14.11.2005 · Die britische Regierung geht gegen Alkoholexzesse vor und hebt die Sperrstunde in den Pubs auf. Man erhofft sich von den längeren Öffnungszeiten einen Rückgang des in Mode gekommenen übermäßigen Trinkens.
Von Claudia Bröll, LondonIn einer Nacht nahm die 20 Jahre alte Jessica Royston mehr Alkohol zu sich, als für eine Frau in einer Zeit von zwei Wochen unbedenklich ist. Nach 40 Schnapsgläsern Wodka war die Modestudentin aber längst nicht fertig. „Die Party geht bei mir zu Hause weiter“, sagt sie in einem Fernsehbeitrag, den die BBC vor einiger Zeit ausgestrahlt hat.
Für viele Briten ist exzessives Trinken ein Volkssport - in einem so gravierenden Ausmaß, daß es nicht mehr nur Polizisten und Gaststättenbesitzer beschäftigt. Premierminister Tony Blair hat das sogenannte Binge-Drinking im Mai als „neue britische Krankheit“ bezeichnet. Seine Regierung will den Briten jetzt beibringen, zivilisierter zu trinken, so wie es - vermeintlich - auf dem europäischen Festland in Ländern wie Italien, Frankreich oder Spanien üblich ist.
Blair rüttelt an der britischen Tradition
Dafür rüttelt Blair an einer britischen Tradition: der Sperrstunde für Pubs um 23 Uhr. Vom 24. November an dürfen die Bierlokale rund um die Uhr ausschenken. Der Gongschlag zur „letzten Runde“ kurz vor 23 Uhr, bei der noch schnell mehrere Pint bestellt werden, gehört dann der Vergangenheit an. Die meisten Pubs wollen von der Freigabe Gebrauch machen.
Im Gesundheitsministerium erhofft man sich von den längeren Öffnungszeiten, daß sich Gaststättenbesucher nicht mehr in kürzester Zeit große Mengen Alkohol einverleiben. Außerdem sollen Schlägereien an Kebab-Buden und Taxi-Ständen eingedämmt werden. Häufig kommt es zu Ausschreitungen, wenn alle Pubbesucher gleichzeitig das Lokal verlassen.
Mehr Alkohol als Mediziner für unbedenklich halten
In vielen britischen Städten gehören torkelnde Männer und Frauen an einem Freitag- oder Samstagabend zum Straßenbild. Jugendliche sitzen mit Alcopops und Bierflaschen in Bussen und U-Bahnen. Auch vor hohen Preisen schrecken Briten nicht zurück. Champagner bestellen sie oft flaschenweise.
Nach einer Umfrage der privaten Krankenversicherung Bupa trinkt fast die Hälfte der britischen Männer im Alter unter 25 Jahren übermäßig viel, wenn sie ausgehen. Unter den Frauen ist es gut jede dritte. Ein Viertel genehmigt sich doppelt soviel, wie Mediziner für unbedenklich halten.
Die Trinkeskapaden kosten den Staat Milliarden
Die meisten Teilnehmer an der Umfrage gaben zu, den Überblick zu verlieren, wieviel sie an einem Abend konsumieren, viele glaubten, daß sie keine gesundheitlichen Folgen zu befürchten haben. Einer von sechs Befragten gestand ein, daß er einmal im Jahr nach einer durchzechten Nacht im Büro fehle, manche auch fünfmal. Binge-Drinking beginnt aus Sicht des britischen Gesundheitsministeriums mit dem schnellen Genuß von mehr als drei Gläsern Wein bei Frauen und mehr als vier Gläsern Bier bei Männern.
Die Trinkeskapaden schlagen auch in den allgemeinen Budgets zu Buche. Schätzungen zufolge gibt das staatliche Gesundheitssystem 1,7 Milliarden Pfund (2,6 Milliarden Euro) aus, um die gesundheitlichen Folgen des Alkoholkonsums zu behandeln. Die Kosten alkoholbedingter Verbrechen und Übergriffe werden mit 7,3 Milliarden Pfund (elf Milliarden Euro) im Jahr angegeben.
