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Showtanztruppe im Karneval Auch ohne Federn auf die Pyramide

13.02.2012 ·  Im Karneval tritt die Showtanzgruppe des TV Hechtsheim gleich mehrmals an einem Abend auf. Das übersteht man nur mit Routine – und Energie.

Von Oliver Kühn, Mainz
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© Cornelia Sick Da wird man zur Rampensau: Auch wenn das Fernsehen dabei ist – die Showtänzerinnen des TV Hechtsheim kennen kein Lampenfieber mehr.

Rote Lippen mit goldener Umrandung, weiße Striche auf Kinn und Nase, weiße Punkte auf der Stirn und Rastaperücken auf dem Kopf: Als die 13 Frauen um halb neun Uhr abends in einer Sporthalle in Mainz-Marienborn in die Karnevalssitzung kommen, schauen die 400 Narren ohne Rastaperücken auf: Die Showtanzgruppe des TV Hechtsheim ist da! Ihr Programm ist auf ihren Trainingsanzügen zu lesen: "Fun & Dance".

Bis zum Auftritt sind es noch gut 30 Minuten. Zeit für ein bisschen Klatsch und Tratsch und neue Schminke. Ilonka steigt aus dem Trainingsanzug und zieht ihr Kostüm an. Viel Orange, ein wenig Schwarz und Silber, bunte Glitzerpailletten. Am Arm ist ein Papagei aufgenäht, um den Hals windet sich eine Schlange. Federbüsche an Knöcheln und Handgelenken. Federkrone aufgesetzt - und fertig ist die Amazone aus dem Dschungelparadies. Das ist in diesem Jahr das Motto der Hobbytänzerinnen.

Nur noch wenige Minuten bis zum Auftritt. Charlotte, mit 20 Jahren die Jüngste, vermisst ihren Federschmuck für das Handgelenk. Sie habe ihn nach den Auftritten am Vorabend in ihren Kleidersack getan und nicht mehr ausgepackt. Wo kann er sein? Alle beginnen zu suchen. Hat ihn jemand anderes eingesteckt? Doch keine fremden Federn sind zu finden. "Dann muss es auch ohne gehen!"

Die Trainerin der Truppe, Elke Schneider, ruft zur Aufstellung. Noch einmal den Einmarsch in den Sitzungssaal durchgehen. Dann sind alle fertig. Die Nervosität wächst. Ilonka und Marion treten in eine dunkle Ecke, murmeln vor sich hin und klopfen mit den Fingern auf verschiedene Punkte an der Stirn: Das Ritual vor jedem Auftritt soll Energie freisetzen.

Zugabe, Lächeln, Winken, ab in den Keller

Es geht los. Gebückt schleichen sich die Frauen in den Saal, doch ihr Vorredner ist noch nicht fertig. Als der Sitzungspräsident sie endlich ankündigt, geht die Musik los. Zu den Tönen von Shakiras "Waka, Waka" beginnen sie den Auftritt. Höhepunkte sind die Hebefiguren und die menschliche Pyramide am Schluss. Das Publikum fordert Zugabe. Noch einmal lächeln und durchhalten. Dann verlassen sie unter dem Beifall der Piraten, Gespenster und Edelfräulein den Saal. Außer Atem im Umkleideraum. Keine Zeit, sich zu erholen. In einer halben Stunde steht der nächste Auftritt an. Ilonka streift sich schnell ihren Trainingsanzug über, packt den Federschmuck ein und steigt ins Auto zur Fastnachtsfeier eines bayerischen Trachtenvereins in Weisenau.

Eine Viertelstunde Fahrt, eine Viertelstunde Zeit zum Entspannen im Auto. Alle steigen aus, ab in den Keller der Mehrzweckhalle. Die Umkleide ist ein kleiner Raum. Kurz wird durchgesprochen, was hier zu beachten ist. Ilonka und Marion klopfen sich an die Stirn, dann geht es nach oben. Wieder gebückt in den Saal, wieder müssen sie warten, bis der letzte Auftritt zu Ende ist. Die Bühne ist für die Hebefiguren zu niedrig, sie müssen improvisieren. Zugabe, Lächeln, Winken, ab in den Keller. Manöverkritik. Sie sind nicht zufrieden. Einige Figuren klappten nicht so, wie sie schon seit über einem halben Jahr im Training eingeübt wurden. Ein Männerballett möchte in den Raum, um sich für den Auftritt vorzubereiten. So ziehen sie schnell ihre Kostüme aus, die Sportklamotten an, wieder in die Autos, dieses Mal quer durch Mainz zu den Mombacher Bohnebeitel, einer der bekanntesten Karnevalssitzungen. Dort ist der gesamte Parkplatz vor der Halle belegt. Übertragungswagen des SWR: Die Sitzung wird für die Fernsehausstrahlung aufgezeichnet.

