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Shell Jugendstudie : Das Netz fängt die Jugend ein

Deutschlands Jugendliche sind politisch interessierter als noch vor ein paar Jahren. Das tun sie kund, wie beim diesjährigen Walk for Peace in Berlin. Bild: dpa

Das Interesse deutscher Jugendlicher an Politik ist in den vergangenen Jahren stark gewachsen. Das liegt wohl auch an der vielen Zeit, die sie im Netz verbringen.

          Die Jugend in Deutschland blickt positiv in die eigene Zukunft und in die Zukunft der Gesellschaft, ist mehrheitlich stolz auf das Land, in dem sie aufwächst, hält Familienwerte hoch und bejaht mehrheitlich auch Leistungswerte wie Fleiß und Ehrgeiz. „Eine pragmatische Generation im Aufbruch“: So lautet das zusammenfassende Fazit, das der Bielefelder Soziologe Mathias Albert, der am Dienstag die 17. Shell-Jugendstudie in Berlin präsentierte, aus den einzelnen Ergebnissen dieser Erhebung zieht.

          Johannes Leithäuser

          Politischer Korrespondent in Berlin.

          Die Shell-Studie zeichnet seit den fünfziger Jahren im Fünf-Jahres-Rhythmus die Ansichten und Einstellungen der Jugendlichen (im Alter zwischen 12 und 25 Jahren) nach. Der Trend zum „Pragmatismus“, also ein schwindender Hang zum jugendlichen Aufbegehren, ist dabei schon länger zu beobachten. Schon 2002 attestierte die damalige Jugendstudie den Jugendlichen eine zunehmend „pragmatische und unideologische“ Tendenz. Diese Haltung lässt sich womöglich aus den steigenden Raten der eigenen und der allgemeinen Zufriedenheit ableiten. In der aktuellen Studie geben 61 Prozent der 2558 repräsentativ Befragten an, sie seien optimistisch für ihre persönliche Zukunft; 52 Prozent erwarten auch eine positive Entwicklung der Gesellschaft.

          Das Vertrauen, das sich aus diesen Zahlen lesen lässt, spiegelt sich in den Erwartungen an das Berufsleben. Da hat die Sicherheit des Arbeitsplatzes die höchste Bedeutung: 95 Prozent halten sie für wichtig oder eher wichtig. Danach folgen Kriterien wie Freude am Beruf oder der Wunsch nach einer sinnvollen Tätigkeit.

          18,4 Stunden pro Woche online

          Den stärksten Wandel misst die aktuelle Shell-Jugendstudie in Bezug auf den Aufenthalt der Jugend in der digitalen Welt: 99 Prozent der Jugendlichen haben mittlerweile Zugang zum Internet – damit ist, wie feststellt wird, „die Vollversorgung erreicht“. Überdies verbringen Jugendliche heute wöchentlich durchschnittlich 18,4 Stunden online – doppelt so viel Zeit wie noch vor zehn Jahren. Gleichzeitig ist das Vertrauen in die Akteure und Betreiber der virtuellen Welt eher gesunken als gewachsen. 72 Prozent neigen zu der Auffassung, große Konzerne wie Google oder Facebook wollten das Internet beherrschen, drei Viertel der jungen Befragten beteuern, sie gingen im Internet vorsichtig mit ihren persönlichen Daten um.

          Dennoch steht die virtuelle Kommunikation für viele Jugendliche im Zentrum ihres Freizeitverhaltens: 39 Prozent geben an, man müsse in den sozialen Netzwerken des Internets mittun, „sonst bekommt man nicht mit, was die anderen so machen“. Weitere 24 Prozent finden, diese Aussage sei wenigstens „teils/teils“ richtig. Zwei Drittel sagen deutlich oder teils/teils, es mache ihnen Spaß, im Internet Kontakte zu knüpfen oder zu pflegen.

          Die neuen Kommunikationswege stützen offenkundig auch das wieder steigende politische Interesse der jungen Generation. „Interessiert oder stark interessiert“ zeigen sich 46 Prozent – im Jahr 2002, als der Tiefpunkt des politischen Interesses gemessen worden war, waren es 34 Prozent gewesen. Dabei werden Online-Medien inzwischen neben dem Fernsehen als Haupt-Informationsquellen für politische Geschehnisse angegeben. Und auch bei aktiven politischen Aktionen spielt das Internet eine Rolle: Nach dem politisch motivierten Boykott bestimmter Waren (34 Prozent) wird als zweithäufigste Aktion (27 Prozent) angegeben „Online-Petition unterzeichnen“.

          Enorme Zufriedenheit mit der Demokratie

          Die Zufriedenheit mit der Demokratie erreicht unter den Jugendlichen nach der Shell-Studie Rekordwerte von mehr als 80 Prozent. Auf die gezielte Frage nach der Demokratie in Deutschland antworten noch 77 Prozent der westdeutschen Jugendlichen und 54 Prozent der Ostdeutschen, sie seien sehr oder eher zufrieden. Neben der – kleiner werdenden – Zufriedenheitslücke zwischen Ost und West messen die Forscher auch eine Kluft zwischen den Jugendlichen aus sozial schwächeren Schichten und aus der Oberschicht: Bei Hauptschul-Absolventen liegt die Zufriedenheit bei 56 Prozent, sie steigt auf 78 Prozent bei Abiturienten.

          Die gestiegene Zufriedenheit mit den eigenen und allgemeinen Lebensumständen wirkt sich auch auf das nationale Selbstverständnis aus. 69 Prozent jener Jugendlichen, deren Eltern auch beide in Deutschland geboren wurden, geben an, sie seien (sehr oder eher) stolz, Deutsche zu sein. Von jenen Jugendlichen, bei denen Vater oder Mutter ausländische Wurzeln hat, sagen dies 54 Prozent.

          Und bei Jugendlichen, bei denen beide Eltern nicht aus Deutschland stammen, äußern noch 36 Prozent einen solchen Nationalstolz. Das positive Bild Deutschlands teilen jedoch auch die Migrantenkinder, die sich nicht selbst als stolze Deutsche fühlen wollen. Die Frage, ob Deutschland ein Vorbild für andere Länder sei, bejahen 60 Prozent der Jugendlichen mit und 62 Prozent der Jugendlichen ohne Migrationshintergrund.

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