13.07.2005 · Der Schock der „Columbia“-Katastrophe saß tief. Fast zweieinhalb Jahre hat es gedauert, bis die Nasa wieder einen Shuttle-Start wagt. Für die Amerikaner geht es an diesem Mittwoch schlicht um die bemannte Raumfahrt.
Von Horst RadermacherFast wäre es einem tropischen Wirbelsturm gelungen, der Nasa zu guter Letzt doch noch einen Strich durch die Rechnung zu machen. Kurz bevor Hurrikan „Dennis“ am Freitag Kuba erreicht hatte, erwogen die Manager der Raumfahrtagentur für einige Stunden, die Raumfähre Discovery von der Startrampe 39-B rollen zu lassen und sie in der großen Montagehalle des Kennedy-Raumfahrtzentrums vor dem Sturm in Sicherheit zu bringen. Doch die Nasa verließ sich auf die Vorhersagen des Hurrikan Warnzentrums und lag damit richtig: „Dennis“ verschonte Cape Canaveral. Und deshalb kann an diesem Mittwoch um 21.51 Uhr (MESZ) zum 114. Mal eine Raumfähre in eine erdnahe Umlaufbahn abheben - wenn es beim Countdown keine unvorhergesehenen Zwischenfälle mehr gibt.
Ein solcher Zwischenfall trat zwar am Dienstag abend ein, doch die Nasa will sich davon nicht mehr aufhalten lassen. „Das Problem ist beseitigt, wir sind im Zeitplan für den Start“, sagte eine Nasa-Sprecherin nachdrücklich, und auch Nasa-Chef Michael Griffin betonte, die Discovery sei „startbereit“. Der Grund für die Aufregung ist verständlich: Die Raumfähre wurde am Dienstag leicht beschädigt, als sich eine Plastikabdeckung von einem der Shuttle-Fenster gelöst hatte und aus etwa 20 Metern Höhe auf eines der beiden Steuerungssysteme gefallen war. Dort beschädigte das Teil einige Hitzekacheln. Diese Kacheln schützen die Raumfähre beim Wiedereintritt in die Erdatmosphäre vor der enormen Hitze - und just durch einen beschädigten Hitzeschild war es vor 29 Monaten zur Explosion der Columbia beim Landeanflug auf die Erde gekommen.
Letzte Chance für die Shuttles
Der Vorfall zeigt, daß es auch nach mehr als 110 erfolgreiche Starts keine wirkliche Routine bei Shuttle-Starts gibt - und der Discovery ist ohnehin alles andere als alltäglich. Von diesem Flug wird es nicht nur abhängen, ob die Internationale Raumstation fertiggestellt werden kann oder ob sie als Bauruine im Orbit endet. Mit diesem Flug wird sich auch entscheiden, wie es mit der bemannten amerikanischen Raumfahrt weitergeht. Ein Mißlingen würde das Ende des mehr als 25 Jahre alten Shuttle-Programms bedeuten. Amerika wäre damit zum ersten Mal seit dem ballastischen Hüpfer von Alan Shepard im Jahre Mai 1961 nicht in der Lage, Astronauten mit eigenen Mitteln in den erdnahen Weltraum zu schicken.
Allerdings ist die Zuversicht, die sowohl die Ingenieure und Manager der Nasa als auch die Astronauten zeigen, keineswegs nur zur Schau gestellt. Seit der Katastrophe der Raumfähre Columbia vor mehr als 29 Monaten hat man in den Forschungs- und Entwicklungszentren der Raumfahrtbehörde alles technisch nur Denkbare getan, um die Fähren sicherer zu machen. Und auch die sieben Astronauten, die heute unter dem Kommando von Eileen Collins in den Orbit starten sollen, flögen nicht, wenn sie sich in der Discovery nicht sicher fühlten. Von der Veranlagung her sind die Raumfahrer weder Haudegen noch Hazardeure. Kommandantin Collins ist Oberst der Luftwaffe, erfolgreiche Testpilotin und Mutter zweier Kinder. Sie würde sich nicht blindlings in ein Abenteuer mit ungewissem Ausgang stürzen. Zu ihrer Mannschaft gehört auch Charles Camarda, ein promovierter Ingenieur für Luft- und Raumfahrt. Ihm können die Nasa-Manager kein X für ein U vormachen. Vielmehr hat er selbst an vielen der technischen Verbesserungen der Shuttle-Flotte mitgearbeitet.
