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Software Linux erobert die deutschen Amtsstuben

19.04.2003 ·  München will Microsoft in seinen Amtsstuben loswerden. Das könnte Bill Gates egal sein. Doch das Beispiel macht jetzt auch in anderen Kommunen Schule.

Von Jann Gerrit Ohlendorf
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Steve Ballmer gilt nicht unbedingt als zimperlich. Wenn der Microsoft-Vorstandsvorsitzende Mitarbeitern bei internen Motivationskundgebungen einimpft, wie Konkurrenten zu schlagen sind, klingen Begriffe wie Kampf und Sieg kaum nach Metaphern.

Die Führungsetage des Münchner Rathauses erlebte Mitte März eine andere Seite des ruppigen Chefverkäufers. "Er hat wirklich versucht, einen sympathischen Eindruck zu hinterlassen", sagt Ernst Wolowicz, der das Direktorium von Deutschlands größter Kommune leitet. "Aber das tut nichts zur Sache. Die Entscheidung hängt davon ab, wer das bessere Angebot abgibt."

Schwäbisch-Hall macht ernst

München, Deutschland-Sitz des amerikanischen Software-Hauses, steht vor einer Richtungswahl: Bleibt die Stadt Microsoft treu bei Betriebssystem und Büroanwendungsprogrammen - oder wechselt sie doch lieber zur freien Software Linux? Für die Stadt geht es um 16 000 Rechner und einige Server, für Microsoft um weitaus mehr: "Wenn die größte deutsche Kommune auf Linux umsteigt, ist das ein Signal", sagt Wolowicz. Bis Ende April muß Microsoft ein Angebot abgeben; am 28. Mai entscheidet der Stadtrat.

In der Großstadt München ist der Abschied von Microsoft vorerst eine Drohung, in der Kleinstadt Schwäbisch Hall Realität. 1997 wurden erste Server umgerüstet, jetzt ist der Zentralserver dran. "Dann wird der komplette Kernbereich der Verwaltung mit allen Einzelplatzrechnern über Linux verwaltet", sagt der EDV-Koordinator der Stadt, Horst Bräuner. Im November hatte Schwäbisch Hall den Umstieg auf Linux angekündigt; seither häufen sich im Rathaus die Anfragen aus anderen Gemeinden.

Kommunen als Trendsetter

Das Informationsbedürfnis hat Microsoft selbst mit angefacht: Überall, wo Windows NT noch im Einsatz ist, müssen die IT-Verantwortlichen entscheiden, ob sie, wie von Microsoft vorgesehen, auf das Nachfolgeprodukt XP umsteigen. Wer nicht den Anschluß verlieren will, muß wechseln. Die sogenannte Migration kostet Geld - und läßt vielerorts die Bereitschaft wachsen, über eine Alternative zu Microsoft nachzudenken. "Die Kommunen sind beim Thema Linux ein Trendsetter", sagt IBM-Sprecher Hans Rehm. Entschiede sich München für Linux, könnte eine Lawine ins Rollen kommen.

Ballmer, der für die Visite in München angeblich sogar seinen Skiurlaub unterbrochen hatte, will offenbar um fast jeden Preis verhindern, daß es soweit kommt. Aber noch ist nichts entschieden, München pokert weiter. An diesem Donnerstag war Richard Seibt im Rathaus, Vorstandsvorsitzender der Nürnberger Suse Linux AG. Seibt findet die Unruhe bei Microsoft verständlich. Denn seiner Auffassung nach ist Linux nicht nur billiger, sondern dem übermächtigen Konkurrenten auch technisch überlegen: "Neue Anwendungen werden schon jetzt immer erst auf Linux entwickelt, und dann auf andere Systeme übertragen."

Microsoft muß sich bewegen

Auf die leichte Schulter nimmt Microsoft die Konkurrenz längst nicht mehr. War die Lobbyarbeit vor der Entscheidung des Deutschen Bundestags - der sich für Linux-Server entschied, Microsoft aber die Ausstattung der Einzelrechner anvertraute - vergleichsweise plump, kämpft Microsoft jetzt auch mit dem Florett. Und an vielen Fronten. Fachleute schätzen, daß mittlerweile fast jeder dritte Server mit Linux betrieben wird. Anders sieht es beim Desktopgeschäft aus. Höchstens fünf von 100 Rechnern laufen ohne Software von Microsoft. Doch nun wächst dem Unternehmen mit Linux auch im bislang sicheren Stammgeschäft Konkurrenz heran.

Microsoft muß sich bewegen. Ein neuer Rahmenvertrag mit dem Bundesinnenministerium ist ein erstes Resultat der veränderten Marktlage. Microsoft räumt darin nicht nur jeder Einrichtung der öffentlichen Hand Sonderkonditionen ein, sondern verpflichtet sich auch dazu, "die Nutzung offener Standards in Microsoft-Produkten voranzutreiben".
Innenminister Otto Schily, der als Linux-Freund gilt, lobt das Abkommen auf seine Weise: "Die Verträge geben allen Behörden die Chance, Microsoft-Produkte kostengünstig einzusetzen, ohne verpflichtet zu sein, ausschließlich Microsoft-Produkte zu verwenden."

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 20.04.2003, Nr. 16 / Seite 34
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