15.11.2009 · Der Torwart Robert Enke hat sein Tor gegen die Angriffe gegnerischer Mannschaften verteidigt - nicht weniger, aber auch nicht mehr. Sein Selbstmord wirkte wie ein beliebiger Anlass für eine massenhafte Lust am eigenen Gefühlsrausch.
Von Richard WagnerIch habe keinen Bekannten angerufen, als die Nachricht als aufgeregtes rotes Band über den unteren Rand des abendlichen Bildschirmes flimmerte, dass Robert Enke tot sei. Und meine Frau auch nicht. Sie wusste gar nicht, wer Enke ist. Außerdem ist ihr Fußball gleichgültig. Und unseren Bekannten auch. Ein Anruf bei ihnen wäre als merkwürdig empfunden worden. Wir hatten ja schon niemanden angerufen, als Michael Jackson starb, oder Lady Di, und die kannte zumindest jeder. Fassungslos waren wir übrigens auch nicht.
Ich wusste immerhin, dass Enke Torwart war und wenige Male in der Fußballnationalmannschaft gut gespielt hatte. Und ich meinte zu wissen, dass er sich abhob von den selbstverliebten Fußballprofis, die ihre freie Zeit damit verbringen, sich lächerliche Bärtchen zurechtstutzen zu lassen. Enke galt als scheu, sachlich, allem Theatralischen abhold. Das sind ja ganz gute Eigenschaften. Warum Enke nach dem Verlust seiner Tochter und trotz seiner schweren Depression ein Kind adoptierte, obwohl er doch kaum mit seinem eigenen Leben zurecht kam, und warum seine Frau dabei mittat - verantwortlich war das nicht. Und schön war sicherlich auch nicht die Art seines Freitodes, weil er den Lokführer zum Instrument seines tödlichen Willens gemacht hat - und der nun damit fertig werden muss.
Robert Enke taugt auch nicht zum Helden, so wenig wie andere im Amüsierbetrieb. Enke hat sein Tor gegen die Angriffe gegnerischer Mannschaften verteidigt - nicht weniger, aber auch nicht mehr. Der sportliche Amüsierbetrieb neigt zum Pathos, deswegen inszeniert er existentielle Entscheidungssituationen, die sie niemals sind.
Ich war natürlich auch betroffen. Aber der Trauerfuror, der über das Land hereinbrach und den die Medien - dabei nicht nur der gefräßige Boulevard - durch immer ausführlichere Berichte anheizten, ist abstoßend. Als das Ganze heute mit einem vom Boulevard mit Gebrüll angekündigten Spektakel in Enkes Heimstadion in Hannover seinen Höhepunkt fand, wurde es endgültig zu etwas Unangemessenem, Maßlosem. Enkes Selbstmord wirkte auf einmal wie ein beliebiger Anlass für eine massenhafte Lust am eigenen Gefühlsrausch. Es ist wie auf Katholiken- oder Kirchentagen: dort brauchen die Besucher keinen Gott, sondern nur sich selbst und alle anderen, um in der Endlosschleife ihrer Selbstberauschung Befriedigung zu finden. Hauptsache, wir fühlen etwas zusammen. Bei pubertierenden Mädchen kennt man dieses Vergehen vor Schmerz, wenn eine Boygroup sich auflöst - Eltern wissen, dass derlei glücklicherweise nie lange anhält.
Wie öffentliche Trauer aussehen kann, lässt sich dieser Tage in Wootton Bassett in England besichtigen. Durch die Hauptstraße dieses Städtchens fahren nämlich die Leichenzüge mit den britischen Soldaten, die ihr Leben in Afghanistan gelassen haben. Die Bevölkerung und viele eigens Angereiste, oft mehrere tausend Menschen, bilden dann ein stummes Spalier für die in den Union Jack eingehüllten Särge. Es fließen Tränen, manchmal applaudieren die Leute auch, gleichgültig, welche Meinung sie selbst zu diesem Krieg haben. Wenn der Leichenzug durchgefahren ist, gehen alle ihrer Wege.