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Veröffentlicht: 25.07.2015, 12:33 Uhr

Soziologie Unterschied, was ist das?

Alles soll gleich sein. Gleich relevant, gleich viel wert, gleich richtig. Damit sich alle gleich wohlfühlen können. So einfach ist das aber nicht, sagt die Soziologin Irmhild Saake.

von Wibke Becker
© dpa Sind wir nicht alle doch sehr verschieden? Kinderuni in Halle-Wittenberg (Archivbild von 2012)

Frau Saake, Sie sagen, dass unsere Gesellschaft ein Problem mit Ungleichheit hat. Was meinen Sie damit?

Das Moderne an unserer Gesellschaft ist, dass wir uns als Menschen alle als gleich empfinden wollen. Dieses große Versprechen der Gleichheit sensibilisiert uns aber nicht nur für Fragen der sozialen Ungleichheit, sondern mittlerweile sogar für Ungleichheiten jeglicher Art. Es ist für meine Studenten etwa so, dass sie es schon als komisch empfinden, dass sich am Ende einer Diskussion ein gutes Argument durchsetzt.

Weil sie nicht glauben können, dass nur eins richtig sein kann?

Ja, wenn ich es jetzt mal ein wenig übertreiben darf, dann haben sie sozusagen Mitleid mit den ausgeschlossenen Argumenten. Sie fordern Gleichheit auch für Argumente, Anerkennung auch für andere Positionen. Das macht eine klare wissenschaftliche Argumentation schwierig. Man kann nicht mehr so recht sagen, dass man eine wirklich unsinnige Behauptung für Quatsch hält. Es ist eher die Idee da, dass irgendetwas Gutes schon auch in dem Quatsch drin stecken wird.

Woran liegt das? Am Wunsch, mit allen gut klar zu kommen, nicht unbeliebt zu sein?

Es geht eher um Fragen des richtigen, des guten Lebens, die man sich im Alltag offenbar sehr schnell selbst beantworten kann, indem man sich für diejenigen einsetzt, die einem als schwächer erscheinen.

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Das verstehe ich nicht: Wenn man das richtige Leben will, dann kann es doch oft nur einen Weg geben. Ich kann ja schlecht sagen, der andere verhält sich hier anders als ich, aber er führt sein Leben genauso gut.

Damit machen Sie den Konflikt sichtbar, in dem viele stecken. Es gibt ein gutes Argument, das gilt aber nur für das eigene Leben. Und wenn ein anderer mit einem anderen Argument auftaucht, dann stecken viele in der Zwickmühle: Ich muss mich entscheiden, ich kann nicht beides gleichzeitig haben. Das Argument und die Harmonie. Viele sagen lieber: Das Argument ist nicht so wichtig, ich möchte lieber Akzeptanz und Anerkennung für den anderen zeigen.

Dadurch werten sie sich doch selbst ab.

Nein, sie werten sich auf als diejenigen, die andere anerkennen. Das ist gut, solange es um Mitgefühl geht. Es wird problematisch, wenn es zur Masche wird. Und derzeit sieht es danach aus, dass es fast wichtiger ist, noch eine gesellschaftliche Minderheit zu entdecken, die bisher nicht mitreden durfte, als ein Argument dafür zu haben, warum es überhaupt bestimmte Unterschiede gibt.

Ein Beispiel?

In der Soziologie gibt es seit Kurzem die Human Animal Studies. Also die Frage danach, was Tiere sind, und wie das Verhältnis der Menschen zu Tieren ist. Diese Fragen sind für die Studenten ein echtes Anliegen: Was mache ich mit meinem Reitpferd? In dem Moment, wo ich es reite, bin ich dominant – darf ich das als Mensch? Wie fühlt sich dann das Tier? Das Interessante an der Diskussion ist, dass den Studenten überhaupt nicht auffällt, dass sie selbst die ganze Zeit erzählen, was in dem Tier alles vorgehen soll. Wenn ich dann sage, dass man das Pferd ja nicht fragen kann, gucken sie fast böse, als wollten sie sagen: Ist das jetzt ein Vorwurf an das Pferd?

Dieses Verhalten ist ja ironischerweise sehr dominant. Ich sage: Du fühlst das, denn Du bist ein Pferd. Oder: Du bist so, weil Du türkische Eltern hast. Ich kann also einfach Subjekte übergehen, für sie sprechen und noch so tun, als kümmerte ich mich um sie.

Das ist ein Widerspruch, das stimmt. Die Leute spüren ihn auch. Aber sie versuchen ihn zu lösen, indem sie sich noch mehr in die anderen hineinversetzen. Umso mehr sie das machen, desto mehr sieht man Muster. Man kann zum Beispiel sehen, wie stark das Bild vom Pferd dem Bild von Kindern ähnelt. Ich muss das Pferd erziehen. Aber dafür schäme ich mich. Dasselbe bei Kindern. Eltern wollen nicht mehr erziehen. Sie hätten es am liebsten, dass das Kind sagt: Ich habe das verstanden, warum du das sagst, du kannst das gerne machen.

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