Bei strahlendem Winterwetter ins Auto setzen, in die Berge fahren und die Skier anschnallen - wer würde das nicht gerne? Für Bernhard Zenke, den Leiter der Lawinenwarnzentrale Bayern, gehören solche Ausflüge zum Berufsbild. Wann immer in den Alpen Schnee liegt, muß er oder einer seiner Mitarbeiter mittags los, um sich selbst ein Bild von Wind, Wetter und Schneedeckenaufbau zu machen. Auch wenn es stürmt und schneit. "Der Neid der Kollegen hängt immer vom Wetter ab", sagt Zenke schmunzelnd.
"Vor Kälte und Schnee darf man sich nicht scheuen." Das beginnt für den 53 Jahre alten Murnauer manchmal schon morgens früh nach dem Aufstehen. Wenn er sich um halb fünf von Murnau am Staffelsee über die Autobahn 95 nach München aufmacht, sind die Straßen noch nicht geräumt und nicht gestreut. "Es kommt vor, daß ich Schneeketten auflegen muß." Um halb sechs ist er im Büro und stellt den Lawinenlagebericht zusammen, der jeden Tag um 7.30 Uhr fertig sein muß und über Internet, Bildschirmtext, eine Telefonansage oder Fax abgerufen werden kann.
Geld bekommt keiner
Einen ganzen Strauß von Informationen führt Zenke in diesen Berichten zusammen, die in einer einzigen Zahl nochmals komprimiert werden: von "1" für "geringe" bis "5" für "sehr große" Lawinengefahr. Dafür zeichnen fünf ehrenamtliche Beobachter in den Bergen täglich zwischen 6 und 7Uhr morgens Wind und Wetter, Luft- und Schneetemperatur, Neu- und Gesamtschneehöhe auf und kommentieren die Beschaffenheit des Schnees: Wie hart ist er? Wie tief sinkt man ein? Weitere acht Helfer gehen nachmittags auf Skitour.
Dazu kommen die Daten, die fünfzehn automatische Meßstationen rund um die Uhr ermitteln, und die "Schneeprofile", die Skibergsteiger in 23 Meßfeldern im gesamten bayerischen Alpenraum nehmen. Sie wandern alle zwei Wochen zu festgelegten Terminen auf Skiern zu ihrem Meßfeld und graben den Schnee bis zum Boden auf, um die verschiedenen Schneeschichten offenzulegen. Die Meßfelder befinden sich meist in der Nähe eines Skigebiets, so daß die Helfer den größten Teil des Wegs mit dem Lift zurücklegen können. Geld bekommt keiner der ehrenamtlichen Beobachter, nur eine Aufwandsentschädigung für die Telefonate. "Das sind Idealisten", sagt Zenke.
Im Sommer frei
Die frühen Beobachter müssen 130 bis 140 Mal im Jahr morgens um 6 Uhr aus den Federn. Ebenso viele Lawinenlageberichte erstellen Zenke und zwei seiner Mitarbeiter jeden Winter abwechselnd im Schichtdienst. Täglich einen neuen, auch am Wochenende. Da sperrt Zenke das Büro aber schon um 9 Uhr wieder zu und bringt der Familie vom Nachhauseweg frische Brötchen mit.
Längere Winterurlaube sind nicht drin, dafür hat Zenke im Sommer oft frei. Zum Jahresurlaub kommt Freizeitausgleich für die vielen Wochenenddienste im Winter. Zu tun gebe es aber auch im Sommer etwas, sagt der Oberbayer. Da werden etwa Lawinenereignisse des vergangenen Winters dokumentiert, Gutachten erstellt und Schutzmaßnahmen beraten.
Ab hier Lawinengefahr
Zum Lawinenfachmann wurde der studierte Forstwirt, seit seiner Jugend begeisterter Skitourengeher, eher zufällig. Als Mitte der achtziger Jahre das Waldsterben zunahm, beschäftigte er sich mit den Auswirkungen, die das Verschwinden der Bergwälder haben könnte. Promoviert wurde er mit einem Thema über Geschwindigkeiten und Reichweiten von Lawinen - und fing 1985 in der Lawinenwarnzentrale an, einer Abteilung im Bayerischen Landesamt für Wasserwirtschaft.
