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Singles : Ich bin mal weg, Leute

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Immer mehr Menschen wohnen in Deutschland alleine. Bild: ZB

Viele Singles sind jung, verdienen gut. Sie lieben ihre Autonomie, sind aber auch eifrige Beziehungsarbeiter. Doch auf wen können sie wirklich bauen, wenn sie mal schwer erkranken?

          Justus Gravenbruch ist ein baumlanger Kerl von 1,94 Metern, er steckt in einem grau glänzenden Geschäftsanzug und einem gestreiften Hemd mit feinen Manschettenknöpfen. Die Armbanduhr liegt festgezurrt am Handgelenk. Für seine 34 Jahre aber hat der Personalberater ein paar graue Haare zu viel. Schuld sind die Jagd nach Kunden, Umsatz oder Boni und die Demütigungen durch seinen Chef. Der Tod des Vaters und sein einsames Singleleben belasteten ihn zusätzlich, dann kam noch mehr Arbeit hinzu und ein Projekt, das ihm um die Ohren flog. All das steckte sein Körper weg.

          Doch seine Psyche nicht. Monatelang schlich sich die Depression an. Dann nietete sie ihn um. Nervenzusammenbruch in der Firma, heulendes Elend beim Arzt, mehrere Monate Psychiatrie. „Ich hätte nie gedacht, dass ich krank werden könnte“, sagt Gravenbruch, der eigentlich anders heißt. Und fügt hinzu: „Es ist schwer, andere um Hilfe zu bitten. Man will schließlich niemanden belasten.“

          16 Millionen Deutsche leben alleine

          Fast 16 Millionen Menschen lebten 2011 in Deutschland allein. Das sind mehr als dreimal so viele wie vor zwanzig Jahren. Die Zahlen des Statistischen Bundesamtes belegen allerdings nicht, wie viele dieser Alleinlebenden Singles sind und ihr Leben alleine meistern. Die meisten von ihnen bemühen sich wohl um rege Kontakte zu ihrer Familie, haben aber auch einen großen Freundeskreis, der für allerhand praktische Dinge zu Hilfe gerufen werden kann: wenn der Wasserhahn tropft, der Computer abgestürzt ist oder die Blumen gegossen werden müssen.

          Doch wie belastbar sind diese Beziehungen in Krisenzeiten? Stefan Hradil, emeritierter Soziologieprofessor an der Uni Mainz, hat eine verblüffend klare Antwort: „Diese Netzwerke halten nicht. Da hilft nur die Familie.“ Das sei die einhellige Meinung sämtlicher Soziologen. „Wer erkrankt, dem holen Freunde oder Nachbarn drei Tage lang Medikamente aus der Apotheke, dann gucken sie 14 Tage, wie es den Kranken geht, dann setzt es meistens aus.“

          Hradil, der „wahrlich kein Anhänger eines altmodischen Familienbildes“ ist, kann über die Gründe dafür nur spekulieren, aussagekräftige Studien dazu gibt es nämlich nicht. Nur so viel sei klar: „Junge Alleinstehende leben mit der Illusion, sie hätten ja viele Bekannte. Der Gedanke an Krankheiten nervt und wird verdrängt.“ Die meisten jungen Singles wählten ihre Freunde aufgrund von Sympathie oder gegenseitigem Nutzen, Gesundheit werde als selbstverständlich angesehen und stillschweigend vorausgesetzt.

          Im Fall einer Erkankung hält das „Netzwerk Freunde“ nicht.

          Nur Eltern und Geschwister hätten die Ausdauer und Nerven, ihren Angehörigen über Monate oder gar Jahre hinweg unter die Arme zu greifen und sie zu pflegen. Dass der Hilferuf von Kindern oder Geschwistern ungehört bleibt, glaubt der Soziologe nicht, selbst wenn die Familie sich vorher verkracht haben sollte. Er zitiert den österreichischen Schriftsteller Karl Kraus: „Das Wort Familienbande hat einen Beigeschmack von Wahrheit.“

          Dass die Belastbarkeit von Freunden begrenzt ist, beobachtet auch Gabriele Schubert, seit sechzehn Jahren Leiterin des Sozialdienstes der Uniklinik Frankfurt. Ihr Team berät Patienten mit Krebs, HIV oder komplizierten Beinbrüchen in sozialen und wirtschaftlichen Fragen. Erschreckend sei, dass in den letzten Jahren immer mehr junge Leute, die im Berufsleben stünden, dramatisch erkrankten: „Wir müssten mehr Augenmerk auf junge Singles richten.“

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