22.05.2011 · Sind mächtige Männer besonders anfällig für sexuelle Eskapaden? Woher kommt der Glaube, Frauen stünden ihnen so selbstredend zu wie Dienstwagen? So unterschiedlich die jüngsten Skandale sind, es gibt ein Muster.
Von Bertram EisenhauerMeine Herren, welch eine Woche das war für allerlei Lektionen in Sexualkunde, nicht nur in politischer. Man weiß kaum, welche Aspekte der Enthüllungen über die geschlechtlichen Gewohnheiten von gleich zwei mächtigen Männern, Dominique Strauss-Kahn und Arnold Schwarzenegger, die eigene Aufmerksamkeit und Nachdenklichkeit kräftiger füttern werden.
Da gibt es den Politthriller: Einer der mächtigsten Banker des Planeten, von dessen Entscheidungen das Wohl und Wehe ganzer Volkswirtschaften abhängt; eine Suite im Nobelhotel; ein Zimmermädchen; der Vorwurf: versuchte Vergewaltigung. Festnahme, Haftrichter, Demütigung. Alles eine Verschwörung seines Widersachers, immerhin Präsident einer Großen Nation? Dann das Melodram: Der Ex-Bodybuilder, -Filmstar, -Gouverneur und seine Frau, Mitglied der glamourösesten Familie des Landes; seine Affäre mit einer Haushälterin, vollzogen angeblich zum Teil im ehelichen Bett; ein Kind, inzwischen 13, das im Haushalt der Betrogenen angeblich oft zu Besuch war über die Jahre.
Und was lernen wir? Auf die Gefahr hin, zu klingen wie Alice Schwarzer: Wir leben in einer Kultur, die besessen ist vom Körper der Frau. Beweisstück A: Wer war der heimliche Star der Hochzeit von Prinz William und Kate Middleton? Braut-Schwester Pippa. Dazu musste sie nicht etwa eine originelle Rede halten oder dergleichen; sie musste ein Kleid tragen und, Verzeihung, rattenscharf aussehen. Das ist ein harmloses Beispiel, aber es markiert eine Prägung. In dieser Kultur gilt es gerade für Männer oft weiter als Zeichen und Zubehör von Macht, über Frauenkörper zu verfügen – recht unabhängig davon, dass die Gleichberechtigung der Geschlechter einen historischen Höchststand erreicht hat. Das muss nicht gleich kriminell sein; jenseits der Verführung, bis hin zur Vergewaltigung, gibt es viele Schattierungen. Wenn Sex als etwas betrachtet wird, das einem Privilegierten zusteht wie der Dienstwagen, hat man die Grenze hinter sich gelassen.
Es geht um Macht, Status und Kontrolle
Es ist eben wahr: Sex ist kein Refugium, kein verlässliches wenigstens; er ist auf vielerlei Weise von Macht, Status und Kontrolle durchdrungen. Das machen Politiker und andere Mächtige, deren sexuelle Eskapaden auffliegen, von Bill Clinton über Silvio Berlusconi bis hin zu Schwarzenegger und Strauss-Kahn, nur publik, ungewollt selbstredend.
Im Falle Strauss-Kahn muss man dabei nicht einmal annehmen, dass er getan hat, was die New Yorker Staatsanwaltschaft ihm zur Last legt. Solange er nicht rechtskräftig verurteilt ist, muss seine Unschuld vermutet werden. Die Anwälte des Franzosen werden wohl argumentieren, er habe mit dem Zimmermädchen Sex gehabt – aber „einvernehmlichen“, wie die Juristen sagen. Doch selbst wenn sich Strauss-Kahns Version der Ereignisse im „Sofitel“ vor Gericht durchsetzen sollte: Mittlerweile sind viele weitere Einzelheiten aus dem Liebesleben des ehemaligen Chefs des Internationalen Währungsfonds (IWF) in die Öffentlichkeit gedrungen, die bislang in der französischen Presse weitgehend unterschlagen wurden, weil die Journalisten sie seiner Privatsphäre zuordneten; aus ihnen ergibt sich das Bild eines seriellen Ehebrechers, der Frauen aggressiv umwarb – und dabei auch die Regalien seiner Position gezielt einsetzte.
