Home
http://www.faz.net/-gum-12jcz
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Sexsucht Lust als Leid

 ·  Sexsucht ist kein glamouröses Laster von Hollywoodstars: Schon junge Männer leben ihre Gier als Rausch, bis ihr Leben in Scherben liegt. Kompetente Hilfe ist rar. Einblicke in die einsame Jagd nach dem nächsten Höhepunkt und die Angst danach.

Artikel Bilder (5) Lesermeinungen (5)

Der Frühling ist eine schwere Zeit für ihn. Wenn es draußen wärmer wird und die Luft zu knistern scheint, wenn wieder Haut zu sehen ist auf offener Straße, wenn Blicke fliegen, sich Pärchen aneinanderschmiegen und einen schon im Morgengrauen das Balzgeschrei der Vögel weckt, wird die Vergangenheit mächtig. Es steigt in ihm hoch, wie er absichtlich vage sagt. „Was ich mir vorstelle, habe ich dreißig Jahre lang gelebt. Das hat mich ins Chaos getrieben.“ Er sieht blass und abgespannt aus. Wenn er im Café mit sich eine Wette abschließt, wie lange es dauern mag, bis die Schöne am Nachbartisch eine Zigarette anzündet, weiß er, dass er besser geht. Wenn er in einer fremden Stadt zum Bahnhof muss, besorgt er sich vorher seine Abfahrtszeit. Es könnte sonst passieren, dass er sich treiben lässt, hinein in die rot- oder zwielichtigen Straßenzüge der Umgebung, für die er einen so sicheren Riecher hat. Er sagt, es habe ihn fast das Leben gekostet. Die Lust und der Rausch. Das Leid und die Angst. Er nennt es Sucht.

Kurz vor dem Start seiner neuen Fernsehserie kündigte der amerikanische Schauspieler David Duchowny vergangenen Sommer an, er werde sich wegen seiner Sexsucht in eine Klinik begeben. Auch Michael Douglas soll betroffen sein, der das immer bestritten hat, aber in Verbindung mit Hollywood klingt jedes Laster sympathisch verrucht und sichert vor allem eines: Aufmerksamkeit. Wenn in Amerika zudem die Leidenschaft eines Ex-Präsidenten für seine Praktikantin mit Sexsucht erklärt wird, wird der Begriff zum Etikett für alles, was moralbewehrte Standardvorstellungen ehelicher Treue und sexueller Aktivität übersteigt. Entsetzen paart sich mit Voyeurismus. Hierzulande rätseln verunsicherte Männer im Internet über Kriterien für Abhängigkeit. Frauen wenden sich an Beratungsstellen, weil ihre Partner Affären haben, und hoffen, eine Sucht bedeute, er könne nichts dafür.

Der Mann, der sich Herbert nennt, sucht keine Öffentlichkeit. Er verschweigt seinen Beruf, die Stadt, in der er lebt, und seinen richtigen Namen. Er ist in den Fünfzigern, das muss reichen. Er kokettiert nicht, er braucht keine Erklärung, er bemüht keine Entschuldigung. Seine Geschichte hat mit Glamour nichts zu tun. Seine Sprache ist diskret. Wenn Herbert von einem Leben erzählt, das sich jahrzehntelang um Sex gedreht hat, ist erstaunlich wenig von Sex die Rede. Er will sich selbst davor schützen, den Sog zurück in den Teufelskreis zu beschwören. Herbert sagt lieber: „Ich habe ausagiert.“

Das ganze Leben ist Sex

Herbert sitzt irgendwo in Deutschland in dem kargen Raum eines Gemeindezentrums, in dem sich regelmäßig eine Selbsthilfegruppe der „Anonymen Sex- und Liebessüchtigen“ trifft: ein Jedermann in Jeans und Outdoorjacke, neben dem man an der Bushaltestelle warten könnte, ohne ihn zu bemerken. Durch das offene Fenster dringt Kinderlachen, irgendwo probt der Kirchenchor. Herbert ist in einer konservativen Mittelschichtfamilie aufgewachsen und schon während der Schulzeit erfolgreich ins Berufsleben gestartet. Aber das Normale war nicht seine Welt. Das Muster, unter dem er seit Jahrzehnten leidet, hat er sich als Jugendlicher zusammen mit den ersten Pornoheften zugelegt. Er war viel unterwegs, schlief im Hotel. Keiner hat etwas gemerkt. Herbert sagt: „Ich habe zwölf Stunden gearbeitet, und dann bin ich abends losgezogen, um irgendwo anonymen Sex zu kriegen.“ Wenn er aus Paris zurückkam und Bekannte fragten, ob er im Museum gewesen sei, log er, er habe durchgeschafft. Als er zur Expo nach Hannover reiste, verließ er die Weltausstellung nach zwei Stunden, um bis morgens um fünf durchs Milieu zu streunen.