Unter den Beamten dieser Behörde sind Zenke und seine sieben Mitarbeiter Exoten, und das lassen sie spüren. "Ab hier Lawinengefahr", weist ein altes, etwas verblichenes rotes Schild auf die kleine Abteilung am Ende eines langen Gangs hin. An seinem Beruf schätzt der Dreiundfünfzigjährige dessen Vielseitigkeit - und die Unberechenbarkeit. "Man weiß nie, was in der nächsten Woche passiert." Bis Mitte Dezember war es in den Bergen warm und in der Lawinenwarnzentrale deshalb ruhig. Doch am 15. Dezember schneite es kräftig - und seit dem 16. schreiben Zenke und seine Leute täglich frühmorgens Berichte.
Jeden Winter drei
Bei schlimmen Lawinenunfällen haben die Mitarbeiter eine 60-Stunden-Woche. "Der Medienrummel ist enorm. Wenn ein Mensch in einer Lawine stirbt, kommen die Fernsehteams sogar aus Berlin." Auf freigegebenen Pisten und öffentlichen Straßen in Bayern habe es aber seit Bestehen des Lawinenwarndienstes 1967 keinen Toten gegeben. Im nicht kontrollierten Gelände traf es seither rund 100 Skibergsteiger, Skifahrer und Schneeschuhgeher - im Durchschnitt jeden Winter drei.
Auch wenn keine Toten zu beklagen sind, sind Zenke und seine Mitarbeiter bei Lawinen schnell zur Stelle. Zum Beispiel, als im vergangenen Winter eine Lawine auf die Straße zwischen Mittenwald und Scharnitz abging. In solchen Fällen geben die Fachleute in Zusammenarbeit mit den örtlichen Lawinenkommissionen Empfehlungen, ob und wie lange die Straße gesperrt werden und die Schneedecke gesprengt werden sollte. Und sie geben Ratschläge für Schutzbebauungen.
Von Hang zu Hang unterschiedlich
Dabei sind die Fachleute der Lawinenwarnzentrale auch schon mal anderer Meinung als die von solchen Vorschlägen Betroffenen: der Liftbetreiber, dessen Piste gesperrt werden soll, oder das Landratsamt, das die oft Millionen teuren Schutzbauten bezahlen soll. "Es gibt immer Leute, die es besser wissen", sagt Zenke. Seit dem schweren Lawinenunglück im österreichischen Skiort Galtür 1999 mit 31 Toten tun sich die Fachleute bei ihrer Überzeugungsarbeit leichter.
Am häufigsten sind Lawinenunfälle aber nicht bei den hohen Gefahrenstufen vier oder fünf. Zwei Drittel aller tödlichen Unfälle passieren bei Stufe drei - der "erheblichen" Lawinengefahr. "Da liegen gute und schlechte Verhältnisse sehr nah beieinander", sagt Zenke. Während es auf einem sonnigen Bergrücken völlig ungefährlich sein kann, kann ein Skifahrer ein paar Meter weiter in einer steilen Rinne, die der Wind voller Schnee geweht hat, eine Lawine auslösen. Deshalb sei die Zahl auch nur von begrenzter Aussagekraft, sagt der Leiter der Lawinenwarnzentrale. Denn die Verhältnisse können nicht nur von Berg- zu Bergregion, sondern auch von Hang zu Hang unterschiedlich sein. Gefährlich ist vor allem der erste schöne Tag nach heftigen Schneefällen. Da hat sich die Schneedecke noch nicht gesetzt.
Bernhard Zenke kann sich nicht entsinnen, selbst in eine kritische Situation gekommen zu sein. "Meine Frau macht sich keine Sorgen wegen der Lawinen. Das Risiko, das mir etwas bei der täglichen Fahrt mit dem Auto von Murnau nach München passiert, ist ja viel größer." Privat geht er ohnehin nur noch vier- bis fünfmal im Winter auf Skitour, zumal bisher nur eines seiner drei Kinder ihn begleitet. "Ich komme auch so genug raus." Manche Tour allerdings, die er als Teenager gemacht hat, würde er heute wohl bleiben lassen. "Da haben wir manchmal Glück gehabt, daß wir noch heimgekommen sind."