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Seuchen : Der Wettlauf gegen die Zeit

  • -Aktualisiert am

Eines der vielen Massengräber in Thailand Bild: REUTERS

Verschmutztes Trinkwasser, Krankheitserreger, gefährliche Mücken: Beim Kampf gegen Seuchen muß schnell gehandelt werden. Sonst droht nach der Flut eine zweite Katastrophe.

          Die Ausbreitung von Seuchen in der südostasiatischen Krisenregion wird vor allem davon abhängen, wie schnell die Infrastruktur in den Katastrophengebieten wieder aufgebaut und die Gegend mit sauberem Trinkwasser versorgt wird. "Je langsamer die Aufräumarbeiten voranschreiten, desto wahrscheinlicher wird die Ausbreitung von Epidemien", sagt Tomas Jelinek, stellvertretender Leiter des Tropeninstituts in Berlin.

          Wenn es kein sauberes Trinkwasser gebe, müßten die Menschen aus verunreinigten Gewässern wie zum Beispiel Pfützen trinken. In dem Wasser befänden sich jedoch Krankheitserreger, die Durchfallerkrankungen wie Ruhr oder Cholera hervorrufen können. Da in den vom Tsunami getroffenen Gebieten jedoch oft auch die sanitären Anlagen zerstört seien und die Menschen ihre Notdurft unter freiem Himmel verrichten müßten, komme es zu einer Vermischung der Abwasser mit Trinkwasser.

          "Je mehr Menschen an Durchfall leiden, desto mehr Krankheitserreger geraten mit der menschlichen Notdurft in Umlauf und verunreinigen das Wasser, das wiederum getrunken wird, weil kein anderes da ist", erklärt Jelinek den Kreislauf. Deswegen sei es auch besonders wichtig, Wasseraufbereitungsanlagen und Wasserentkeimungstabletten in die getroffenen Gegenden zu bringen. Wer keinen Zugang zu chemischen Mitteln der Wasserreinigung habe, solle das Wasser abkochen, rät Jelinek.

          Wasserlachen als ideale Brutplätze

          Ein weitere Gesundheitsgefährdung geht von krankheitsverbreitenden Mücken aus, denen die zurückgebliebenen Wasserlachen als ideale Brutplätze dienen. "Im Moment sind die Mücken vom Salzwasser weggespült worden, aber wenn sie zurückkehren, dienen ihnen die Pfützen, die sich in den Trümmern bilden, als ideale Brutplätze", sagt der Mediziner. Als besonders wahrscheinlich schätzt er die Ausbreitung von Dengue-Fieber ein. "Im Gegensatz zu einigen Meldungen der vergangenen Tage stellt nicht Malaria das Hauptproblem dar, sondern Dengue-Fieber", so Jelinek. Die Anopheles-Mücken, die Malaria übertragen, brauchten nämlich sauberes Wasser als Lebensgrundlage. Die Aedes-Mücken hingegen, die Dengue-Fieber verbreiten, könnten auch in schmutzigen Gewässern leben.

          Eine weitere Schwierigkeit liegt darin, daß sich die Menschen aufgrund der Zerstörungen nicht ausreichend vor den Mücken schützen können. Da viele Häuser zerstört sind, übernachten die Getroffenen im Freien. Moskitonetze und Mückenschutz sind auch kaum noch vorhanden, so daß die Menschen den Mücken eine große Angriffsfläche bieten.

          Beim Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen Unicef, der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und beim Internationalen Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) in Genf herrscht wegen der Seuchengefahr höchste Alarmstufe. Laut Unicef sind Millionen Menschen von den oben genannten Epidemien bedroht. Der Generalsekretär der Vereinten Nationen, Kofi Annan, rechnet damit, daß sich die Bilanz der Opfer wegen der Krankheiten noch um Zehntausende erhöhen wird.

          „Die sanitären Verhältnisse sind sehr schwierig“

          Dutzende Hilfsorganisationen haben Mitarbeiter und Mittel mobilisiert, um zu verhindern, wovor die Weltgesundheitsorganisation warnt - daß an Seuchen noch einmal so viele Menschen sterben wie in der großen Flut. "Der unmittelbare Schrecken, der mit dem Erdbeben und den Flutwellen verbunden ist, kann von den längerfristigen Leiden in den Schatten gestellt werden", befürchtet der Krisenbeauftragte der Weltgesundheitsorganisation, David Nabarro. Innerhalb von zwei bis drei Wochen müsse es gelingen, die Menschen in den Katastrophengebieten rund um den Indischen Ozean mit Wasser, Lebensmitteln, Unterkünften und sanitären Einrichtungen zu versorgen. Annan hat Expertenteams entsandt, um den Hilfsbedarf umgehend zu beziffern und den internationalen Einsatz zu koordinieren.

          "Die Behörden hier in Sri Lanka versuchen alles zu tun, damit die Seuchengefahr eingedämmt wird", sagte Katastrophenhelferin Simone Pott von der Deutschen Welthungerhilfe der Presseagentur AFP. Pott war gleich am Montag von Deutschland nach Colombo geflogen und unterstützt inzwischen aus dem Norden des Landes den Rettungseinsatz. Trinkwasser gebe es noch, berichtet Pott. "Aber die sanitären Verhältnisse sind sehr schwierig."

          Das Internationale Komitee vom Roten Kreuz hat Mittel für eine medizinische Grundversorgung von 120.000 Menschen nach Sri Lanka geschickt, vor allem um Durchfallkrankheiten zu bekämpfen. Innerhalb von zwei bis drei Wochen müsse das Wesentliche geleistet werden, sagt Nabarro. Nur dann werde man verhindern können, daß sich Seuchen ausbreiteten.

          Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 31.12.2004, Nr. 306 / Seite 9

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