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Spanien Viva San Fermin!

07.07.2004 ·  Es sind nur sechs Stiere, die zweieinhalb Minuten durch die Altstadtgassen von Pamplona getrieben werden. Aber sie haben für einen enormen Menschenauflauf und zahlreiche Verletzte gesorgt.

Von Leo Wieland
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Wer verschwendet schon einen Gedanken an die Tour de France oder die Erinnerung an Wimbledon und die Fußball-Europameisterschaft, wenn er - Frauen sind beim "encierro" noch immer ungern gesehen - in Pamplona mit den Stieren um die Wette laufen kann? Eine Woche lang ist die schmucke und sonst sorgsam aufgeräumte Hauptstadt der spanischen Region Navarra nun wieder die Hauptstadt der Welt. Hier, im grünen Pyrenäenvorland, wo die Jakobspilger mit ihren Rucksäcken und Wanderstöcken Station machen, herrscht der Juli-Ausnahmezustand.

Jeder ist ein Hemingway oder gar ein Torero, mag er auch das eine mit einem dicken Kopf und das andere mit einem dicken Verband bezahlen. Nach Pamplona kommt, wer im ersten Teil des Jahres noch nichts Gescheites mit sich anzufangen wußte und befürchtet, daß das im zweiten Teil nicht viel anders sein wird. Seit Mittwoch ist in dem alten Königreich auf jeden Fall ausgiebig Gelegenheit, Geist und Körper einen unvergeßlichen Adrenalinstoß zu versetzen. Der eine kommt, um auf absolut sinnlose Weise sein Leben zu riskieren. Der andere mag, wenn er nicht auf die Hörner genommen wird, en passant eine Frau fürs Leben finden - und dann nach dem Jawort in der besonders gefährlichen Kurve auf der Calle de la Estafeta permanentes Auftrittsverbot erhalten.

Schuld an alledem sind San Fermin und Ernest Hemingway - in dieser Reihenfolge. Der Heilige bewährte sich als lokaler Schutzpatron der Winzer, Bäcker und Weinsäckemacher im vierten Jahrhundert, bevor er im benachbarten Frankreich geköpft wurde, so gut, daß er den festfreudigen Navarros und Basken ein bleibendes Alibi verschaffte. Der andere, der trinkfeste weißbärtige Schriftsteller aus Amerika, entdeckte das Sommertheater für die Weltliteratur und schrieb mit "Fiesta" ("The Sun Also Rises") einen so zauberhaft nachwirkenden Reiseprospekt, daß auch das Fremdenverkehrsamt noch immer nichts Besseres vorzuweisen hat.

Die Choreographie, die Kleidung, das Programm, die Musik, die Rituale, die Stadt und der Müll sind von leicht zu fassendem oder ignorierendem Zuschnitt. Wer dazugehören will, nehme ein rotes Halstuch, eine weiße Hose, geflochtene Schuhe, eine Ziegenhaut-Bota für den Rotwein und eine zusammengerollte Zeitung - die einzige erlaubte Verteidigungs- und Lenkungswaffe für die Begegnung mit den Stieren-, und er ist bereit. Er hat sich zunächst am Dienstag auf den Platz gestellt, auf dem niemand umfallen kann - als der "chupinazo", eine Rakete vom Balkon des Rathauses, die Fiesta zündete.

Dort ist er von einer hüpfenden, schwitzenden Menge bis auf die Haut mit Schaumwein getränkt und auf den Rhythmus des Ereignisses eingeübt worden. Seit Mittwoch wird er nun, wenn er solange bei Kräften bleibt, sieben Tage lang am frühen Morgen vor der Statue des Heiligen singen und seinen Segen erflehen. Den hat er nötig, weil die Stiere schon beim Start an der ersten Steigung wesentlich schneller sind als der Mensch. Traut er sich aber dort ohne Puste und Lebensversicherung nicht hin, wird er, wenn er den Böller in eineinhalb Kilometer Entfernung hört, schon in die Arena flüchten und sich vor den amüsierten Zuschauern in den Rängen als der Hasenfuß enttarnen, der er ist.

Es geht uns gut

Eine Million Besucher, mindestens das Vierfache der Stadtbevölkerung, bricht jedes Jahr zuverlässig über Pamplona herein. Der zivilisierte Teil genießt die Oboenspieler im Morgengrauen und die Stierschwanzragouts am Abend. Der unzivilisierte Teil ist beim Morgenlauf schon oder noch betrunken, wacht dann im Spital wieder auf und ist am Abend, wenn er Glück hat, in der Lage, seine Familie in Dortmund, Lyon oder Milwaukee anzurufen, um ihr zu versichern, daß es ihm gutgehe und er hoffe, am nächsten Tag sein Bild in der Zeitung zu sehen.