Ein Risiko fliegt immer mit
Daß dennoch Zweifel an der Sicherheit der Raumfähren bleiben, liegt in der Natur des Unternehmens. Raumfahrt ist mit einem technischen Risiko behaftet. Selbst wenn alle Schrauben und Bolzen an der Fähre dutzende Male überprüft und die Computerprogramme immer wieder auf Fehler durchsucht werden, bleibt ein Restrisiko, das zum Verlust einer Fähre und dem Tod von Astronauten führen kann. Der Chefingenieur des Shuttle-Programms, John Moratore, trägt dieser Tatsache Rechnung, wenn er den Flug der Discovery als "experimentellen Testflug" einstuft. Sein Vorgesetzter, der Manager des Shuttle-Programms Bill Parsons, bezeichnet die Raumfähre Discovery aber als den sichersten Space Shuttle, den es je gab. Schon einmal wurde genau dieser Raumtransporter auf die gleiche Weise charakterisiert. Das war vor nahezu 17 Jahren, in den letzten Septembertagen des Jahres 1988. Damals stand die Discovery ebenfalls auf Startrampe 39-B, und fünf Astronauten fieberten dem Start entgegen. Auf einer Pressekonferenz vor dem Start benutzte James Fletcher, der damalige Chef der Nasa, damals die gleichen Worte wie Parsons heute. Die Nasa sei wieder obenauf und die "Eroberung des Weltraums" könne weitergehen, fuhr Fletscher fort.
Auch vor 17 Jahren galt es, nach der Katastrophe einer Raumfähre und dem Tod ihrer sieben Astronauten wieder Tritt zu fassen. Am 28. Januar 1986 war die Fähre Challenger 73 Sekunden nach ihrem Start explodiert. An Bord befand sich neben sechs Berufsastronauten auch die Lehrerin Christa McAulife. Sie sollte aus dem Orbit per Videoverbindung Tausende Schulkinder überall in Amerika unterrichten und damit unter der Jugend neuen Enthusiasmus für die bemannte Raumfahrt wecken. Deshalb verfolgten viele Schulklassen den Start der Challenger vor dem Bildschirm, deshalb saß der Schock nach der Explosion besonders tief.
Nur wenig Aufmerksamkeit
Eine Kommission wurde damals mit der Untersuchung der Ursachen des Unglücks betraut. Die Gruppe unter dem ehemaligen amerikanischen Außenminister William Rogers ging nicht nur den Dingen auf den Grund. Sie sprach auch Empfehlungen aus, wie künftig ähnliche Unfälle vermieden werden könnten. Die Nasa beherzigte die Empfehlungen, und 32 Monate nach der Challenger-Katastrophe führte die Discovery unter dem Kommando von Frederick Hauck Amerika wieder zurück in den Weltraum. Auch nach dem Columbia-Unglück am 1. Februar 2003 ging eine Untersuchungskommission ans Werk. Auch sie sprach Empfehlungen aus, die Nasa ging in sich, gelobte Besserung, verbesserte die drei verbliebenen Raumfähren, und nun richten sich wieder alle Hoffnungen auf die Discovery. Auf den ersten Blick erscheint es also, als sei die Situation heute ähnlich wie jene vor 17 Jahren.
Dieser Eindruck täuscht allerdings. Im Frühherbst des Jahres 1988 schien die gesamte Nation mitzufiebern. Die Challenger-Katastrophe hatte einen tiefen Schock durch Amerika gehen lassen. Die Amerikaner waren auch deshalb aufgewühlt, weil die Nasa, lange Zeit der technische Stolz der Nation, versagt hatte. Damals hatte die Nasa noch einen nahezu unanstastbaren Ruf als jene Regierungsbehörde, die den Sputnik-Schock zu überwinden geholfen und Astronauten mit dem Sternenbanner auf den Raumanzügen zum Mond gebracht hatte. Die Raumfähren waren damals Symbolfiguren der technischen Führungsrolle Amerikas.
Die Columbia-Katastrophe stürzte die Nation aber nicht mehr in tiefe Selbstzweifel. Nach dem Terroranschlag auf das Bundesbehördenhaus in Oklahoma im Jahre 1995 und den Terrorangriffen auf New York und Washington am 11. September 2001 scheinen viele Amerikaner Katastrophen gegenüber abgestumpft. Der Verlust der Columbia wurde zwar wahrgenommen, traf aber nicht mehr ins Herz der Amerikaner. Folglich widmen viele Menschen auch der für heute geplanten Wiederaufnahme der Shuttle-Flüge nur wenig Aufmerksamkeit. Die bemannte Raumfahrt ist schon längst nicht mehr ein Symbol der technischen Vormachtstellung Amerikas. Weder der Bau der Raumstation noch die Tatsache, daß heute abend eine Raumfähre unter dem Kommando der erfahrensten Astronautin im Korps der Nasa fliegen wird, rufen bei Amerikanern Erstaunen oder gar Begeisterung hervor. Insofern geht der Start der Discovery doch im Alltagsgeschäft unter.