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Sexting unter Jugendlichen : Ich will was von dir sehen

  • -Aktualisiert am

Sexting wird vor allem dann zur Gefahr, wenn die Bilder ohne Einverständnis weitergegeben werden Bild: Illustration Jan Bazing

Jugendliche verschicken ständig etwas per Smartphone - auch Sextings, Nacktbilder von sich selbst. Was aber, wenn die Fotos weitergeschickt werden?

          Wäre es nach der Mutter gegangen, hätte kein weiterer Erwachsener von der Sache erfahren. Die Tochter von der Schule nehmen, sie auf einer anderen neu beginnen lassen, einen Schlussstrich ziehen - so hatte sie sich das vorgestellt. Als Schulleiter Markus Bente jedoch von der plötzlichen Abmeldung des Mädchens hörte, wollte er den Grund wissen. Bente bat die Mutter zum Gespräch, hakte nach. Die Mutter druckste herum. Irgendwann, erzählt Bente, sei es aus ihr herausgebrochen: die Sache mit der Tochter und den Nacktfotos. Das, was Bentes Schüler längst wussten, was alle gesehen hatten. Nur die Erwachsenen, der Schulleiter, die Lehrer und die Eltern, die wussten natürlich von nichts.

          Weil Mutter und Tochter nicht mit der Presse sprechen wollen, erzählt uns Schulleiter Bente die Geschichte, so wie sie ihm damals geschildert wurde. Das war im vergangenen Jahr. Und die Geschichte geht so: Ein etwa 15 Jahre altes Mädchen verliebt sich in einen jungen Mann. Er ist 18 und lebt wie das Mädchen in Neuhof oder Umgebung, das ist eine 10.000-Seelen-Gemeinde in der Nähe von Fulda. Die zwei beginnen sich SMS zu schicken. Irgendwann schreibt er: „Ich will was von dir sehen.“ Sie zieht das T-Shirt aus, posiert im BH vor der Kamera ihres Smartphones, schießt ein Foto von sich und sendet es auf das Handy des Jungen. „Sexting“ nennen das die Jugendlichen. Eine Mischung aus Sex und texting, dem englischen Wort fürs SMS-Schreiben. Das Phänomen kommt aus den Vereinigten Staaten. Der Junge schreibt: „Zeig noch mehr.“ Das Mädchen zeigt mehr, drückt auf den Auslöser der Kamera - und dann auf „Senden“.

          Jeder Vierte hat schon mal Nacktfotos verschickt

          Etwas Zeit vergeht. Eines Tages kommt das Mädchen in ihre Schule, die Wernher-von-Braun-Gesamtschule in Neuhof. Die Mitschüler tuscheln und blicken feixend in ihre Richtung. Sie fragt sich, was das soll. Dann erfährt sie den Grund: Ein Mitschüler hat freizügige Fotos von ihr im Internet entdeckt. Den Link hat er an zahlreiche Klassenkameraden versendet. Offenbar hat der heimliche Schwarm die Bilder einfach ins Netz gestellt, die das Mädchen ihm geschickt hatte. Gefragt hat er sie nicht. Nun hat die ganze Schule das Mädchen nackt gesehen.

          Heute wissen in der osthessischen Provinz auch die Erwachsenen über Sexting Bescheid. Dieses amerikanische Ding zirkuliert inzwischen auch in Deutschland, überall, wo Jugendliche mit Smartphones zur Schule kommen. Umfangreiche Studien für Deutschland liegen nicht vor, aber man kann mit aller Vorsicht die Daten aus den Vereinigten Staaten und Großbritannien heranziehen: Dort hat jeder Vierte schon einmal freizügige Handyfotos von sich an den Partner, den Flirt oder einen Freund gesendet. Eine Umfrage der FH Merseburg unter ostdeutschen Schülern kam zu dem Ergebnis, dass 19 Prozent der Mädchen und 11 Prozent der Jungen schon einmal erotische Fotos und Filme von sich produziert und verschickt haben - sei es aus Spaß, als Liebesbeweis oder in der Hoffnung, den anderen für sich zu gewinnen, sei es als sexuelles Initiationsritual, als Ruf nach Anerkennung oder als Abbild des enormen Drucks, unter dem pubertierende Jugendliche in Körperfragen stehen, vor allem Mädchen, die weit aktiver beim Sexting sind als Jungen.

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