Erst jetzt öffentlich wird beispielsweise der Brief einer Untergebenen des Franzosen beim IWF, die 2008 eine kurze Affäre mit ihm hatte und daraufhin warnte, jemand wie er sei nicht geeignet, „eine Institution zu leiten, in der Frauen unter ihm arbeiten“. Ihre Beziehung zu Strauss-Kahn, bald aufgeflogen, blieb für ihn bis auf eine Rüge des IWF folgenlos; ganz freiwillig, so legt sie nahe, sei diese ebenfalls nicht gewesen – nicht ganz so spielerisch, wie Bernard-Henri Lévys Verteidigungsrede, Strauss-Kahn sei eben „ein Freund der Frauen“, klang.
Ob Männer, denen politische Ämter oder Prominenz hohes Ansehen verschaffen, für den Ehebruch – klassische Voraussetzung eines Sexskandals – besonders anfällig sind, ist schwer zu entscheiden. Evolutionspsychologen wie Todd Shackelford von der Oakland University in Michigan sind überzeugt, Seitensprünge seien ein Resultat von Gelegenheiten – und von diesen hätten Männer mit Status eben mehr als ihre weniger potenten Geschlechtsgenossen. „Der beste Prädiktor für die Untreue bei Männern“, erklärte Shackelford dem amerikanischen Rundfunksender NPR, „ist die schiere Gelegenheit, und Männer mit Macht haben bemerkenswerte Gelegenheiten.“
Das Klischee von der „Erotik der Macht“
Von der „Erotik der Macht“ spricht das Klischee, und für diese kennt auch die deutsche Politik Beispiele, man denke nur an Willy Brandts von der Presse mit geradezu französischem Verständnis beschwiegenen Liebeleien. Das muss nicht unbedingt heißen, dass die beteiligten Gefühle nicht echt oder dass ungebührliche Überwältigung im Spiel wäre. Der eine verliebt sich in die perfekt geschwungene Nackenlinie, die andere in die Selbstsicherheit des Mannes, der gewöhnt ist, ständig vor vielen Mikrofonen Auskunft zu geben. Womöglich ist es aber auch genau umgekehrt, und das Wissen um die Fragilität des Erfolgs oder die Einsamkeit in der Hauptstadt machen manches Alphamännchen irgendwann schwach.
Die Besonderheiten des Daseins als Politiker erhellen vielleicht auch, warum einige von diesen dann auch Grenzen übertreten. „Diese Menschen haben viel erreicht und halten sich mitunter für unangreifbar“, sagte der Hamburger Paartherapeut Elmar Basse jetzt dem Online-Ableger des „Stern“. Sie gingen deshalb davon aus, „dass sie sich nehmen können, was sie wollen“.
Als Politiker Widerstände zu überwinden, das präge: „Und wer sich daran immer mehr gewöhnt und damit durchkommt, neigt leichter dazu, dies auch auf anderen Gebieten zu probieren.“ Auf seine gewohnt trockene Art bestätigt das SPD-Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier: „Die Gewöhnung an Macht birgt ohne Zweifel Risiken“, sagte er dem „Spiegel“. Sie könne „blind machen und dafür sorgen, dass Einzelne, die lange in hohen Positionen sind, den Boden unter den Füßen und Maßstäbe verlieren, glauben, über dem Recht zu stehen“. Das gebe es nicht nur unter den Mächtigen in der Politik: „Ich ahne, dass in Lebensbereichen, die nicht so in der Öffentlichkeit sind – wie Wirtschaft und Verbände –, Risiken und Anfälligkeiten nicht geringer sind.“
Schmutzige Politiker-Affären
Zu einer Art Matrix für viele Affären um sexuelle Fehltritte ist Bill Clinton geworden, und das nicht nur, weil in seinem Fall ausgerechnet der sogenannte mächtigste Mann der Welt mit heruntergelassenen Hosen dastand und darüber beinahe des Amtes enthoben wurde. Geradezu musterhaft bei Clinton war die Tatsache, dass er eine Frau hatte, die ihn lange verteidigte (sehr viel länger als viele andere in vergleichbarer Lage) – und dass die anderen Frauen, mit denen er sich einließ, im sozioökonomischen Status deutlich unter ihm standen: das Model Gennifer Flowers, die Rezeptionistin Paula Jones, die blutjunge Praktikantin Monica Lewinsky.
