterfiguren mit Bierkästen und Cowboys, die auf Indianer schießen, sind ja ziemlich realitätsnahe Akteure. Aber sind sie auch pädagogisch wertvoll?

          Sie wurden auf jeden Fall mehrfach als pädagogisch wertvoll prämiert - gerade wegen der Realitätsnähe. Und in der Realität kann man sich ja auch vorstellen, daß ein Bauarbeiter ein Bier trinkt und ein zweiter ihn ermahnt: „Das ist jetzt schon dein drittes!“ Worauf der erste antwortet: „Macht nix, ist noch genug da.“ Genauso sah eine frühe Playmobil-Werbung aus - was dem Bundesfamilienministerium dann aber doch entschieden zu realistisch war.

          Und können Sie auch die Rotkäppchen-Frage beantworten? Warum haben die Playmobil-Figuren nur so große Köpfe?

          Plastikkäppchens Antwort: Damit du mich besser liebhaben kannst! Es ist das klassische Kindchenschema: Beck hat den Kopf so groß und kugelig gemacht, weil Kinder, wenn sie Personen zeichnen, Köpfe genau so, als hervorstechendstes Körpermerkmal, malen. Er wollte, daß sich die Kinder mit den Figuren identifizieren. Daß das auch Erwachsene tun, zeigt, wie gut die Figuren funktionieren.

          Sie bezeichnen die Figuren in Ihrer Arbeit als soziale Chamäleons . . .

          Mit ein paar Accessoires können sie alles darstellen, vom Ritter bis zur OP-Schwester. Sie haben keine Identität, sie sind Rollen. Das klappt nur, weil sie neutral sind: Projektionsflächen, die hinter den Phantasien des Betrachters verschwinden wie die Leinwand hinter dem Film.

          Der Germanist Rüdiger Steinlein nannte die Männchen 1977 heimliche Erzieher. Leisten die Männchen wirklich Beihilfe zur Einübung in die Klassengesellschaft?

          Steinlein sah die Männchen als trojanische Pferde der kapitalistischen Ideologie. Er überschätzte aber die Eindeutigkeit der Dinge und unterschätzte den Eigensinn der „Opfer“. Menschen geben den Dingen selbst Bedeutungen und benutzen sie selten im Sinne des Erfinders. Kinder schon gar nicht. Die haben überhaupt kein Problem damit, die gesellschaftlich festgelegten Rollen einfach umzudrehen und zum Beispiel Playmobil-Polizisten ins Gefängnis zu sperren . . .

          Wie viele Playmobil-Figuren besitzen Sie denn?

          Da müßte ich bei meinen Eltern auf dem Dachboden nachschauen.

          Und was haben Ihre Professoren zu dem Thema gesagt?

          Die waren von Anfang an begeistert und haben mich ermutigt. Es handelt sich ja um eine Fallstudie zu technischer Innovation - nur der Gegenstand ist etwas ungewöhnlich. Irritationen gab es eher bei meinen Kommilitonen. Einige haben mir nicht geglaubt, daß ich es ernst meine.

          Und wann fangen Sie bei Playmobil als Produktmanager an?

          Bisher hat niemand bei mir angerufen.

          Weitere Themen

          So gut wie möglich

          „F.A.Z.-Leser helfen“ : So gut wie möglich

          Dem Baby Liah sind nur wenige Monate Leben vergönnt. Die Familie verbringt sie mit ihr intensiv. Ohne Hilfe hätte sie das nicht geschafft.

          Topmeldungen

          Hohe Spritpreise : Benzindiebe gehen um in Deutschland

          Die hohen Benzinpreise sind nicht nur an der Tankstelle ärgerlich – es wird auch lukrativer, Sprit zu klauen. Die Polizei warnt inzwischen vor Benzindiebstählen in ungekanntem Ausmaß. Bei den Ermittlungen sind die Beamten meist machtlos.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.