Diagnose Sexsucht existiert nicht

Die Diagnose Sexsucht gibt es nicht. In den Klassifikationslisten, mit denen Ärzte arbeiten, kommen keine sogenannten Verhaltenssüchte vor. Suchttherapeuten werfen Sexualwissenschaftlern vor, aus Furcht vor einer Stigmatisierung der Sexualität für deren krankhafte Auswüchse blind zu sein. Sexualtherapeuten wiederum unterstellen Suchthelfern, die Besonderheiten der „Droge“ Sex zu verkennen, schon weil Abstinenz keine langfristige Hilfe sei. Amerikanische Schätzungen gehen davon aus, dass drei bis fünf Prozent der Bevölkerung unter Sexsucht leiden. „Das ist aus meiner Sicht zu hoch gegriffen“, kommentiert Peer Briken, Geschäftsführer der Deutschen Gesellschaft für Sexualforschung. Er führt Studien an, nach denen drei bis fünf Prozent der Bevölkerung deutlich häufiger als die Mehrheit sexuell aktiv seien, nämlich mindestens einmal am Tag. Das bedeute allerdings nicht, dass damit eine Störung verbunden sei. Trotzdem stellt der Wissenschaftler am Institut für Sexualforschung der Uniklinik Hamburg fest: „Sexuelle Süchtigkeit ist ein relevantes Problem. Wir haben viele Patienten. Und wir haben große Schwierigkeiten, die versorgt zu bekommen.“

Studenten, die durch jede Prüfung fallen, weil sie unvermittelt aus der Vorlesung stürzen, um sich auf der Universitätstoilette selbst zu befriedigen. Ehemänner, die sich die halbe Nacht lang Pornobilder auf den Rechner laden und masturbieren, bis sie wund sind. Angestellte, die für Prostituierte zahlen, bis das Geld für die Miete fehlt. Frauen, die Schwangerschaften und Aids riskieren, weil sie sich einen Kerl nach dem anderen ins Bett holen. Sexsucht ist keine Frage der Quantität. Typisch sind Einsamkeit und Elend und die traurige, bisweilen schmerzhafte Jagd nach einem Höhepunkt, der sich immer später einstellt. „Sexsucht definiert sich allein aus den Folgen“, sagt Kornelius Roth, einer der wenigen Therapeuten, die sich für die Behandlung gerüstet fühlen. In seiner Praxis in Bad Herrenalb berät Roth unter anderen Ärzte und Rechtsanwälte. Ihm fällt auf, dass immer jüngere Männer auf Hilfe angewiesen sind. Es gibt wenig gesicherte Daten. Aber man weiß, dass deutlich mehr Männer als Frauen betroffen sind. Viele haben auch andere Süchte.

Schuldgefühle wegen Sex werden mit Sex bekämpft

Bei seinen Patienten beobachtet Roth die klassischen Kriterien für Abhängigkeitserkrankungen: Toleranzentwicklung, Dosissteigerung, Kontrollverlust. Irgendwann wird die Sucht so groß, dass Partnerschaft und Beruf, das soziale Umfeld oder Hobbys vernachlässigt werden. Obwohl die schädlichen Konsequenzen deutlich spürbar sind, können die Betroffenen ihr Verhalten nicht stoppen. „Das Zerstörerischste sind die emotionalen Folgen“, sagt Roth. Typischerweise schämen sich Sexsüchtige und fühlen sich schuldig. Aber das Einzige, was ihnen einfällt, um ihr gebeuteltes Selbstwertgefühl wieder aufzubessern ist – Sex. Sexualforscher Briken erklärt: „Von der biologischen Seite her ist Sexualität ein starker Stimulus und Verstärker. Sie dient bei vielen Menschen dazu, depressive Stimmungen und Ängste abzuwehren.“ Beim Orgasmus werden Botenstoffe freigesetzt, die in ähnlicher Weise wie stoffliche Drogen das Belohnungssystem im Gehirn stimulieren.

