04.07.2001 · War er innig oder lieblos? Über den guten Kuss streiten sich die Geschlechter. Fest steht nur, dass Frauen lieber schmusen als Männer.
Auf die Hände küsst die Achtung, Auf die Wange Wohlgefallen, Sel'ge Liebe auf den Mund; Aufs geschlossne Aug' die Sehnsucht, In die hohle Hand Verlangen, Arm und Nacken die Begierde; Überall sonst hin Raserei! - Der österreichische Lyriker Franz Grillparzer beschäftigte sich schon vor 150 Jahren mit den Geheimnissen des Küssens. Die Bremer Kulturwissenschaftlerin Ingelore Ebberfeld tritt mit ihren Studien über das Küssen in die Fußstapfen des Dichters. Ihre neuste Umfrage ergab, dass Frauen eher auf Sex als auf das Küssen verzichten würden.
Frauen schmusen gern, Männer wollen lieber Sex ohne Vorspiel: An solchen Vorurteilen ist was dran, wie die Befragung Ebberfelds unter 514 Männern und Frauen zwischen 16 und 91 Jahren zeigt. Ergebnis: Vor die Entscheidung gestellt, würden Frauen eher auf Sex als auf das Küssen verzichten, Männer jedoch eher „das Eine“ vorziehen. Frauen knutschen nach eigenem Bekunden auch weit lieber als Männer.
Küssen und Geschlechtsverkehr
Ebberfeld wollte die gängige Behauptung überprüfen, wonach Frauen das Küssen besonders im Zusammenhang mit dem Geschlechtsverkehr anders bewerten als Männer. „Das bestätigt die Studie in der Tat“, sagt die Wissenschaftlerin. Andere Antworten auf den zehnteiligen Fragebogen findet die Forscherin aber ebenso interessant. Jeder zehnte Mann antwortete nämlich auf die Frage: „Küssen Sie gerne?“ mit: „Geht so“ oder „Nicht besonders“.
Vielleicht werde dem Küssen insgesamt zu viel Bedeutung beigemessen, fragte sich die 49-Jährige, und sie wurde fündig: „In Romanen oder Filmen wird beim Geschlechtsverkehr stets geküsst, doch das hat nur begrenzt mit der Realität zu tun.“ Denn jeder zehnte Befragte gab an, im Bett aufs Küssen zu verzichten.
Auf der Suche nach dem perfekten Kuss
Auf das Thema kam Ebberfeld bei einer Seminararbeit mit Studenten der Universität Bremen. Anfangs war es dabei nur um Geschichte des Schmusens gegangen. Erfanden Adam und Eva das Küssen beim gemeinschaftlichen Biss in den Apfel oder waren es doch eher die Römer? Einer Überlieferung zufolge war nämlich Frauen das Weintrinken verboten, und männliche Angehörige hatten die weibliche Folgsamkeit per Kuss zu überprüfen.
Ums Küssen ranken sich viele hübsche Geschichten, weiß Ebberfeld, die das Thema für das Buch „Küss mich“ aufgearbeitet hat, das im September erscheinen soll. Den Bremer Studenten aber reichte die graue Theorie nicht mehr aus. Am liebsten hätten sie „erfahren, was einen guten Kuss ausmacht“, und nicht, wie die Geschlechter dazu stehen. Doch in der Qualitätsfrage kam man nicht recht weiter.
Wann ist ein Kuss ein Kuss?
„Es lassen sich einfach keine allgemein verbindlichen Kriterien dafür entwickeln“, kommentiert Ebberfeld. Schon an der Frage, wann ein Kuss als innig oder lieblos zu beurteilen sei, würden sich die Geister scheiden.
Sicher ist sich Ebberfeld jedoch mit der Aussage: „Der Kuss wird in den Sexualwissenschaften bislang zu Unrecht völlig vernachlässigt.“ Wäre dies anders, „würde es helfen zu zeigen, dass Sexualität nicht nur aus Geschlechtsverkehr besteht“. Sexualforschung werde aber „meist von Männern betrieben, und die sind offenbar zu sehr aufs Genital orientiert“.