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Spendenbereitschaft : „Bei Afrika manchmal Müdigkeit“

  • -Aktualisiert am

Am Ziel: Hungerflüchtlinge warten am Rande des Lagers Daadab in Kenia an der Grenze zu Somalia Bild: Helmut Fricke

Am Horn von Afrika sind 12,4 Millionen Menschen von Hunger bedroht. Vier Wochen nach dem ersten Aufruf zur Ostafrika-Hilfe hat die „Aktion Deutschland Hilft“ 10,5 Millionen Euro gesammelt.

          Kinder, die vom Hunger so schwach sind, dass sie, wenn Hilfe sie erreicht, nicht einmal mehr essen können; Männer und Frauen, die auf dem wochenlangen Marsch aus dem von Milizen geplagten Somalia ins rettende kenianische Lager Dadaab Angehörige sterbend am Weg zurücklassen müssen; weite Landstriche in Äthiopien und Eritrea, in der Sonne dörrend, gesprenkelt mit den Kadavern des Viehs, das nichts mehr zu fressen findet – es vergeht kaum ein Tag, an dem die Bilder hierzulande nicht zu sehen wären, in den Zeitungen, im Fernsehen, im Internet, verbunden mit dringlichen Aufrufen zur Spende. Die deutschen Hilfsorganisationen sind zum großen Teil schon seit Jahrzehnten in Ostafrika tätig.

          Birte Steigert, Pressesprecherin der „Aktion Deutschland Hilft“ (ADH), berichtete am Freitag, vier Wochen nach dem ersten Aufruf zur Ostafrika-Hilfe seien bei dem Zusammenschluss 13 deutscher Hilfsorganisationen 10,5 Millionen Euro Spenden eingegangen, weniger als im gleichen Zeitraum für die Erdbebenopfer in Haiti (14 Millionen Euro) und die Flutopfer in Pakistan (17 Millionen). „Für Afrika ist das aber viel“, sagt Steigert. Im Augenblick registriere man viele Anrufe Spendenwilliger, die sich genau erkundigten: „Dürre und Hunger am Horn von Afrika - das kennen die Leute seit den siebziger Jahren. Da ist Spendenmüdigkeit zu erkennen. Sie sagen: ,Wir spenden immer wieder, aber es ändert sich nichts.‘“ Die ADH-Hilfsorganisationen, etwa „action medeor“ und „World Vision“, leisten nach Steigerts Angaben in der aktuellen Hungerkrise vor allem Nothilfe, versorgen also die Menschen mit Nahrung, Wasser und Medizin. Außerdem erkundeten einige Teams, wie man die Somalia-Flüchtlinge gleich nach Überschreiten der Landesgrenze versorgen könne, damit die oft tödlichen Hungermärsche ein Ende nehmen.

          In Djibouti sind nach UN-Angaben zur Zeit 2,3 Millionen Kinder mangelernährt

          Marion Aberle, die Pressesprecherin der Deutschen Welthungerhilfe, berichtete am Freitag, bislang seien rund zehn Millionen Euro Spenden eingegangen. „Das beurteilen wir als gut.“ Von Spendenmüdigkeit habe man nichts bemerkt. „Eine Dürre tritt nicht wie etwa ein Erdbeben schlagartig auf, das sind langsam sich entwickelnde Notlagen, die allmählich in den Fokus der Berichterstattung und ins Bewusstsein der Leute gelangen.“ Dass sich die Lage am Horn von Afrika wieder einmal zuspitzen werde, habe man schon im November bei der miserablen Ernte absehen können, als viel Saatgut verzehrt wurde, sagt Aberle. Als es dann im Mai und Juni nicht wie in der Jahreszeit üblich geregnet habe, sei der Mais vertrocknet, und das Herdenvieh habe kein Gras mehr gefunden. In Somalia habe der Krieg der Milizen die Lage noch verschärft, dort sei von den Vereinten Nationen jetzt für fünf Regionen Hungersnot konstatiert, definiert als ein Zustand, in dem von 10.000 Personen am Tag zwei Erwachsene oder vier Kinder sterben und mehr als ein Drittel unterernährt sind. In Djibouti sind nach UN-Angaben zur Zeit 2,3 Millionen Kinder mangelernährt. Die Welthungerhilfe gehört wie „Brot für die Welt“, „medico international“, „Misereor“ (bis zum Freitag 4,5 Millionen Euro Spenden) und „terre des hommes“ zur gemeinsamen Spendensammelplattform „Bündnis Entwicklung Hilft“.