„Wodka und Red Bull im Eimer für zehn Pfund“
In Newcastle, der berühmt-berüchtigten „Partystadt“ im Nordosten Englands, greift die Polizei schon seit einigen Monaten härter durch. „Die Party ist vorbei“, lautet die Losung, nachdem die Beamten im Jahr zuvor 8.000 Menschen wegen alkoholbedingter Übergriffe festgenommen hatten. Das waren mehr als 150 an jedem Wochenende. Nicht nur nehmen sich die Polizisten jetzt jeden zur Brust, der auf der Straße trinkt, uriniert oder gewalttätig wird.
Sie appellieren auch an Gaststätten, auf Lockangebote wie „Wodka und Red Bull im Eimer für zehn Pfund“ zu verzichten. Zudem wurde eine Kampagne mit Plakaten und Anzeigen lanciert. Das zeigt Wirkung. Innerhalb von vier Monaten ist die Zahl der Festnahmen wegen ungehörigen Verhaltens in der Öffentlichkeit um 72 Prozent gegenüber dem Vorjahr gestiegen, die Zahl der Festnahmen wegen Trunkenheit legte um 31 Prozent zu. Gleichzeitig kam es zu weniger Gewalttaten.
Trinkverhalten ändert sich nicht über Nacht
Ob die Freigabe der Öffnungszeiten ihr Ziel erreicht, ist heftig umstritten. In der Bupa-Umfrage meinten immerhin 27 Prozent der Befragten, daß sie eher mehr als weniger trinken werden. „Wir können nicht erkennen, wie längere Öffnungszeiten besonders junge Menschen vom Trinken abhalten“, sagt ein Sprecher der Kirche von England. Charles Harris, Mitglied des „Council of Her Majesty's Circuit Judges“ - eines Richter-Rates -, gibt zu bedenken, daß sich das Trinkverhalten nicht über Nacht ändern könne.
„Das Trinken wie auf dem Kontinent erfordert Leute, die ruhig an Kaffeetischen sitzen und sich nicht in überfüllten Bars anschreien und literweise Bier hinunterkippen.“ Die Zeitung „Guardian“ hat in Anspielung auf das von der Regierung propagierte „Trinken wie auf dem Kontinent“ eine Karikatur veröffentlicht, auf der volltrunkene Briten in Union-Jack-T-Shirts zu sehen sind. Einer übergibt sich in einen Blumentopf, der andere bestellt mit spitzem Mund „noch ein Glas Chateau Popskull mon ami“.
Bald auch Alkoholverbot in Bussen und Bahnen
Auch Historiker haben sich in die Debatte eingeschaltet. Aus ihrer Sicht handelt es sich beim Binge-Drinking keinesfalls um ein neues Phänomen. Schon in Schriftstücken aus dem 19. Jahrhundert fänden sich Klagen über wankende Frauen und Männer und Straßenkämpfe der barbarischsten Art. Die Zecherei gehöre wohl zu den britischen Gepflogenheiten - ebenso wie Cricket oder gebackene Bohnen zum Frühstück.
Doch die britische Regierung gibt nicht nach. Vor kurzem wurden Pläne bekannt, nach denen der Alkoholkonsum in Bussen und Bahnen verboten werden soll. Großen Erfolg verspricht man sich allerdings auch davon nicht. „Wir nehmen regelmäßig alkoholische Getränke aus dem Supermarkt mit in den Bus, damit wir in Stimmung sind, bevor wir in teure Bars und Clubs gehen“, lautete der Kommentar eines Studenten im Internet. Und das, obwohl er, wie er schreibt, davon ausgeht, daß Alkoholkonsum in Bussen und Bahnen schon längst verboten sei.
Spiegel?
Reinhard Bauer (HardyB)
- 14.11.2005, 01:36 Uhr
berühmt-berüchtigt ist Newcastle wirklich...
markus henrich (emigrant_henry)
- 14.11.2005, 21:47 Uhr
Die Last Orders haben Nachteile...
markus henrich (emigrant_henry)
- 14.11.2005, 22:11 Uhr