10.03.2010 · Der zur Tatzeit zehn Jahre alte Jon Venables hat nach dem Mord an einem Kleinkind 1993 bereits eine achtjährige Strafe verbüßt. Nun ist der Brite durch seine erneute Verhaftung wieder ins Visier der Justiz geraten. Die Forderung nach der Aufhebung seiner Anonymität wird immer lauter.
Von Johannes LeithäuserIn der britischen Öffentlichkeit ist das Jagdfieber auf einen Unbekannten ausgebrochen, der als Zehnjähriger einst mit einem gleichaltrigen Kumpan ein Kleinkind misshandelte und umbrachte. Die Tat geschah 1993 in Liverpool, die beiden Zehnjährigen wurden trotz ihres Alters wegen Mordes verurteilt. Nach acht Jahren kamen beide auf Bewährung frei – sie erhielten neue Identitäten und soziale Eingliederungshilfen. Schon damals, im Jahr 2001, brach eine von öffentlicher Neugierde getriebene Suche nach den Tätern und ihren neuen Namen aus – die Mutter des zweijährigen Opfers prophezeite damals, sie müsse jetzt um ihr Leben fürchten, da die beiden Täter wieder auf freiem Fuß seien.
Jetzt ist die Jagd auf einen der beiden, der ursprünglich Jon Venables hieß, aufs Neue ausgebrochen, nachdem bekannt wurde, dass der mittlerweile wohl 27 Jahre alte Mann wegen eines neuen schweren Tatverdachts abermals in Haft genommen wurde. Das Justizministerium, das die Mitteilung publik machte, hat die Hysterie noch durch eigenes ungeschicktes Agieren weiter angeheizt: Zuerst hieß es, keinesfalls könnten Details des neuen mutmaßlichen Verbrechens öffentlich gemacht werden, dann stellte Justizminister Straw in Aussicht, die Öffentlichkeit werde bald schon über Einzelheiten informiert werden, schließlich aber kehrte die Regierung zu ihrer ersten Haltung zurück.
Aufhebung der Anonymität?
Die Mutter des vor 17 Jahren ermordeten kleinen Jungen ist abermals zur Hauptfigur der Story geworden, die Boulevardblätter in täglichen Fortsetzungen auf ihren Titelseiten präsentieren. Die Zeitungen greifen ihre Forderung, sie habe „ein Recht, zu wissen“, was mit Venables sei, auf und machen sie sich zu eigen. Am Mittwoch wurde bekannt, dass die Mutter in den nächsten Tagen einen Termin beim Justizminister für ein Gespräch haben wird – es hieß, sie wolle den Minister dazu bewegen, beim Obersten Gerichtshof die Aufhebung der Anonymität des einstigen Jon Venables zu beantragen.
Die Richterin, die einst die Freilassung der beiden auf Bewährung und ihre Anonymisierung verfügte und die inzwischen Mitglied des Oberhauses ist, hat genau davor gewarnt: Lady Butler-Sloss gab an, es drohten den einstigen Tätern öffentliche Rache, Verfolgung und Lebensgefahr, wenn ihre Identität bekannt werde. Die beiden Zehnjährigen waren die jüngsten Angeklagten, die je in Großbritannien wegen Mordes verurteilt wurden. Das Mindeststrafmaß wurde im Urteil (das auf lebenslang lautete) jedoch nicht fixiert, sondern „at her Majesty’s pleasure“ offengelassen – mit dieser Formulierung wird in Jugendstraffällen die Möglichkeit eröffnet, die Haftstrafen jederzeit zu überprüfen. Die rastlose Suche nach Neuigkeiten im Fall Venables förderte auch Gerüchte über die Gründe der neuen Inhaftierung; sie reichen von Gewalttaten bis zum Besitz von Kinderpornographie.