04.10.2004 · Ist der Entdecker der "Neuen Welt" in Sevilla oder in Santo Domingo begraben? Der Streit darüber, wer die sterblichen Überreste von Christopher Kolumbus beherbergt, geht in die nächste Runde.
Von Leo Wieland, MadridChristoph Kolumbus ruht in zwei Gräbern in beiden Hemisphären. Die Spanier sind davon überzeugt, daß die Überreste des Entdeckers der "Neuen Welt" in der Kathedrale von Sevilla bestattet sind. Nicht weniger überzeugt sind in der Karibik die Bürger der Dominikanischen Republik davon, daß die Gebeine des Admirals in einem prächtigen Mausoleum in der Hauptstadt Santo Domingo zu finden sind.
Die vorläufigen Ergebnisse der ersten genetischen DNS-Analyse, die jetzt in Madrid bekanntgemacht wurden, lösen das hartnäckige Rätsel noch nicht hinreichend. Sie schließen nur nicht aus, daß Sevilla der richtige Ort ist, liefern aber noch nicht den endgültigen Beweis.
Feinanalyse des Zellkerns nötig
Das Obduktionsprofil, welches die Wissenschaftler vorlegten, liest sich wie ein Steckbrief: "Mann, erwachsen, zwischen fünfzig und siebzig Jahren, kräftig, mittelgroß und von mediterranem Typ". Das träfe alles auf Kolumbus zu, der aus Genua stammen soll. Nur die spanischen Behörden und die hiesige Kirche haben bislang die Erlaubnis gegeben, aus der Gruft in der Kathedrale Gebeinsproben aus dem kleinen Kolumbus-Sarg zu entnehmen und diese mit den sterblichen Überresten seines Bruders Diego (er ruht in dem Sevilla-Stadtteil La Cartuja) und seines Sohnes Hernando (er ist beim Vater begraben) zu vergleichen.
Der Vergleich der mutmaßlichen Brüder - hier geht es um die über die Mutter an die Söhne vererbte DNS - ergab nach Auskunft der Forensikfachleute der Universität von Granada, daß ausreichend Ähnlichkeit besteht, um eine Verwandtschaft anzunehmen. Der kompliziertere Vergleich von "Vater" und Sohn (dessen Identität ist wie die seines Onkels Diego nicht umstritten) muß sich hingegen auf das Y-Chromosom stützen, welches eine Feinanalyse des Zellkerns verlangt. Dazu, so hieß es, sei eine größere Menge Knochen, die dann fein zu zermahlen sind, nötig. In Kolumbus' Sarg gibt es jedoch nur wenige Überreste.
Ein Stück Kolumbus für jeden
Die Wissenschaftler, die den Fall gern bis zu dem 500. Todestag des Seefahrers im Jahr 2006 klären möchten, setzen in diesem Zusammenhang noch auf die Hilfe nordamerikanischer Kollegen von der Universität von Dallas in Texas. Diese haben nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 in New York und in Washington neue genetische Identifikationsmethoden entwickelt. Die Dominikanische Republik war bislang keine Hilfe, weil sie eine Exhumierung verweigerte. Es ist indes nicht ausgeschlossen, daß beide Länder ein Stück von Kolumbus haben.
Der Leichnam des Admirals kam nach einer postumen atlantischen Odyssee noch einmal zurück nach Amerika. Kolumbus starb am 20. Mai 1506 in der spanischen Stadt Valladolid und wurde - wider seinen Wunsch, in Amerika begraben zu werden - zunächst dort bestattet. Drei Jahre später wurde er umgebettet und zusammen mit den sterblichen Überresten seines jüngeren Bruders Diego in eine Friedhofskapelle in Sevilla gebracht. Drei Jahrzehnte später erhielt dann seine Schwiegertochter die Genehmigung des spanischen Königs, die Gebeine des Admirals und die ihres Mannes Diego in die erste Kathedrale Amerikas nach Santo Domingo überführen zu lassen.
Die "falschen Knochen"
Zweihundertfünfzig Jahre später, als Spanien die Insel in einem Kolonialzwist teilweise Frankreich überlassen mußte, brachten die Spanier sie nach Kuba "in Sicherheit". Dort blieben sie bis zu Spaniens letztem amerikanischen Krieg mit den Vereinigten Staaten im Jahr 1898. Mit dem Verlust des lateinamerikanischen Imperiums ging die vorsorgliche "Repatriierung" von Kolumbus nach Sevilla einher. Die Dominikaner wollten indes diese Geschichte nie glauben. Sie waren davon überzeugt, daß die Spanier schon bei der ersten Umbettung im Jahr 1795 die "falschen Knochen", nämlich die des Sohnes Diego, von der Insel mitgenommen hätten.
Die jüngste Theorie ist nun, daß eben ein größerer Teil des Kolumbus in Santo Domingo blieb und ein kleinerer möglicherweise doch über Kuba weiter nach Spanien gelangte. Dann ruhte der Entdecker doch paritätisch in der Alten und in der Neuen Welt.
Leo Wieland Jahrgang 1950, politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel, Marokko und Tunesien mit Sitz in Madrid.
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