          Dominique Mann, Sprecher des „Aktionsbündnisses Katastrophenhilfe“ (Caritas, Diakonie, Deutsches Rotes Kreuz und Unicef), berichtete am Freitag, bislang seien für Ostafrika 23 Millionen Euro Spenden eingegangen. „Das ist sehr positiv zu bewerten, wir freuen uns darüber, denn wir brauchen die Spenden extrem dringend.“ Zu Beginn der Aufrufe seien die Spenden nicht so rapide eingegangen wie etwa bei den Erdbebenkatastrophen in Haiti oder in Japan. „Es ist vergleichbar mit der Flut in Pakistan. Da kam die Berichterstattung auch wellenförmig und zog dann immer mehr an. Das sehen wir in den vergangenen Tagen jetzt auch für Ostafrika.“

          Mit fünf Euro kann sich eine Person in Somalia einen Monat lang ernähren

          Gegen eine mögliche Afrika-Spendenmüdigkeit hat das „Bündnis Entwicklung Hilft“ dieser Tage eine Liste veröffentlicht, die zeigt, mit welchem Spendenbetrag welche Hilfsleistung möglich gemacht wird. Mit fünf Euro kann man eine Person in Somalia für einen Monat mit Nahrungsmitteln versorgen (zweieinhalb Kilogramm Reis, zweieinhalb Kilogramm Bohnen, eineinhalb Liter Speiseöl). Zwanzig Euro versorgen eine Person im Dürregebiet von Marsabit im Osten Kenias knapp zwei Monate lang mit 15 Litern Wasser am Tag. Fünfzehn Euro kostet ein Hilfspaket für eine Flüchtlingsfamilie, damit sie mit einer Plastikplane ihre Unterkunft verstärken und sich mit Moskitonetz gegen Malaria schützen kann. Mit 7000 Euro lässt sich ein unterirdisches Wasserspeicherbecken in der Region Afar in Äthiopien anlegen, das in der Regenzeit mit 200.000 Litern Wasser volllaufen und anschließend als Brunnen genutzt werden kann.

          Mehr als nur Peanuts - die Notnahrung Plumpy'nut

          Die kleine Erdnuss könnte für hungerleidende Menschen am Horn von Afrika eine große Hoffnung bedeuten. Aus Erdnüssen nämlich wird Plumpy'nut hergestellt - eine hochkalorische Paste, die auch Öl, Zucker, Trockenmilch sowie Vitamine und Mineralien enthält. Flugzeuge der Vereinten Nationen haben seit einer Woche viele Tonnen dieses Notnahrungsmittels in Somalia angeliefert. Es wird in einzeln eingeschweißten Rationen an Kinder und Erwachsene ausgegeben. Die Lieferung ist Teil der Hilfsmaßnahmen des UN-Welternährungsprogramms (WFP), das mit weiterer Nahrungsmittelhilfe die Not im Dürregebiet lindern will.

          Plumpy gilt als „therapeutische Nahrung“, weil es dazu geeignet ist, auch stark unterernährte Menschen, die normale Nahrung wie etwa Reis nicht mehr vertragen und daran sterben würden, in relativ kurzer Zeit - etwa binnen eines Monats - wieder aufzubauen. Die Organisation „Ärzte ohne Grenzen“ hat die Energiepaste schon in anderen von Hunger betroffenen Staaten verteilen lassen. Wie Sebastian Dietrich, einer ihrer medizinischen Berater, sagt, hat die sofort verzehrbare Nahrung einen großen Vorteil: Die Paste auf Ölbasis muss im Gegensatz zu Trockenkeksen nicht erst mit Wasser angereichert werden, das womöglich verschmutzt ist.

          Mit dem Einsatz von Plumpy'nut begegne das WFP auch der Kritik, die von ihr ausgeteilte Notnahrung sei bislang teils ungeeignet für Kinder unter zwei Jahren gewesen. Auch für sie ist Plumpy geeignet, weil es einen dafür erforderlichen Milchanteil besitzt. Verschiedentlich kritisiert wurde auch, dass das hauptsächlich von einem Konzern in Frankreich hergestellte Produkt verhältnismäßig teuer sei. Dietrich bemerkt dazu, es gebe inzwischen zwar Hersteller vergleichbarer Produkte auch in Afrika, doch seien deren kleinere Produktionsmengen nicht ausreichend für große Hilfslieferungen wie in Somalia.

          Wie auch aus einem Bericht der „New York Times“ hervorgeht, ist der bisherige Erfolg von Plumpy'nut im Kampf gegen Hunger beachtlich. Da Erdnüsse vor allem in Entwicklungsländern angebaut würden, handele es sich bei der Hochenergiepaste um ein Produkt, das von Armen für Arme und auf einfache Weise hergestellt werden könne. (wiel.)

          Quelle: F.A.Z.

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