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Sonnensturm Wieder ist die Sonne nicht explodiert

31.10.2003 ·  Der geomagnetische Sturm verlief glimpflich und brachte vor allem entzückende Polarlichter mit sich. Radar- und Sprechfunk reagierten empfindlich, aber der Flugverkehr war weniger betroffen als befürchtet.

Von Günter Paul
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Rote, grüne und blaue Schleier, die in der nächtlichen Atmosphäre wabern, sind in Deutschland ein ungewohnter Anblick. Manch einer war entzückt, als er am Mittwoch abend in Wolkenlücken einen Blick auf Polarlichter erhaschte, manch einer aber auch verunsichert. Von der Nord- und Ostsee bis zum Westerwald und nach Sachsen hat der Deutsche Wetterdienst solche Sichtungen registriert, die mit dem heftigen Ausbruch auf der Sonne am Dienstag zusammenhingen. Eine Wolke elektrisch geladener Teilchen war bei der Eruption Richtung Erde geschleudert worden, wo die ersten Partikeln nach nur 19 Stunden ankamen und in der Atmosphäre Polarlichter hervorriefen - im Unterschied zu sonst nicht nur in hohen geographischen Breiten.

Daß bei dem Ereignis auch die Zahl der angeblichen Ufo-Sichtungen wieder steigen würde, war zu erwarten. Vermutlich nicht nur in Deutschland, wo besonders das Mannheimer Ufo-Telefon des "Centralen Erforschungs-Netzes für außergewöhnliche Himmelsphänomene" (Cenap) immer wieder klingelte, meldeten sich Bürger und berichteten über "unheimliche Begegungen". Offensichtlich hatten die ungewohnten Polarlichter ihre Phantasie beflügelt.

Radar- und Sprechfunk empfindlich

Wenn auf der Sonne viel los ist, lassen sich die Folgen fast immer auch auf unserem Heimatplaneten spüren. Gleich nach dem Ausbruch - einem der heftigsten seit 1976, als Satelliten mit den Aufzeichnungen begannen - haben die Wissenschaftler vor einem geomagnetischen Sturm gewarnt, den die solaren Partikeln in der Magnetosphäre der Erde auslösen würden. Dadurch könne es zu Störungen im Sprechfunk kommen, aber auch zu Ausfällen ganzer Stromversorgungsnetze. Die Bandbreite der Möglichkeiten ist in einem solchen Fall groß, weshalb die Beeinträchtigungen meist geringer sind, als die Warnungen zunächst erwarten lassen. Es besteht also kein Grund, überzureagieren und das Ereignis hochzuspielen durch Schlagzeilen wie "Flammensturm im All: Explodiert die Sonne?", wie es eine Boulevardzeitung formulierte.

Am stärksten war von dem Sturm vermutlich der Luftverkehr betroffen, weil Radar- und Sprechfunkanlagen besonders empfindlich auf geomagnetische Störungen reagieren. Die Deutsche Flugsicherung hatte schon am Mittwoch vorsorglich die Anzahl der Flüge im deutschen Luftraum begrenzt, die Passagiere mußten Verzögerungen in Kauf nehmen. Jene britischen Transatlantikflüge, die normalerweise auf weit nördlich gelegenen Flugrouten stattfinden, wurden auf südlichere Routen verlegt, weil der Sprechfunk von Piloten durch den Sonnensturm ausgefallen war. Die amerikanische Luftfahrtbehörde FAA, die "Federal Aviation Administration", warnte alle Passagiere, die nördlich des 35. Breitengrades und in mehr als 7500 Meter Höhe flogen, vor einer erhöhten Strahlungsdosis. In jeder Stunde würden sie zwei Millirem ausgesetzt - einem Betrag, der auf der Erdoberfläche erst in zwei Tagen zusammenkommt. Zweifellos nicht gefährlich, aber manch einem wird bei dem Gedanken daran unwohl zumute gewesen sein.