So erging es Al Chesson aus Übersee, der dieses Mal unter Scheidungsdrohung nur als Statist dabeisein darf. Im vorigen Jahr war der Angestellte einer Arzneimittelfirma so unglücklich vor dem Stier Hormigon gestolpert, daß er drei Hornstöße im linken Bein, neun Stiche im Gesicht und ein blaues Auge als Souvenirs seiner hirnlosen Tapferkeit davontrug. Der Marathonläufer, der als Dreizehnjähriger "Fiesta" gelesen hatte und als Dreißigjähriger regelmäßig nach Pamplona zu reisen begann, fiel in der engen Gasse zur Arena, so daß Hormigon ganze zwanzig Sekunden Zeit hatte, sich mit ihm zu beschäftigen. Zum Glück war diese Begegnung den Blicken seiner Frau und Tochter entzogen, die das Treiben von einer nahen Terrasse aus verfolgten. Nachdem der ramponierte Agnostiker aus der Narkose erwacht war, versicherte er glaubhaft, in seinem achtundfünfzigsten Lebensjahr "Gott gefunden" zu haben und versprach, fortan vernünftig zu sein.

Barbusiger Protest

Das weiß-rote Pamplona, tüchtig verwaltet von der hübschen Bürgermeisterin Yolanda Barcina, hat sich auf das temporäre Chaos, das Geld und Touristen bringt, mit der üblichen Voraussicht vorbereitet - also mit Sicherheitskräften gegen potentielle Anschläge der baskischen Terrororganisation Eta und Legionen von Stadtreinigungsspezialisten. Das spanische Fernsehen hat mit amerikanischen Verträgen die Stierläufe vermarktet und mit reichlich penetranter Reklame für "Spargel und Pfefferschoten aus Navarra", zusätzlich lukrativ gemacht.

Dann waren, wie schon in den beiden Vorjahren, die Gegner von Stierlauf und Stierkampf mit Ungeduld erwartet worden. Die Demonstranten der "Organisation für die ethische Behandlung von Tieren" zeichnen sich dadurch aus, daß unter ihnen dekorative Blondinen aus dem Norden mit Wikingerhörnern und strahlend weißen Zähnen ihrem Widerwillen gegen die lokale Barbarei barbusig Ausdruck verleihen. Es ist nicht übertrieben zu sagen, daß die Nackten, die heuer der Polizei vor ihrem "encierro" versprechen mußten, wenigstens die Unterhosen anzubehalten, von einem nicht geringen Teil der Einheimischen mit noch größerer Aufmerksamkeit beobachtet wurden als die Objekte ihrer Schutzsympathie.

Mischung aus Blut, Sand und Täuschung

Diese, die Stiere, die es ohne Kampf vermutlich gar nicht mehr gäbe, müssen sich nach ihren morgendlichen Begegnungen mit Haufen agiler oder torkelnder Läufer dann am Nachmittag noch einmal in der Arena den berufstätigen "matadores" stellen. Für die Toreros ist eine "corrida" in Pamplona kein reines Vergnügen. Der Wind, der bisweilen heftig von den Bergen in die Arena weht, bewegt das rote Tuch, so daß die zwei bestrumpften Beine dahinter deutlich sichtbar werden. In den Rängen, wo die Musikkapellen ungebärdiger Vereine damit beschäftigt sind, die offiziellen Trompetensignale mit ihren eigenen Tröten zu übertönen, erweist das Publikum dazu den hochbezahlten Toreros selten auch nur den geringsten Respekt.

Schon Shakespeare hätte an diesem Volksfest seine helle Freude gehabt, mit dieser unwiderstehlichen Mischung aus Blut, Sand, Täuschung, Ausrutschern und den offenen Mäulern der Gaffer. Der Chronist, der vor gut dreißig Jahren mit mehr Glück als Verstand nicht aufgespießt wurde, sich dafür aber mit San Fermins tätiger Hilfe verliebte, hat das Pamplona der hohnlachenden Spaßmacher nicht vergessen. Mit knurrendem Magen saß er neben einem leeren Eimer Sangria in der drittletzten Reihe, als endlich die belegten Brote ausgeworfen wurden. In der Alufolie, die er begierig auffing, war ein wurstloses "bocadillo", gefüllt mit einem bröseligen Champagnerkorken.

Quelle: FAZ.NET mit Material von dpa, AP
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Jahrgang 1950, politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel, Marokko und Tunesien mit Sitz in Madrid.

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