http://www.faz.net/-gum-7p4xb

Spektakuläre archäologische Fundstücke : In einem Hagel von Pfeilen

„So etwas hat man nur ein Mal im Leben“: In diesem Schädel, der auf dem bronzezeitlichen Schlachtfeld gefunden wurde, steckt noch eine Pfeilspitze. Bild: MINKUSIMAGES

Ein bronzezeitliches Schlachtfeld an der Tollense gibt immer mehr sensationelle Funde preis. Nicht nur der jüngste liefert Stoff für die Geschichtsbücher. Im Tollensetal wurde womöglich der Krieg in Mitteleuropa erfunden.

          Mathias Brodkorb (SPD), der Wissenschaftsminister von Mecklenburg-Vorpommern, spricht von einer „herausragenden Begebenheit“. Der Archäologe Thomas Terberger nennt es „ein Wunder der Erhaltung“ und der Landesarchäologe Detlef Jantzen einen „fast unvorstellbaren Fund“. Seit den achtziger Jahren schon wurden im Tal der Tollense nördlich der vorpommerschen Stadt Altentreptow immer wieder Knochen gefunden.

          Frank Pergande

          Politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Inzwischen sind es 10.000 Knochen von Menschen, aber auch von Pferden. Wobei zum ersten Mal überhaupt auf diese Weise nachgewiesen wurde, dass das Pferd schon damals in Mitteleuropa als Reittier genutzt wurde. Viele der Menschenknochen zeigen Verletzungen durch Hieb- und Stichwaffen sowie durch Pfeile. Außerdem wurden Pfeilspitzen aus Bronze und Flintstein gefunden – geradezu ein „Hagel von Pfeilen“, wie die Archäologen mit einem für diesen Berufsstand ungewöhnlichen Enthusiasmus sagen.

          Noch nie hat die Bronzezeit nördlich der Alpen, für die es keine schriftlichen Quellen gibt, so zu uns gesprochen.
          Noch nie hat die Bronzezeit nördlich der Alpen, für die es keine schriftlichen Quellen gibt, so zu uns gesprochen. : Bild: MINKUSIMAGES

          Als ein Armknochen in der Uferzone der Tollense zutage trat, in dem eine Pfeilspitze steckte, sowie ein Schädel mit einem Loch in der Stirn, das nur von einer Keule stammen konnte, war die Fachwelt alarmiert. Seitdem wird im Tollensetal systematisch gesucht, unterstützt von der Deutschen Forschungsgemeinschaft und mit Mitteln aus dem Landeshaushalt.

          „So etwas erlebt ein Bodendenkmalpfleger nur einmal im Leben“, sagte Terberger, der gemeinsam mit Jantzen die Ausgrabungen leitete, bei der Vorstellung der jüngsten spektakulären Funde in Schwerin. Zu den vielen Funden gehören auch Zinn- und Goldringe, ein vollständiges Schwert und Teile von Schwertern sowie eine Axt. Zweieinhalb Kilometer am Fluss entlang – so groß ist inzwischen das Fundgebiet. Noch nie hat die Bronzezeit nördlich der Alpen, für die es keine schriftlichen Quellen gibt, so zu uns gesprochen.

          Spuren eines bronzezeitlichen Gewaltkonflikts: 1000 Menschen sollen in die Schlacht an der Tollense gezogen sein
          Spuren eines bronzezeitlichen Gewaltkonflikts: 1000 Menschen sollen in die Schlacht an der Tollense gezogen sein : Bild: MINKUSIMAGES

          Jüngst wurde ein Schädel aus dem Wasser geborgen, in dem eine Pfeilspitze samt Resten vom Schaft steckte. Der Fund bestätigte endgültig, was die Archäologen schon vermuteten: Hier gab es irgendwann zwischen 1300 und 1250 vor Christus einen „bronzezeitlichen Gewaltkonflikt“, an dem mehr als 1000 Menschen beteiligt waren. Hunderte von ihnen blieben auf dem Schlachtfeld. Jantzen spricht sogar davon, dass hier der Krieg in Mitteleuropa erfunden worden sei. Inzwischen scheint auch klar, was an der Tollense passiert ist.

          Die Schlacht brach neben einem Flussübergang los. Holzfunde zeigen, dass es dort einen Damm, womöglich auch eine Brücke und eine Siedlung gab. Vielleicht waren es Händler, die hier überfallen wurden. Sie könnten aus dem Süden gekommen sein, vielleicht aus Böhmen oder vom Ostrand der Alpen. Jedenfalls stießen Einheimische und Fremde aufeinander. Denn dass es unterschiedliche Gruppen waren, darauf deuten schon die bisherigen Gen-Analysen hin, aber auch die Ernährungsgewohnheiten, die sich wiederum an den Zähnen ablesen lassen. Überhaupt arbeiten bei dem Tollense-Projekt Anthropologen, Mediziner, Botaniker, Geologen, Archäozoologen, Paläogenetiker und weitere Fachrichtungen international zusammen. Jantzen verglich schon Ende des vergangenen Jahres gegenüber dieser Zeitung die Erforschung der Tollense-Funde mit einem Indizienprozess.

          Zweieinhalb Kilometer am Fluss entlang: so groß ist inzwischen das Fundgebiet
          Zweieinhalb Kilometer am Fluss entlang: so groß ist inzwischen das Fundgebiet : Bild: Stefan Sauer

          Jetzt zeigt er sich zuversichtlich: „Wir werden noch genau herausfinden, was an der Tollense passiert ist, mit wem, warum und unter welchen Umständen.“ Und Terberger ergänzt: „Das wird Eingang in die Geschichtsbücher finden.“ Politisch haben die Funde schon ihre Wirkung getan. Immerhin geriet Mecklenburg-Vorpommern vor wenigen Jahren in die Schlagzeilen, als im provisorischen Schweriner Depot zwei uralte Einbäume verrotteten.

          Minister Brodkorb kündigte nun an, dass wieder ein Lehrstuhl für Ur- und Frühgeschichte eingerichtet werden soll - an der Rostocker Universität. Und dass dessen Inhaber ein Archäologisches Landesmuseum aufbauen soll. Oder genauer gesagt: wiederbeleben soll. Denn ein solches Museum gab es früher schon im Schweriner Schloss. Eineinhalb Millionen Euro, so der Minister, sind bereitgestellt worden. Außerdem entsteht in Schwerin ein Depot für alle archäologischen Funde. In vier Jahren soll es fertig sein.

          Quelle: F.A.Z.

          Weitere Themen

          Regionalzug rammt Schulbus Video-Seite öffnen

          Tragischer Unfall : Regionalzug rammt Schulbus

          Beim Zusammenstoß eines Schulbusses mit einem Regionalzug in Südfrankreich sind mehrere Kinder und Jugendliche ums Leben gekommen. Präsident Emmanuel Macron erklärte, die Behörden stünden an der Seite der Angehörigen.

          Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.