Herbert hat das so erlebt. Sex machte ihn high. Sex gab ihm Energie. Manchmal kam er aus einer Spelunke, blickte in den Sternenhimmel über sich und malte sich aus, Manager eines Nachtclubs zu werden. In solchen Momenten kam er sich großartig vor. Meistens fühlte er sich klein. Er litt darunter, „so eine große, tiefe, dunkle Seite zu haben“, die vor seinem eigenen biederen Weltbild keine Gnade fand. Dazu kam die Angst, erwischt zu werden. „Angst, Angst, Angst“, sagt Herbert. Einmal ist ihm im Büro die Eintrittskarte eines Pornokinos aus der Tasche gefallen. Das Grauen steht ihm bis heute im Gesicht.

Acht Stunden täglich vor dem Rechner

Das Internet mit seiner Bilderflut war für ihn, als habe man einem Alkoholiker eine Zapfanlage ins Wohnzimmer gestellt. Trotzdem sagt Herbert: „Irgendwann gab es gar nicht mehr genug Stoff.“ Da saß er acht Stunden vor dem Rechner und war immer noch auf der Suche nach dem ultimativen Bild. „Es hat nicht mehr gereicht, um mir den Kick zu verschaffen.“ Immer länger, immer öfter war er unterwegs, „in jeder freien Minute“, auf der Suche nach anonymem Sex, oft mit Frauen, egal wo, auch mit Männern, weil es billiger war. „Das zieht einfach unheimlich Energien ab.“

Irgendwann waren seine Kräfte aufgebraucht, er fühlte sich gescheitert. Er trank. Wegen der Zigaretten brachte er kaum einen Satz zu Ende, ohne zu husten. Nur seine Freundinnen wussten von nichts. Hasslieben waren das, zerstörerische, vorzugsweise asymmetrische Beziehungen, nach denen er sich süchtig fühlte. Sex spielte keine Rolle. „Ich hatte ja dauernd Sex. Dann hatte ich zu Hause keine Lust. Da war manchmal ein Jahr lang nichts“, sagt Herbert. Nur das schlechte Gewissen. Nach dramatischen Trennungen fand er sich im Krankenhaus wieder, weil er Tabletten genommen hatte oder sein Körper kollabierte. Die Suizidgefahr bei Sexsüchtigen ist hoch. Klinikärzte haben Herbert schließlich in eine Selbsthilfegruppe geschickt.

Intimität schätzen lernen

Die Gründe, warum Lust zur Krankheit wird, liegen vermutlich in der Kindheit. Fachleute halten Beziehungs- und Bindungsstörungen für eine Voraussetzung. Oft gibt es ein sexuelles Trauma. Entscheidend scheint aber auch der Umgang der Familie mit Sexualität zu sein. Dabei kann es genauso schädlich sein, wenn Kinder zu früh mit sexuellen Reizen überschwemmt werden, wie wenn sie in einem von Scham, Verboten und Tabus geprägten Umfeld aufwachsen. Und weil Sexsüchtige früh gelernt haben, ihr Befinden über Sexualität zu steuern, setzen verhaltenstherapeutische Ansätze genau hier an. Das Ziel sei, erklärt der Berliner Sexualtherapeut Christoph Ahlers, jenseits von sexueller Erregung Wege zu erschließen, um positive Empfindungen zu verstärken. Außerdem arbeitet Ahlers mit seinen Patienten daran, befriedigende Sexualität in Beziehungen zu lernen, wobei der Geschlechtsakt selbst weniger wichtig sei als Intimität und Kommunikation.

Herbert sucht nicht nach den Anfängen. Er fragt auch nicht nach der Zukunft. Er lebt nach dem Programm, nach dem auch die Anonymen Alkoholiker arbeiten: Entscheidend ist, dass ich heute nüchtern bleibe. In der ersten Zeit war jeder Augenblick ein Kampf. „Monatelang war das ein Entzug, eine Mischung aus Suchtdruck und Angst.“ Inzwischen hat Herbert definiert, was Abstinenz für ihn bedeutet: Kein anonymer Sex, keine Affären, stattdessen: Sex mit seiner Freundin. Zum ersten Mal hat Herbert eine Partnerschaft, in der alltägliche Dinge wichtig sind, Einkaufen zum Beispiel, die Wohnung aufräumen. Und zum ersten Mal hat er das Gefühl, wirklich eine Beziehung zu einem anderen Menschen zu haben – und zu sich selbst.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1971, freie Autorin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

Jüngste Beiträge