Astronauten der ISS betroffen

Noch weiter oberhalb der Erde wurden besondere Schutzvorkehrungen getroffen. Die beiden Langzeitbewohner der Internationalen Raumstation ISS zogen sich für kurze Zeit in das russische Servicemodul zurück. Dieses ist mehr als die anderen Einheiten der Station gegen Strahlung abgeschirmt, eine Art Schutzbunker für Astronauten bei Sonnenstürmen. Zu einem japanischen Forschungssatelliten hingegen soll der Kontakt verlorengegangen sein, und ein japanischer Kommunikationssatellit namens Kodama wurde für die Zeit des geomagnetischen Sturms abgeschaltet, weil Funktionsstörungen bemerkt wurden. Ob diese allerdings tatsächlich mit den kosmischen Ereignissen zusammenhingen, wird noch zu klären sein.

Zumindest der erste geomagnetische Sturm dieser Tage - ein weiterer kommt schon heran - ist insgesamt also außerordentlich glimpflich verlaufen. Er hat sich als weniger stark erwiesen als ein anderer im Juli 2000, und so große Schäden wie bei einem weiteren im März 1989 haben sich erst recht nicht eingestellt. Damals war als Folge einer Eruption auf der Sonne das Stromversorgungsnetz des kanadischen Unternehmens "Hydro-Québec" ausgefallen, das große Teile des Nordostens der Vereinigten Staaten und Südkanadas beliefert. Direkte Ursache war eine magnetische Induktion elektrischer Ströme in die langen Überlandleitungen. Kritiker haben darauf hingewiesen, daß dieser Ausfall - dessen Kosten sich auf mehrere hundert Millionen Dollar beliefen - hätte vermieden werden können, wenn man rechtzeitig das Netz modernisiert und vor solaren Stromstößen geschützt hätte. Die Kinder, die neun Monate später zur Welt kamen, dürften "Hydro-Québec" dankbar sein.

Helle Polarlichter an Halloween

Der größte geomagnetische Sturm in der Geschichte, der den Forschern bekannt ist, hat die Erde aber in der Nacht vom 1. zum 2. September 1859 heimgesucht. Die Auswirkungen hielten sich gleichwohl in engen Grenzen, so daß das Ereignis schwer zu rekonstruieren war. Doch jetzt zeigen die Puzzleteile, daß sich an jenem 1. September bei einem heftigen Ausbruch auf der Sonne in der entsprechenden solaren Region die Menge der ausgesandten Strahlung für eine ganze Minute verdoppelte. Knapp 18 Stunden später kam eine Wolke elektrisch geladener Teilchen auf der Erde an, die in Telegraphenleitungen Kurzschlüsse erzeugten und dadurch zu zahlreichen Feuern führten. (Der Telegraph war erst fünfzehn Jahre vorher erfunden worden.)

Normalerweise benötigen die Teilchenwolken zwei bis drei Tage dazu, die Erde zu erreichen. Knapp 18 Stunden Flugzeit wie im Jahr 1859 oder 19 Stunden wie am Dienstag sind ausgesprochen wenig. Diesmal ist der Sturm im übrigen auch recht schnell abgeflaut - wenngleich noch nicht zu Ende. Wie die Forscher vorhergesehen hatten, ist dem ersten Ausbruch auf der Sonne, der von der Fleckengruppe mit der laufenden Nummer 486 ausgegangen ist, ein zweiter - und möglicherweise ebenfalls noch nicht letzter - Ausbruch gefolgt. Seit dem Mittwoch abend bewegt sich eine zweite große Wolke aus elektrisch geladenen Teilchen auf die Erde zu, die sie Prognosen zufolge an diesem Freitag erreicht. Die solare Eruption war nicht ganz so heftig wie jene am Dienstag, dafür könnten die zu erwartenden Folgen länger im Gedächtnis der Bevölkerung bleiben, vor allem in den Vereinigten Staaten. Man rechnet nämlich mit hellen Polarlichtern rund um den "amerikanischen" Feiertag Halloween.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 31.10.2003, Nr. 253 / Seite 7
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Jahrgang 1946, freier Autor im Ressort „Natur und Wissenschaft“.

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