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Veröffentlicht: 10.05.2014, 07:42 Uhr

Spektakuläre archäologische Fundstücke In einem Hagel von Pfeilen

Ein bronzezeitliches Schlachtfeld an der Tollense gibt immer mehr sensationelle Funde preis. Nicht nur der jüngste liefert Stoff für die Geschichtsbücher. Im Tollensetal wurde womöglich der Krieg in Mitteleuropa erfunden.

von , Schwerin
© MINKUSIMAGES „So etwas hat man nur ein Mal im Leben“: In diesem Schädel, der auf dem bronzezeitlichen Schlachtfeld gefunden wurde, steckt noch eine Pfeilspitze.

Mathias Brodkorb (SPD), der Wissenschaftsminister von Mecklenburg-Vorpommern, spricht von einer „herausragenden Begebenheit“. Der Archäologe Thomas Terberger nennt es „ein Wunder der Erhaltung“ und der Landesarchäologe Detlef Jantzen einen „fast unvorstellbaren Fund“. Seit den achtziger Jahren schon wurden im Tal der Tollense nördlich der vorpommerschen Stadt Altentreptow immer wieder Knochen gefunden.

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Inzwischen sind es 10.000 Knochen von Menschen, aber auch von Pferden. Wobei zum ersten Mal überhaupt auf diese Weise nachgewiesen wurde, dass das Pferd schon damals in Mitteleuropa als Reittier genutzt wurde. Viele der Menschenknochen zeigen Verletzungen durch Hieb- und Stichwaffen sowie durch Pfeile. Außerdem wurden Pfeilspitzen aus Bronze und Flintstein gefunden – geradezu ein „Hagel von Pfeilen“, wie die Archäologen mit einem für diesen Berufsstand ungewöhnlichen Enthusiasmus sagen.

29134328 © MINKUSIMAGES Vergrößern Noch nie hat die Bronzezeit nördlich der Alpen, für die es keine schriftlichen Quellen gibt, so zu uns gesprochen.

Als ein Armknochen in der Uferzone der Tollense zutage trat, in dem eine Pfeilspitze steckte, sowie ein Schädel mit einem Loch in der Stirn, das nur von einer Keule stammen konnte, war die Fachwelt alarmiert. Seitdem wird im Tollensetal systematisch gesucht, unterstützt von der Deutschen Forschungsgemeinschaft und mit Mitteln aus dem Landeshaushalt.

„So etwas erlebt ein Bodendenkmalpfleger nur einmal im Leben“, sagte Terberger, der gemeinsam mit Jantzen die Ausgrabungen leitete, bei der Vorstellung der jüngsten spektakulären Funde in Schwerin. Zu den vielen Funden gehören auch Zinn- und Goldringe, ein vollständiges Schwert und Teile von Schwertern sowie eine Axt. Zweieinhalb Kilometer am Fluss entlang – so groß ist inzwischen das Fundgebiet. Noch nie hat die Bronzezeit nördlich der Alpen, für die es keine schriftlichen Quellen gibt, so zu uns gesprochen.

29134511 © MINKUSIMAGES Vergrößern Spuren eines bronzezeitlichen Gewaltkonflikts: 1000 Menschen sollen in die Schlacht an der Tollense gezogen sein

Jüngst wurde ein Schädel aus dem Wasser geborgen, in dem eine Pfeilspitze samt Resten vom Schaft steckte. Der Fund bestätigte endgültig, was die Archäologen schon vermuteten: Hier gab es irgendwann zwischen 1300 und 1250 vor Christus einen „bronzezeitlichen Gewaltkonflikt“, an dem mehr als 1000 Menschen beteiligt waren. Hunderte von ihnen blieben auf dem Schlachtfeld. Jantzen spricht sogar davon, dass hier der Krieg in Mitteleuropa erfunden worden sei. Inzwischen scheint auch klar, was an der Tollense passiert ist.

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Die Schlacht brach neben einem Flussübergang los. Holzfunde zeigen, dass es dort einen Damm, womöglich auch eine Brücke und eine Siedlung gab. Vielleicht waren es Händler, die hier überfallen wurden. Sie könnten aus dem Süden gekommen sein, vielleicht aus Böhmen oder vom Ostrand der Alpen. Jedenfalls stießen Einheimische und Fremde aufeinander. Denn dass es unterschiedliche Gruppen waren, darauf deuten schon die bisherigen Gen-Analysen hin, aber auch die Ernährungsgewohnheiten, die sich wiederum an den Zähnen ablesen lassen. Überhaupt arbeiten bei dem Tollense-Projekt Anthropologen, Mediziner, Botaniker, Geologen, Archäozoologen, Paläogenetiker und weitere Fachrichtungen international zusammen. Jantzen verglich schon Ende des vergangenen Jahres gegenüber dieser Zeitung die Erforschung der Tollense-Funde mit einem Indizienprozess.

29145856 © Stefan Sauer Vergrößern Zweieinhalb Kilometer am Fluss entlang: so groß ist inzwischen das Fundgebiet

Jetzt zeigt er sich zuversichtlich: „Wir werden noch genau herausfinden, was an der Tollense passiert ist, mit wem, warum und unter welchen Umständen.“ Und Terberger ergänzt: „Das wird Eingang in die Geschichtsbücher finden.“ Politisch haben die Funde schon ihre Wirkung getan. Immerhin geriet Mecklenburg-Vorpommern vor wenigen Jahren in die Schlagzeilen, als im provisorischen Schweriner Depot zwei uralte Einbäume verrotteten.

Minister Brodkorb kündigte nun an, dass wieder ein Lehrstuhl für Ur- und Frühgeschichte eingerichtet werden soll - an der Rostocker Universität. Und dass dessen Inhaber ein Archäologisches Landesmuseum aufbauen soll. Oder genauer gesagt: wiederbeleben soll. Denn ein solches Museum gab es früher schon im Schweriner Schloss. Eineinhalb Millionen Euro, so der Minister, sind bereitgestellt worden. Außerdem entsteht in Schwerin ein Depot für alle archäologischen Funde. In vier Jahren soll es fertig sein.

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