Die Veranstaltung hinkt dem Plan hinterher, über eine Stunde Zeit zum Entspannen. In der Umkleide steht Essen bereit, einiges haben sie auch selbst mitgebracht, doch nur ein paar Mandarinen werden geschält. Das Aroma von Zitrusfrüchten mischt sich mit dem beißenden Duft von Nagellack, der nachgebessert wird. "Ich bin schon von Anfang an dabei", erzählt Ilonka. Eigentlich seien sie früher zum Aerobic zusammengekommen. Bei einem Fest ihres Turnvereins im Jahr 2002 seien sie zum ersten Mal mit einer Choreografie aufgetreten. Die habe dem Veranstalter eines Fastnachtstreffens so gut gefallen, dass er die Truppe für einen Auftritt engagiert habe. Für immer mehr Auftritte wurden sie gebucht. Mittlerweile sind es 30 bis 40 pro Kampagne.

Jedes Jahr ein neues Motto, jedes Jahr ein neues Kostüm

Ilonka sagt, mehrere Auftritte an mehreren Abenden hintereinander seien schon anstrengend: "aber positiver Stress". Für so ein zeitraubendes Hobby müsse das Umfeld stimmen. Die Männer müssen sich zu Hause um die Kinder kümmern oder um den Bühnenaufbau und die Musik. Mehr als ein Hobby ist es aber nicht. Geld verdienen können sie mit den Auftritten kaum. Mit den Einnahmen werden die Unkosten für Kostüme und Bühnendekorationen beglichen. Jedes Jahr ein neues Motto: jedes Jahr ein neues Kostüm, den 13 Frauen auf den Leib geschneidert, 500 Euro pro Person.

So richtig jung sind die meisten nicht. "Das ist ja gerade unsere Stärke", sagt Ilonka. Vielen Zuschauern gefallen Frauen mit Ausstrahlung auf der Bühne besser als junge Mädchen. Die machten vielleicht riskantere Figuren, wirkten dafür aber eher steril. Ilonka liegt mit Anfang vierzig im Altersdurchschnitt. Solange ihr kein Knochenbruch dazwischenkommt wie ihrer Ritualpartnerin Marion, sei das kein Problem.

Plötzlich wieder Spannung. Kostüme werden trockengeföhnt, Kopfputze repariert. Dass das Fernsehen oben wartet, macht sie nicht nervös, sagt Ilonka. "Man wird zur Rampensau", meint auch eine Freundin. "Wenn man das ein paar Mal gemacht hat, dann will man auf die Bühne." Marion versucht, sich mit Bachblütentropfen zu beruhigen. Ein letztes Mal an diesem Abend murmeln sie ihr Ritual.

Als der Büttenredner fertig ist, tanzen sie zur Livemusik der Band auf die Bühne. Auch der Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz, Kurt Beck, klatscht im Takt und pfeift bekannte Melodien mit. (Ab und an kann er ein Gähnen nicht unterdrücken, es ist schon Mitternacht.) Jubel nach dem Auftritt, Hochstimmung in der Umkleide. "Das war doch fast perfekt!" Mit Sekt wird angestoßen. Der erste Fernsehauftritt von Charlotte, der Jüngsten, wird gefeiert, mit einem dreifach donnernden: "Helau, Helau, Helau!"

Zum großen Finale dürfen sie noch einmal auf die Bühne, dann ist der Pflichtteil erledigt. Die Kür ist der Empfang des SWR. Wieder werden Kostüme trockengeföhnt, ein wenig Parfum wird aufgelegt, dann geht es in voller Montur ins Getümmel. Viele Zuschauer gratulieren zum gelungenen Auftritt. Ilonka, voller Energie noch weit nach Mitternacht, geht um zwei. Morgen geht's weiter.

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