Am unverhülltesten ist dieses nicht nur für Politiker-Affären typische und perfide Hierarchiegefälle bei Silvio Berlusconi zu beobachten: Für seine „bunga bunga“-Partys griff er angeblich gleich zu Prostituierten, ähnlich wie übrigens auch New Yorks Gouverneur Eliot Spitzer, der 2008 zurücktreten musste. Doch auch in anderen Fällen stets dasselbe Muster: John Edwards, Präsidentschaftskandidat 2004 und 2008 – eine Schauspielerin und Filmproduzentin, mit der er ein Kind zeugte; er zwang zunächst einen engen Mitarbeiter, sich als Vater zu bekennen. Schwarzenegger – die Haushälterin. Strauss-Kahn – die Untergebene beim IWF, von anderen ganz zu schweigen. Halten Männer diese Frauen für leichter zu beeindrucken? Kann man sie instrumentalisieren und kontrollieren? Besser auf den Sex reduzieren?
Frauen nehmen den Partner lange in Schutz
Vielleicht ist es aber gerade Teil ihrer ganz eigenen Attraktion, dass sie das Gegenmodell bilden zu den oftmals sehr erfolgreichen Frauen, mit denen die Ehebrecher verheiratet sind und die von ihnen eine Beziehung auf gleicher Augenhöhe verlangen. Clinton hatte in Hillary eine Partnerin gefunden, die ihm in Sachen Bildung und Ehrgeiz ebenbürtig war – und die ihre eigene Karriere zugunsten der seinen trotzdem erst einmal pausieren ließ; als im Präsidentschaftswahlkampf 1992 Gerüchte über seine Frauengeschichten seine Kandidatur bedrohten, setzte sie sich neben ihn vor eine Kamera und sagte, sie liebe und respektiere ihn: „Und wissen Sie, wenn das den Leuten nicht reicht, dann, verdammt, stimmen Sie nicht für ihn.“
Für den Österreicher Schwarzenegger mit seinen politischen Ambitionen war Maria Shriver, mehrfach ausgezeichnete Fernsehjournalistin und Nichte von John F. Kennedy, eine echte Trophäe, als die beiden 1986 heirateten; als Republikaner war er ihrer Familie nur schwer vermittelbar. Als er sich 2003 für das Amt des Gouverneurs von Kalifornien bewarb und die „Los Angeles Times“ über Frauen berichtete, die er angeblich sexuell belästigt hatte, nahm ihn Shriver öffentlich in Schutz.
Auch Anne Sinclair, Fernsehjournalistin und Medienmanagerin, hat ihren Mann Dominique Strauss-Kahn bisher immer verteidigt: Ein Politiker müsse eben „verführerisch“ sein. Wie lange das wohl halten wird, jetzt, da dem Verführerischen nicht mehr nur ein Seitensprung nachgesagt wird, sondern er wegen versuchter Vergewaltigung angeklagt wird?
Als Oprah Winfrey Shriver in ihrer Talkshow einst fragte, ob man ihr als einem Mitglied des affärengeübten Kennedy-Clans beigebracht habe, einem Gatten auch Untreue nachzusehen, wurde Shriver ungehalten: „Wissen Sie, das macht mich wirklich sauer. Ich bin eine Frau, die auf eigenen Beinen steht. Ich bin nicht, Anführungszeichen, dazu erzogen worden, einfach wegzuschauen.“ Und tatsächlich, man muss es Shriver lassen: Kaum hatte Schwarzenegger ihr die Affäre mit der Haushälterin gestanden, verließ sie ihn. Damit entzog sie sich dem Zugriff eines Mannes, der als Darsteller von Maschinen berühmt geworden war.
Bertram Eisenhauer Verantwortlich für das Ressort „Gesellschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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